Stuttgart 21. Da war doch was? Ein neuer Bahnhof. Einer, der dafür sorgen soll, dass die Züge, die von Süden in den Norden oder Westen Deutschlands rauschen, in der gleichen Richtung weiterfahren können, aus der sie gekommen sind. Das ist nicht unwichtig. Also für mich auf jeden Fall. Ich sitze gerne in Fahrtrichtung und wenn in der Schwabenmetropole dann plötzlich alles anders ist, fühlt sich das, ehrlich gesagt, zunächst komisch an. So, als würde ich plötzlich zurückgeschickt werden. Mit der Anhebung eines Prellbockes hat die Bahn 2010 mit dem Bau dieses Projektes begonnen, das schon vom ersten Spatenstich an kritisch begleitet wurde. Dass die Kosten seitdem von 4,5 Milliarden Euro auf bald 12 Milliarden gestiegen sind, ist geschenkt.<BR /><BR /> Das war doch irgendwie auch erwartet worden. Und dass sich nach dem Flughafen Berlin ein weiteres deutsches Großprojekt zu einem Desaster entwickelt, überrascht auch nicht wirklich. Es passt zur Gesamtlage der Infrastruktur in Deutschland. Vieles, was notwendig ist, um einen reibungslosen Reiseablauf zu gewährleisten, ist marode. Das ist längst ein häufig verwendetes Wort geworden. Marode. Kaputt, unbrauchbar, ja gefährlich. Brücken, die bröckeln und eher in den Abgrund führen als darüber hinweg. Oder sie stehen irgendwo traurig und vergessen in der Landschaft ohne Bindung zu einer Straße. Irgendeine Fehlplanung halt. Parkplätze an Bahnhöfen gibt es, die nicht genutzt werden können, weil keine Unterführung vorhanden ist. Und das Schienennetz, um auf die Bahn zurückzukommen, ist eben auch marode. Total. Von den viel zu eiligen und unnötigen Streckenstilllegungen der Vergangenheit will ich gar nicht reden.<BR /><BR />Jetzt, in Zeiten der gefragten Nachhaltigkeit und des gewünschten Klimawandels, würde man gerne wieder auf Schienen auch in ländlichen Gegenden zurückgreifen wollen. Hätten sich nicht private Betreiber vielerorts gefunden, gäbe es in Deutschland sowieso nur noch Fernverkehr. Gerade so, als würde man nur noch zwischen München, Hamburg und Berlin hin und her düsen wollen. Immerhin, bis Stuttgart kommt man so auf jeden Fall. Einer von den vielen eher glücklosen Verkehrsministern der vergangenen Regierungen durfte auch mal die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen München und Nürnberg eröffnen. Es ist ein kleines Stück perfekter Schienenfernverkehr, wie er in Frankreich, Spanien, Italien oder der Schweiz längst selbstverständlich ist. <BR /><h3> Endstation Stuttgart 21</h3>Aber jetzt also erst mal auf nach Stuttgart in den sogenannten Kopfbahnhof, einer Sackgasse praktisch, was ja für die Deutsche Bahn gut passt und in diesem Fall beinahe perfekt ist. Denn Stuttgart ist wirklich Endstation. Entweder für Spanien oder für Deutschland im Viertelfinale der Europameisterschaft. Nur der Sieger, logisch, darf weiter durch Deutschland reisen. Auch wenn das kein Vergnügen ist. Ich rate allen Zuschauern für dieses Viertelfinale und alle weiteren Spiele sich zeitig um die Anreise zu kümmern, denn, wie gesagt, es ist nichts selbstverständlich. Alles ist vielmehr kompliziert. <BR /><BR />Ich war erst kürzlich mit der Bahn zu einem Leichtathletik-Meeting unterwegs und habe als häufigste Lautsprecheransage das Wort „Verspätung“ gehört und „Entschuldigung“. Mein eigentlich geplanter Zug war freilich unschuldig. Der Zug zuvor kam nicht zeitgerecht an. Es sind ja immer die anderen. Aber immerhin, das nötigt Respekt ab, sind die Verspätungen toll getaktet. Der Anschlusszug wäre eigentlich weg gewesen in München, nachdem schon aus Italien ein kompletter Zug gar nicht erst auf die Gleise gestellt worden war. Zum Glück hatte meine weitere Verbindung eine Verspätung, die genau passte. Da war ich schon fünf Stunden auf den Schienen Europas und wollte das viel gerühmte Bord-Bistro aufsuchen. Leider geschlossen. Das Personal, so tönte es durch die Lautsprecher, sei nicht erschienen. „Entschuldigung“.<BR /><BR /> Als es dann öffnete, gab es nur kalte Getränke. Der Koch steckte vermutlich in irgendeinem anderen Zug fest. Bahnkunden müssen stark sein. Sehr stark. Eine Gruppe Fußballfans aus Österreich musste in Passau aussteigen. Gleisbauarbeiten. Zugersatzverkehr. Bus also. Bloß kam kein Bus. Keiner. Stundenlang nicht. Die Gruppe aus Wien kam erst nach der ersten Halbzeit in Düsseldorf zum Match gegen Frankreich an. Auch Phillip Lahm, Organisationschef der Euro 2024, gehörte schon zu den Betroffenen. Er verspricht den gebeutelten Fans Besserung.<BR /><BR /> Wahrscheinlich lässt er sich nach der Europameisterschaft zum Zugführer ausbilden. Oder er wird Bahn-Vorstand. Das große Fußballfest bringt die deutsche Infrastruktur an den Rand des Offenbarungseides, was dann zu völlig wirren Reaktionen führt. So flog die türkische Mannschaft zum Spiel gegen Tschechien mit einem Charterflugzeug von Hannover nach Hamburg. Sicher ist sicher. Gut, das hört sich jetzt weit an, ist aber für einen Flug ein Witz. Es sind schlappe 150 Kilometer. Wie von Bozen nach Verona. Das darf man gerne als Höhepunkt der Nachhaltigkeitskampagne der UEFA feiern.<BR /><h3> Eine neue Ampel leuchtet</h3>Es ist derzeit ein großes Glück auch für die holprige und in sich uneinige politische Koalition, dass der Erfolg der deutschen Mannschaft (das Erreichen des Viertelfinales darf nach den vergangenen Pleitejahren so gesehen werden), die aktuellen Probleme in den Hintergrund schiebt. Die Ampel ist derzeit nur eine wilde Lichterorgie. Dagegen leuchten die Sterne von Neuer, Rüdiger und Musiala, die momentan an den Hebeln der Macht sitzen. Jetzt kommt es auch wieder auf eine gute Planung an. Von Herzogenaurach, dem EM-Quartier der deutschen Mannschaft, sind es 210 Kilometer nach Stuttgart. Mit dem Zug über Nürnberg dauert die Anreise drei Stunden und vierzig Minuten. <BR /><BR />Spanien hat es besser. Es gäbe eine Direktverbindung von Donaueschingen im Schwarzwald, wo das Team residiert, nach Stuttgart. Bahnfahrzeit: Zwei Stunden und zwanzig Minuten. Somit Vorteil Spanien. Ich nehme aber stark an, dass beiden Teams das Abenteuer Viertelfinale reicht und eine Bahnfahrt mit ungewissem Ausgang nicht unbedingt auch noch sein muss. Es wird wohl eine Busreise werden. Lunchpaket inbegriffen. Man will und soll ja pünktlich und vor allem ausgeruht ankommen zum Spiel der Spiele dieser bisherigen Europameisterschaft in Stuttgart 24.<BR /><BR />PS: Geplante Eröffnung für Stuttgart 21 ist übrigens Dezember2026.Vielleicht…. <BR /><BR /><b><i>Zum Autor: Sigi Heinrich</i></b><BR />Der vielfach prämierte Sportjournalist (u.a. Gewinner des Deutschen Fernsehpreises, des Bayerischen Sportpreises und nominiert für den renommierten Grimme-Preis), Buchautor, langjähriger Redakteur der Süddeutschen Zeitung und Kommentator beim paneuropäischen Sender Eurosport seit der Gründung 1989, widmet sich in seiner Kolumne „Sigi´s Spitzen“, der gesamten Vielfalt des Sports. Mal mit schmunzelndem Augenzwinkern, mal nachdenklich oder bewusst provozierend. Dabei immer mit persönlicher Note. Es soll ja für alle etwas dabei sein.