<b>STOL: Herr Knoll, der Lawinenabgang an der Vertainspitze hat fünf Bergsteigern aus Bayern das Leben gekostet. Welche neuen Erkenntnisse gibt inzwischen zum Ablauf des Unglücks?</b><BR />Christian Knoll: Die beiden Zweierseilschaften,Vater (46) und Tochter (17) sowie zwei rund 50-Jährige, hatten auf der Düsseldorferhütte übernachtet und sind am Samstag um 5:15 Uhr von dort aus Richtung Vertainspitze gestartet. Das Unglück ereignete sich dann gegen 15.45 Uhr. Sie waren zu diesem Zeitpunkt bei Weitem noch nicht am Gipfel, sondern etwa auf halber bis zwei Drittel der Wandhöhe. Die drei anderen Alpinisten – Vater (50), Sohn (21) und dessen Freundin (21) aus dem Oberallgäu – waren gegen 7:30 Uhr vom Tal aus aufgestiegen und deutlich schneller unterwegs. Beide Gruppen befanden sich schließlich in etwa auf gleicher Höhe als die Lawine abging, allerdings auf leicht unterschiedlichen Routen.<BR /><b><BR />STOL: Warum waren die Bergsteiger so spät noch in der Wand?</b><BR />Knoll: Das lässt sich nicht genau sagen. Fakt ist, dass sie relativ lange für den Aufsteig gebraucht haben. Ob das an der Kondition, am Gelände oder an den Verhältnissen lag, wissen wir nicht. Die Spur war gut sichtbar. Es könnte sein, dass die Verunglückten wenig Erfahrung im Eis hatten und deshalb langsam unterwegs waren. Ihre Ausrüstung war auf jeden Fall gut und der Tour entsprechend. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1233741_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: Welche Route wollten die Tourengeher einschlagen? Hätten Sie den Rückweg überhaupt vor Einbruch der Nacht geschafft?</b><BR />Knoll: Entweder hätten sie bis auf den Gipfel steigen oder rechts aussteigen und über den Nordwestgrat zur Düsseldorferhütte absteigen müssen. Wahrscheinlich hatten sie das geplant, weil sie auf der Hütte Material zurückgelassen hatten. Dieser Grat ist klettertechnisch nicht ganz einfach, zudem liegt dort Schnee – sie hätten also bestimmt alles abseilen müssen. Wahrscheinlich hätte das bis weit nach Sonnenuntergang gedauert.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1233744_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: Wie kam es schließlich zur Lawine?</b><BR />Knoll: Etwa 100 Meter unterhalb des Gipfels brach plötzlich ein Schneebrett ab. Es dürfte sich um eine Verfrachtung gehandelt haben – Schnee, der durch Wind von der Südseite her in den Hang geweht wurde. Solche Schneebretter können sich schon durch kleine Erschütterungen lösen. Ob die Lawine von den Verunfallten selbst ausgelöst wurde oder spontan abging, lässt sich nicht mehr eindeutig feststellen. Vater und Tochter waren beim Abgang der Lawine etwa drei Seillänge oberhalb der zweiten Zweierseilschaft und haben diese noch gewarnt, bevor sie selbst von den Schneemassen mitgerissen wurden. Die Dreierseilschaft wurde ebenfalls mitgerissen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1233747_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: Wie verlief der Einsatz?</b><BR />Knoll: Zunächst war unklar, wie viele Personen überhaupt betroffen waren. Der Notruf kam von zwei Mitgliedern der Vierergruppe, die verschont geblieben waren. Anfangs dachte man, nur die Dreierseilschaft sei verschüttet. Doch dann wurde klar, dass auch zwei aus der anderen Gruppe fehlten. Die Suche wurde sofort eingeleitet – mit über 30 Einsatzkräften aus mehreren Bergrettungen, der Finanzwache, Hundestaffeln und den Notarzthubschraubern Pelikan 1 und Pelikan 3. Noch am Samstag konnten drei Tote geborgen werden. <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/ortlergebiet-vermisste-tot-aufgefunden-es-handelt-sich-um-vater-und-tochter" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Vater und Tochter fanden wir am Sonntag – sie waren von der Lawine in eine Gletscherspalte gedrückt worden.</a><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Wie war die Lawinensituation allgemein an diesem Wochenende?</b><BR />Knoll: Grundsätzlich war die Gefahr gering, weil es wenig Schnee gab. Aber gerade das ist tückisch: Wenn der Untergrund blank ist – also kein Altschnee oder felsiger Untergrund, sondern nur Wiese oder wie in diesem Fall Gletschereis vorhanden ist – kann sich frischer, verfrachteter Schnee schlecht verfestigen. Dann entstehen instabile Schichten, besonders an Nordhängen und in Rinnen.<BR /><BR /><i>Olaf Reinstadler von der Bergrettung Sulden spricht über das tragische Lawinenunglück im Ortlergebiet und die schwierige Bergung der beiden Bergsteiger - ein Vater und seine 17-jährige Tochter.</i><BR /><BR /> <video-jw video-id="0Wzyxofi"></video-jw> <BR /><BR /><b>STOL: Was gilt es für Tourengeher, die nun zu Beginn der Wintersaison auf hohen Bergen unterwegs sind, besonders zu beachten?</b><BR />Knoll: Wenn es auf den Gletschern nun schneit, ist die Gefahr groß, dass Spalten, die im Sommer offen und gut ersichtlich sind, durch eine dünne Schneeschicht bedeckt werden. Die Gefahr eine Spalte – besonders auf Tourenskiern – zu übersehen und hinein zu stürzen ist damit extrem hoch, solange noch nicht genügend Schnee liegt. Gefährlich ist wie eben auch bei dem Unglück am Wochenende der verfrachtete Schnee. Man sollte also darauf achten, bei starkem Wind in den Bergen nicht in leeseitige Hänge (vom Wind abgewandt Anm. d. Red.) zu geraten, weil dort das Lawinenrisiko viel höher ist. <BR /><BR /> <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/5-bayern-sterben-bei-lawinenunglueck-im-ortlergebiet-die-namen-der-opfer" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Hier lesen Sie mehr zu dem tragischen Unglück im Ortlergebiet.</a>