Eine Südtiroler Studentin und Corona-Skeptikerin erzählt von den dramatischen Tagen mit der Krankheit und den Schuldgefühlen, die sie quälen.<BR /><BR /><BR /><BR />Am Weihnachtsabend habe ich noch meine Familie versucht zu überzeugen und ihnen gesagt, es sei alles übertrieben und sie sollten sich darüber keine Sorgen machen – dass ich überhaupt keine Angst hätte und ich von mir aus das Virus auch bekommen könnte.<BR /><BR />Doch am nächsten Morgen wachte ich mit Fieber und extremen Kopfschmerzen auf und wusste sofort: Da stimmt etwas nicht. <BR />Dann kam der Arzt, ein Test und…positiv. Natürlich Corona. Was denn sonst?<BR /><BR /><b>Den ganzen Tag im Bett</b><BR /><BR />Mein Herz machte einen Rückwärtssalto, ich verfiel in Panik und gab mir selbst die Schuld. Der Arzt sah mich böse an und befahl mir, mich in mein Zimmer einzusperren. Lange. So lange, bis ich negativ sein würde. Bis zu 21 Tage. Einfach so. Und natürlich durfte ich niemanden sehen, mit niemandem sprechen, musste das alleine durchstehen, mein Zimmer jeden Tag lüften und meine Sauerstoffsättigung messen. Ich bin Asthmatikerin und damit Risikopatientin, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht.<BR /><BR />Ich konnte nie schlafen, da ich nun zu viel nachgedacht hatte. In meinem Zimmer war es eiskalt vom ständigen Lüften und ich war ganz allein.<BR />Ich selbst bin nun ein „Parasit“ und unerwünscht. Das tut so weh.<BR />Das Pulsoxymeter den ganzen Tag auf einem Finger oben: Die Sättigung darf nicht unter 93 fallen. Bis jetzt ist alles gut…und doch nichts.<BR /><BR />Was ich den ganzen Tag getan habe? Ich lag nur im Bett und hoffte, dass die Zeit schneller vergeht, dass meine Sättigung normal bleibt und ich irgendwann den Himmel wieder sehen kann. Ich konnte weder Filme schauen noch Musik hören oder mit jemandem reden, habe kaum auf Nachrichten geantwortet oder abgehoben. Ich wollte nur für mich allein sein, aus Angst jemanden zu verlieren. Und ich dachte ständig nach, wen ich nur angesteckt und wo ich mich angesteckt haben könnte. <BR /><BR /><b>Geruchs- und Geschmackssinn sind weg</b><BR /><BR />Also ließen sich die wenigen Menschen testen, mit denen ich zuletzt in Kontakt war, doch: alle negativ. Und dann fiel mir ein, wie oft ich die Maske nicht richtig aufgesetzt hatte, mit Zügen gefahren war und mich über Menschen und ihren Masken lustig gemacht hatte. Ich erinnerte mich an all die Male, als ich meine Hände nicht gewaschen und mich mit vielen Leuten getroffen hatte, ohne nachzudenken. Und ich kam auf eine Antwort.<BR /><BR />Also vergingen die Tage 1, 2, 3, 4… und es ging mal besser, mal schlechter. Am dritten Tag verlor ich meinen Geruchs- und Geschmackssinn – ein komisches Gefühl, wenn man etwas isst und einem vorkommt, an Gummi kauen. Dann bekam ich Bauchschmerzen und extreme Appetitlosigkeit, konnte gar nichts mehr essen und nahm stark an Gewicht ab. Wenn ich auch nur etwas Essbares sah, wurde mir schon schlecht. <BR /><BR /><embed id="dtext86-47397242_quote" /><BR /><BR />Am nächsten Tag wachte ich auf und sah alles doppelt – die schlimmsten Schwindelgefühle, die ich je erlebt habe. Ich war zu schwach, um auf Toilette zu gehen, konnte nicht duschen oder auf den Balkon gehen. Ich lag den ganzen Tag im Bett in der Hoffnung, es würde endlich aufhören. So langsam versuche ich ein bisschen zu gehen, doch ich werde sofort müde. <BR /><BR />Corona macht einen körperlich fertig – ich war abgeschlagener als bei jeder Grippe, die ich bisher hatte. Nach einem kurzen Gang ins Bad fehlt mir schon der Atem und ich habe wieder Panik. Und dann beginnt dieser Teufelskreis – ich habe immer stärker das Gefühl, keine Luft zu kriegen, messe meine Sättigung fast alle 10 Minuten, doch: weiterhin alles in Ordnung. Es ist meine Psyche, die mir einen Streich gespielt hat – diese Angst, es könnte schlimmer kommen. Die Angst zu ersticken. Ich steigere mich so sehr hinein, dass ich den ganzen Tag im Internet über den Covid-Verlauf lese und mir alle Anzeichen merke, die auf einen schweren Verlauf hindeuten könnten. <BR /><BR /><b>Großeltern sind infiziert</b><BR /><BR />Eines Abends, da hatte ich so starkes Herzrasen, dass mir mein Arzt ein Beruhigungsmittel geben wollte. Und das nahm ich dann auch ein: 15 Tropfen Psychopax und plötzlich ist mir alles egal. Ich habe keine Angst mehr zu sterben und lasse mich einfach fallen. In meiner Welt.<BR /><BR />Plötzlich wache ich auf – mitten in der Nacht – und höre meine Großmutter und meinen Vater husten. Am nächsten Morgen sind sie alle positiv. Meine Großmutter mit 74 und mein Vater mit 69 Jahren. Das kann nicht wahr sein! Ich heule wie eine Verrückte, bin einfach nur fertig. Ich kann nicht glauben, dass es nun auch sie getroffen hat, kann nicht glauben, dass ich schuld daran bin. Ich gehe zu Großmutter, sie sieht mich an und sagt: ,,Mach dir keine Sorgen, Liebes. Alles wird gut.“ Sie ist so stark und gibt mir auch Kraft. Dann ging es mir ein bisschen besser. <BR /><BR /><b>„Sind alle mittendrin“</b><BR /><BR />Tags darauf war mein Bruder auch positiv, dann meine Mutter. Nur mein Hund hat kein Corona. Jetzt sind wir alle mittendrin.<BR />Beruhigen kann ich mich immer noch nicht – ich frage jeden von ihnen alle paar Minuten, wie sie sich fühlen, messe ihre Körpertemperatur und ihre Sauerstoffsättigung. Ich gehe zu Oma und beobachte sie einfach. <BR />Ich war psychisch fertig. Doch anstatt mich zu beruhigen, las ich den ganzen Tag im Internet über Todesfälle, Sterberaten und schwere Krankheitsverläufe.<BR /><BR />Ich wusste nicht, wie ich da rauskommen sollte. Das ist ja das Ding mit dem Covid – wenn man generell ein panischer Mensch ist, wird man langsam verrückt. Seit Monaten lesen wir nur schlechte Nachrichten über tote Menschen und kaputte Familien und dann trifft’s einen selbst. Und plötzlich hätte man es besser wissen müssen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-47397243_quote" /><BR /><BR />Vorher war die Sehnsucht nach Freiheit so groß, dass mir alles egal war. Ich fand alles übertrieben und kritisierte jeden, ich wollte mein normales Leben zurück. Ich wollte wieder Kaffee trinken am Morgen in der Bar und am Abend ein Glas Wein im Restaurant; ich wollte auf Feiern gehen und verreisen; ich wollte Menschen umarmen und mit ihnen ohne Maske lachen; wollte raus aus dem Gefängnis und hasste deshalb alles. Ich wollte nicht mehr einsam sein und zu Hause sitzen.<BR /><BR />Ich hatte alle schlechten Nachrichten satt – ich wollte rebellieren. Ich wollte doch nur ein Stück Freiheit zurückgewinnen. Heute ist Tag 7 und mir geht es soweit gut – ich rieche immer noch nichts, aber das ist ok. Meiner Familie geht es soweit auch gut, wir zählen die Tage und hoffen, dass es besser wird. <BR /><BR /><b>Neujahr mit Maske am Tisch</b><BR /><BR />Wir feierten zusammen das neue Jahr, mit Maske am Tisch und Tee statt Sekt. Wir haben alle etwas aus dieser Erfahrung gelernt, allen voran ich selbst: Achtsamer zu sein mit meinem Leben und mit anderen. Nun weiß ich: Ich bin nichts Besonderes, nur eine von vielen Millionen Covid-Infizierten auf dieser Welt, doch manchmal geht es gut, manchmal nicht. Einige können atmen und lachen, andere werden nach dem dritten Tag ins Krankenhaus eingeliefert. Und sterben vielleicht. Egal, ob jung oder alt – es kann jeden treffen, das habe ich leider erst jetzt verstanden. Und warum dieses Risiko auf sich nehmen? Das Leben ist schön, ja, und noch schöner wär es ohne Maßnahmen – aber ein Leben ohne Gesundheit ist auch kein Leben. <BR /><BR />Überzeugen kann ich niemanden, das muss jeder selber wissen. Nur eines möchte ich sagen – wenn es einen selber trifft, dann versteht er es erst. Dann versteht man erst, wie sehr wir Menschen am Leben hängen und wie sehr wir Angst davor haben, nicht mehr hier zu sein. Und bedanken möchte ich mich bei allen Ärzten, die wirklich jeden Tag angerufen haben, um zu fragen, wie es uns geht; denen wir nicht egal waren, selbst bei so vielen Infizierten.<BR />2021 wird besser, viel besser.<BR />