Montag, 26. Oktober 2020

Angespannte Covid-Situation: „Helft alle mit, damit wir Kontrolle nicht verlieren“

„Die Kontrolle verlieren“ ist ein Szenario, das nun unmittelbar greifbar ist. In einigen Bereichen ist die Sanität an der Belastungsgrenze. Dr. Marc Kaufmann, medizinischer Einsatzleiter Covid-19, gibt nicht auf: Noch hält er an Individualmedizin fest, wie er im Interview mit dem Tagblatt „Dolomiten“ betont.

Das Coronavirus sorgt in der Südtiroler Sanität für Kopfzerbrechen. Primar Marc Kaufmann hat im „Dolomiten“-Interview über die aktuelle Situation gesprochen.
Badge Local
Das Coronavirus sorgt in der Südtiroler Sanität für Kopfzerbrechen. Primar Marc Kaufmann hat im „Dolomiten“-Interview über die aktuelle Situation gesprochen.
Interview: Ulrike Huber

„Dolomiten“: Die Infektionszahlen steigen weiter an. Am Sonntag wurden 339 Neuansteckungen gemeldet, die Zahl 500, was etwa ein Promille der Bevölkerung wäre, rückt bedrohlich näher...


Marc Kaufmann: Ja. Das Problem hat bei 50 Neuansteckungen pro Tag begonnen. Heute (Anm. d.R. gestern) haben wir 11 Intensivpatienten, wir konnten einen verlegen, endlich eine gute Nachricht. Allerdings haben wir über 130 Personen in den Covid-Stationen. Das Problem im Krankenhaus spürt man erst einige Zeit nach den positiven Tests. Einige Tage nach dem Test fühlen sich manche Menschen krank, wieder einige Tage später kommt ein Teil von ihnen ins Krankenhaus, und wieder einige Tage später landen einige in der Intensivstation.

„D“: Haben wir denn ausreichend Kapazität?

Kaufmann: Wir haben einen dynamischen Plan entwickelt, der die bedarfsorientierte temporäre Versetzung von Ärzten und Pflegern aus den Bezirken nach Bozen vorsieht. Zudem gibt es die Weisung der Direktion, die Normalversorgung sukzessive zurückzufahren, um Personal für die Betreuung von Covid-Patienten freizuspielen.

„D“: So wie es aussieht, ist die Grenze schneller erreicht als allen lieb ist. Passiert dann dasselbe wie in der Schweiz, dass also von vornherein Patienten von der Intensivbehandlung ausgeschlossen werden?

Kaufmann: Das klingt schärfer als es ist – zudem ist diese Triage in der Intensivmedizin auch in Nicht-Covid-Zeiten üblich. Neu ist nur, dass diese internen ständigen Abwägungen – welche Überlebenschancen hat der Patient, welche Lebensqualität erwartet ihn? – nach außen getragen und diskutiert werden. Covid hat bei Patienten unter 40 Jahren eine Mortalität von 0,2 Prozent, bei Über-80-Jährigen ohne Vorerkrankungen 20 Prozent. Ein Über-80-Jähriger überlebt eine wochenlange künstliche Beatmung erfahrungsgemäß nicht.

„D“: Welches ist Südtirols Strategie?

Kaufmann: Mein Anspruch ist es, so lange wie möglich eine Individualmedizin zu gewährleisten. Das bedeutet, wir bewerten das biologische Alter und die Begleitumstände und passen daran die Therapie an. Wenn es passiert, dass wir die Kontrolle verlieren – und wir haben z.B. in der Lombardei gesehen, dass das passieren kann – kann man nicht mehr auf Einzelne Rücksicht nehmen und muss nach Schema vorgehen. Daher mein Appell: Helft alle mit, dass wir die Kontrolle nicht verlieren.

„D“: Die Risiken dafür sind hoch. Welches sind die Hauptprobleme?

Kaufmann: Das große Problem sind nicht Strukturen oder Ausrüstung. Das Problem ist das Personal und die infizierten Mitarbeiter.

„D“: Gibt es Infektionsherde in den Spitälern? Gestern wurden 45 positiv getestete Sanitätsmitarbeiter gemeldet...

Kaufmann: Nein, die Ansteckungen erfolgen im Privatbereich. Bei der Arbeit sind die Leute geschützt. Aber sagen Sie den Leuten, sie sollen auch beim Essen mit ihrer engsten Familie Masken tragen... Das geht nicht.

„D“: Wird in Südtirol noch Kontakt-Tracing gemacht?

Kaufmann: Solange wir es irgendwie packen, tun wirs. Erst gestern hat uns die Schweiz bei einer Konferenz mitgeteilt, dass sie es aufgeben mussten.

„D“: Die Testergebnisse werden letzthin bis zu einer Woche nach dem Test mitgeteilt. Warum können nicht einmal negative Tests digital übermittelt werden?

Kaufmann: Wir haben auch in diesem Bereich viel zu früh die Kapazitätsgrenzen erreicht. Im epidemiologischen Bereich arbeiten über 100 Personen. Warum es nicht digital geht, da bin ich überfragt. Sicher ist aber zu sagen, dass der normative Bereich der Entwicklung nachhinkt. Rom akzeptiert weiterhin nur einen negativen PCR-Test, um eine Quarantäne aufzuheben. Unsere Hoffnung ist, dass die Antigen-Schnelltests bald ins Spiel kommen – das würde das System enorm entlasten, ein ganzer Apparat würde wegfallen, weil die Menschen direkt vor Ort ihr Ergebnis erhalten.

uli