Mittwoch, 28. September 2016

"Smartphones am Steuer sind wie ein Tumor"

Wer sein Handy während des Autofahrens benutzt, könnte genauso gut sternhagelvoll hinter dem Lenkrad sitzen - seine Reaktionszeit wäre in etwa dieselbe. Dass Smartphones am Steuer gefährlich sind, davon ist Martin Schwienbacher von der Bozner Stadtpolizei überzeugt. Dass das Phänomen in Südtirol ständig zunimmt, das weiß er schwarz auf weiß.

Für jene, die während des Autofahrens Nachrichten in ihr Handy tippen, erhöht sich das Unfallrisiko um das 10-fache.
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Für jene, die während des Autofahrens Nachrichten in ihr Handy tippen, erhöht sich das Unfallrisiko um das 10-fache. - Foto: © shutterstock

"Das Smartphone ist ein Tumor in der Straßenverkehrsordnung", schimpft Martin Schwienbacher. Eine Volkskrankheit. Und sie wird immer akuter.

In einer Hand das Handy, in der anderen die Zigarette

Jeder fünfte Autofahrer sei zumindest zeitweise mit dem Handy beschäftigt, erklärt der Vizekommandant der Bozner Stadtpolizei im Gespräch mit STOL. Und auch die Fußgänger würden meistens auf ihren Display schielen, statt sich auf den Verkehr und ihre direkte Umgebung zu konzentrieren. "Sie schauen gar nicht mehr nach links oder rechts, ob die Ampel grün ist oder nicht", ist Schwienbacher überzeugt.

Dabei reiche es vielen nicht, nur ein Handy während des Autofahrens zu bedienen: "Wir sehen viel jeden Tag. Oft hantieren die Autofahrer sogar mit 2 Smartphones, manchmal halten sie in einer Hand das Handy, in der anderen brennt eine Zigarette. Die Scooterfahrer klemmen sich die Smartphones zum Telefonieren zwischen Ohr und Helm, die Radfahrer sind auch nicht besser."

Das Smartphone sei eine große Ablenkung für die Verkehrsteilnehmer, erklärt Schwienbacher. Sie seien mental nicht anwesend, hätten einen Tunnelblick - "es ist als ob man im Rausch fahre".

Phänomen in den vergangenen 2 Jahren stark angestiegen

Laut des Automobilverbands ACI wurden in Italien von Jahresanfang bis August 26,6 Prozent mehr Strafen ausgestellt als im selben Zeitraum des Vorjahres. Und auch in Südtirol hat das Phänomen Handy am Steuer im vergangenen Jahr stark zugenommen.

Wie Schwienbacher erklärt, seien vom 1. Jänner bis zum 28. September insgesamt 1334 Strafen von der Stadtpolizei Bozen diesbezüglich ausgestellt worden. Das sind im Vergleich zum Vorjahr rund 14 Prozent mehr als noch 2015. Generell sei das Phänomen in den vergangenen 2 Jahren merklich gestiegen.

Wurden im Jahr 2014 noch 1315 Strafen wegen Handy am Steuer ausgestellt, so waren es 2015 schon 1514 verzeichnete Übertretungen. "Und es wären bestimmt viel mehr, wenn ich mehr Beamte hätte, die speziell dieses Phänomen im Auge halten könnten", ist Schwienbacher überzeugt.

"Manche hören ja nicht einmal auf zu telefonieren, wenn sie von den Beamten der Stadtpolizei Bozen aufgehalten werden. Sie reden einfach weiter. Und dann wundern sie sich, warum wir sie aufhalten." 

Hohe Strafen - doch keinen juckt's

Ob auch mehr Unfälle aufgrund der Handynutzung am Steuer passieren, könne er so nicht sagen. "Das wird bei uns nicht erfasst, aber als Vermutung würde ich behaupten: bestimmt." Immerhin hätten Experten schon längst festgestellt, dass sich das Unfallrisiko um ein 5-faches erhöht, wenn man in sein Handy schaut. Um ein 10-faches, wenn man eine Nachricht tippt.

Dem Risiko entsprechend hoch sind auch die Strafen, die für das Benutzen des Smartphones am Steuer anstehen: 161 Euro Bußgeld, 5 Führerschein-Punkte weniger. Und: Wenn man innerhalb von 2 Jahren erneut mit dem Handy am Steuer erwischt wird, setzt es ein Fahrverbot von 1 bis 3 Monaten.

"Die Strafen wären also schon da... sie beeindrucken die Fahrer nur nicht. Aber wer ins Handy schaut statt auf die Straße, gefährdet eben nicht nur sich, sondern auch andere. Und genau deshalb nützt eine Verwarnung von Seiten der Polizei nicht. Genau deshalb müssen wir strafen. Um Schlimmerem vorzubeugen."

stol/liz

stol