Freitag, 25. September 2015

Sind Südtirols Kindergärten Radon-verseucht?

Radon ist krebserregend und gilt nach dem Rauchen als zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs. Da kann es schon beunruhigend sein, dass in zahlreichen Schul- und Kindergärten im Land zu hohe Werte festgestellt wurden. Was heißt das und was passiert jetzt? STOL hat nachgefragt.

Zu hohe Radonwerte wurden auch in Schulen und Kindergärten in Südtirol festgestellt.
Badge Local
Zu hohe Radonwerte wurden auch in Schulen und Kindergärten in Südtirol festgestellt. - Foto: © shutterstock

Laut italienischem Gesetz liegt die Eingreifschwelle für Radon bei 500 Bq/M3. Aufrund von flächendeckenden Messungen an Südtirols Schul- und Kindergartengebäuden wurde festgestellt, dass bei ca. 120 Bauten die Werte hoch sind, bei manchen gar weit über dem Jahresgrenzwert liegen. 

Jahresmittelwert doppelt so hoch wie erlaubt

So wurden etwa im Malatelier im Kindergarten Eppan-St. Pauls 936 Bq/M3 gemessen, in der Turnhalle des Kindergartens von St. Josef am See gar 1126 Bq/M3, in der Holzwerkstatt im Kindergarten Völlan 933 Bq/M3, im Büro des Kindergartens Girlan 728 Bq/Mund in Tscherms in der Küche 758 Bq/M3

Weitere Gebäudewerte:

 

Während es für Privathäuser keine gesetzlichen Grenzwerte gibt, muss bei Schulen und Kindergärten von Gesetz wegen reagiert werden, wenn zu hohe Werte festgestellt werden. Um so verwunderlicher, dass die betroffenen Lehrer, Schüler und Eltern oft überhaupt nicht Bescheid wissen.

Südtirol Online: Die Rede ist von zu hohen Radonwerten. Worum handelt es sich dabei?

Luca Verdi, Amtsdirektor vom Labor für physikalische Chemie: Radon ist ein natürliches, radioaktives Edelgas. Gewisse Gesteine geben vermehrt Radongas ab. Das Problem ist, dass am es mit den Sinnesorganen nicht wahrnehmen kann. Es riecht nicht und ruft auch sonst keine unmittelbaren Reaktionen oder Symptome hervor.

STOL: Darum also die flächendeckenden Messungen an Südtirols Schul- und Kindergartengebäuden. Kommen diese nicht ein bisschen spät?

Verdi: Es ist so. Man ist drauf gekommen, dass man von wenigen dieser Gebäude Daten dazu hat. Südtirol hat bestimmte Gebiete, von denen man weiß, dass dort eine hohe Radonbelastung vorherrscht. Dort ist die Wahrscheinlichkeit auf erhöhte Werte auch in Schulen zu stoßen, natürlich gegeben. 2012/13 haben wir eine regelrechte Messkampagne gestartet, um von jenen Gebäuden, die noch fehlen, Daten zu erhalten. Da die Radonbelastung sehr punktuell auftreten kann, lassen sich auch in risikoarmen Gemeinden erhöhte Werte feststellen.

Wichtig zu wissen ist, welche Gebäude erhöhte Werte aufweisen. Damit wir klare Daten haben und wissen, was Sache ist. Das war ein wichtiger Schritt. Die Schulen haben wir alle gemessen. Die Kindergärten schließen wir heuer ab.

STOL: Die Messungen wurden allerdings nicht zum Wohle und Schutz der Kinder gemacht?

Verdi: Die Messungen finden im Rahmen der Arbeitssicherheit statt. Das heißt, es geht um die Sicherheit der dort angestellten Personen. Der Arbeitgeber haftet für deren Sicherheit. Das Gesetz schreibt vor, dass der Arbeitgeber, der die Mitteilung hat, dass die Radonwerte zu hoch sind, Maßnahmen ergreifen muss, um die Situation innerhalb von drei Jahre zu sanieren.

STOL: Warum werden die Daten von Schulen/Kindergärten mit zu hohen Werten unter Verschluss gehalten?

Verdi: Wir haben die Daten an die Arbeitgeber, die Führungskräfte geschickt - und an die Gemeinden, da sie die Gebäudebesitzer sind und damit wissen, was auf sie zukommt. Die Maßnahmen zu setzen, ist dann den Schulen überlassen. 

STOL: Radon gilt nach dem Rauchen als zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs. Das Gesetz sorgt sich um die Lehrer. Müssen sich denn nicht auch die Eltern Sorgen um ihre Kinder machen?

Verdi: Wenn ich meinen Sohn in einer solchen Schule hätte, wüsste ich schon gerne Bescheid. Aber es auch so: Radonmessungen ziehen sich über ein ganzes Jahr hin, da die Werte im Tag- und Nachtzyklus, aber auch nach Jahreszeiten stark variieren. Wenn Schulen benutzt werden, hat es sich x-fach bewiesen, dass die Werte kontinuierlich sinken. So ist richtiges Durchlüften sehr effizient und senkt die Werte schnell von 1000 Bq/Mauch auf 100 Bq/M3.

Man muss auch bedenken, wie lange sich die Kinder in den Räumen aufhalten. Der Grenzwert gilt für acht Stunden am Tag. 

STOL: Wo treten die erhöhten Radon-Messwerte in den Gebäuden auf?

Verdi: Vor allem in Erdnähe oder bei unterirdischen Räumen. Auch in Hanglagen kann es dazu kommen. Betroffen sind vor allem Räume, die nicht so häufig genutzt werden. 

STOL: Was geschieht dann bei zu hohen Werten? Wer kontrolliert die Sanierung?

Verdi: Vom Gesetz ist vorgeschrieben, dass ein Strahlenschutzsachverständiger beauftragt wird, um die Situation zu bereinigen. Es muss in jedem Fall reagiert werden. 

STOL: Warum wurden die Messungen nicht schon beim Bau der Gebäude gemacht?

Verdi: In der Praxis sollte es so sein, dass vor dem Bau getestet wird. Vorher zu messen, anstatt nachher zu sanieren, wäre in jedem Fall kostengünstiger. Bei den neuen Gebäuden wird das zumeist auch gemacht.

Interview: Petra Kerschbaumer

stol