Ein Abhängiger und zwei Experten versuchen zu erklären. <b>Von Miriam Roschatt</b><BR /><BR />Armin (20, Name von der Redaktion geändert) aus dem Vinschgau hat mit 17 Jahren angefangen, Zigaretten zu rauchen. Mittlerweile ist er auf Nikotinbeutel umgestiegen. Diese Beutel werden unter die Oberlippe geschoben. <BR /><BR />Anders als bei Zigaretten kommt das Nikotin so nicht über die Lunge in den Organismus, sondern direkt über die Mundschleimhaut – und aktiviert so das Belohnungszentrum im menschlichen Gehirn. <h3> Verwechslungsgefahr mit echtem „Snus“ ist groß</h3>Bei der Einnahme von Nikotinbeuteln wird auch hierzulande gerne von „Snus“ gesprochen. Dabei muss aber zwischen den zwei ähnlichen Produkten unterschieden werden: Der echte „Snus“ kommt aus Schweden und enthält reinen Tabak. Das bedeutet, dass neben dem gewünschten Nikotin auch andere Bestandteile des Tabaks im Beutel enthalten sind. Seit den 1990er-Jahren ist dieser sog. „Oraltabak“ in der gesamten EU verboten, mit Ausnahme von Schweden. <BR /><BR />Nikotinbeutel sind hingegen europaweit legal erhältlich. Sie beinhalten fast ausschließlich Nikotin, das entweder synthetisch hergestellt oder aus Tabakpflanzen extrahiert worden ist. Reiner Tabak ist hier nicht enthalten. Optisch leicht zu unterscheiden sind diese beiden oft verwechselten Produkte des Weiteren an ihren Farben: „Snus“-Beutel sind zumeist braun oder dunkelbraun, Nikotinbeutel hingegen weiß oder sehr hell. <h3> „Sie geben mir einen ‚schnellen Kick‘!“</h3>Früher hat Armin zehn bis 15 Zigaretten am Tag geraucht, jetzt ist er bei zehn bis zwölf Nikotinbeuteln täglich. Dadurch hoffe er, etwas gesünder zu leben, wie er sagt. Der junge Südtiroler zeigt der „Zett“ Beutel in unterschiedlichen Nikotinstärken. Die stärkste Dosis, die er genommen habe, war ein Beutel mit etwa 27 Milligramm Nikotin. Das ist fast dreimal so viel, wie in einer Durchschnittszigarette enthalten ist.<BR /><BR />Hauptsächlich bei der Arbeit greife er immer wieder in die kleine, runde Dose, die im Schnitt ein bis zwei Euro mehr kostet als eine Schachtel Zigaretten: „Die Beutel geben mir einen ‚schnellen Kick‘ und putschen mich auf – ähnlich wie Kaffee oder Energydrinks es tun“, berichtet er. Und was er an den weißen, unscheinbaren Dingern noch mag? „Die diskrete Einnahme. Ist der Beutel einmal im Mund, sieht man ihn von außen gar nicht, wenn man nicht weiß, dass er da ist. Auch beim Sprechen hört man im Normalfall keinen großen Unterschied.“ <h3> „Dann kann es ja nicht so schlecht sein“</h3>Die Nebenwirkungen (Reizungen des Zahnfleisches, ein wunder Mund, Brechreiz, Schluckauf u.a.) sind dem jungen Mann bekannt. Darauf angesprochen, relativiert er aber sofort: „Ich weiß, dass viele Sportler ‚Snus‘ oder Nikotinbeutel konsumieren. Ihnen hilft es, Stress abzubauen. Gleichzeitig stärkt das Nikotin ihr Konzentrationsvermögen. Dann kann es ja nicht so schlecht sein“, ist er überzeugt.<BR /><BR />Tatsächlich sei laut Peter Koler, dem Direktor des Forums Prävention, der Konsum von „Snus“ und Nikotinbeuteln bei nordischen Sportarten sehr beliebt: „Besonders Eishockeyspieler konsumieren diese Droge, aber auch Fußballer. Sportler benötigen nämlich eine saubere Lunge, die gut funktioniert und ein gutes Volumen hat. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1048119_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Mittlerweile seien die Nikotinbeutel auch bei jungen Menschen sehr beliebt. Der Konsum von Nikotinbeuteln steige eindeutig, besonders unter jungen Männern. Die Zigarette als Droge sei hingegen unattraktiv geworden – dank der jahrelangen Präventionsarbeit, des Rauchverbots und der Preispolitik. Die Tabakindustrie habe sich daran angepasst und werbe jetzt mit neuen Tabak- und Nikotinprodukten wie Nikotinbeuteln oder Vapes <I>(Anm.: E-Zigaretten)</I>. „Damit passt sie sich an eine neue Jugendgeneration an, die einen gesundheitsbewussteren Lifestyle pflegen will“, so Koler. <h3> WHO warnt vor Vapes und Nikotinbeuteln</h3>Am Weltnichtrauchertag <I>(Anm.: 31. Mai)</I> zeigte sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) alarmiert über die Verbreitung neuer Nikotinprodukten unter jungen Menschen. Mit einem Plakat, sensibilisierten sie dafür. Auf den Plakaten stand: „The Tobacco Industry is targeting a new Generation.“ Auf Deutsch übersetzt: „Die Tabakindustrie zielt auf eine neue Generation ab.“ Und das mit vermeintlich „gesünderen“ Produkten wie Vapes und Nikotinbeutel.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1048122_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Dabei ist Nikotin neben Heroin jene Substanz, von denen man am schnellsten abhängig wird. Das bestätigt Edmund Senoner, Psychologe und Koordinator des Suchtbereichs im Therapiezentrum Bad Bachgart in Rodeneck. Die gute Nachricht sei aber: „Jede und jeder kann sofort mit dem Konsum von Nikotin aufhören, und zwar ohne ärztliche Verschreibung, weil keine schlimmeren Entzugserscheinungen zu befürchten sind – im Unterschied zu Heroin oder auch Alkohol.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1048125_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Senoner weißt aber auch darauf hin, dass nicht primär das Nikotin die Beutel (und auch Vapes) für viele so attraktiv mache, sondern vielmehr die geschickten marketingtechnischen Strategien, die junge Menschen zum Konsum verleiten würden: „Die Beutel sind weiß, schauen also recht sauber und edel aus, im Unterschied zum braunen ‚Snus‘. Zudem fällt der Gestank weg, der durch das Rauchen von Zigaretten und den dazu anfallenden stinkenden Ausdünstungen entsteht.“ Die Fokussierung auf das Design und den fehlenden Gestank lenke also möglicherweise von den Risiken ab, die mit der Nikotinabhängigkeit und der langfristigen Nutzung solcher Produkte verbunden sind. <BR /><BR />Das alles trage dazu bei, dass die Nutzung von Nikotinbeuteln gerade unter jungen Menschen wie bei Armin zunehmend akzeptiert und sogar als modern oder hipp empfunden werde, zeigt sich Senoner überzeugt.<BR /><BR />Apropos: Armin hat sich in der Zwischenzeit den achten Nikotinbeutel für heute unter die Oberlippe geschoben. Sein zunehmender Konsum wirft ein Licht auf einen Trend, der nicht nur bei ihm, sondern auch bei vielen jungen Menschen Anklang findet. Während einige die Beutel als modern und praktisch empfinden, wachsen so langsam auch die Bedenken über die langfristigen Auswirkungen auf die Gesundheit und die sozialen Folgen. Die Debatte über Nikotinbeutel und ihre Akzeptanz in der Gesellschaft scheint nun begonnen zu haben. Die Frage bleibt, wie diese Entwicklung in Zukunft gehandhabt werden wird.