Dienstag, 29. Juni 2021

So bildete sich die heftige Gewitterzelle von heute Morgen

Starke Gewitter zogen am Dienstagmorgen überraschend über Südtirol. Gewitter in den frühen Morgenstunden sind ein ziemlich seltenes Phänomen. Wie sich derartige Unwetter wie das von heute Morgen bilden, erklärt Florian Schmalzl von „Florians Wetterseite“.

Das Thema rund um die Entstehung von Gewittern ist sehr komplex.
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Das Thema rund um die Entstehung von Gewittern ist sehr komplex. - Foto: © shutterstock
„Die heftige Gewitterzelle bildete sich am Dienstag in der Früh in der Brentagruppe im Trentino. Sie zog dann nach Südtirol, übers Überetsch, Bozen, Ritten, Kastelruth, Gröden, Villnöß und weiter bis ins Pustertal. Dabei kam es lokal zu Starkregen mit 20 mm in kürzester Zeit, kleinkörnigem Hagel und Windböen bis 60 Stundenkilometer“, schreibt Schmalzl.

Dass Gewitter schon so früh am Tag auftreten, ist laut „Florians Wetterseite“ ziemlich unwahrscheinlich. Dennoch ist es nach dem Unwetter vom 18. Juni im Eisacktal schon das zweite Mal in diesem Sommer, dass es bereits in den Morgenstunden zu Gewittern kommt.

Wie entsteht ein Gewitter?

3 „Grundzutaten“ für die Bildung von Gewitter sind laut Schmalzl genügend Feuchtigkeit in Bodennähe, verhältnismäßig kalte Luft in der Höhe (Labilität) und ein Prozess, der die warme Luft anhebt (Hebungsmechanismus).

„Man unterscheidet dabei verschiedene Arten von Gewittern: Die typischen Wärmegewitter entstehen am späten Nachmittag oder frühen Abend. Die Sonne erwärmt untertags die Erdoberfläche und die darüber liegende Luft. Da warme Luft leichter ist als kalte, steigt sie auf. Dabei dehnt sie sich aus und kühlt ab. Kalte Luft kann weniger Wasserdampf halten als warme und die in ihr enthaltene Feuchtigkeit muss irgendwohin – sie kondensiert. Am Kondensationspunkt beträgt die relative Luftfeuchtigkeit 100 Prozent. Dabei bilden sich Tröpfchen, die wir dann als Wolke sehen“, erklärt Schmalzl auf seiner Wetterseite.

„Beim Kondensationsprozess, also wenn der Wasserdampf seinen Aggregatzustand von gasförmig zu flüssig ändert, wird Wärme frei. Das Luftpaket wird wiederum leichter als die Umgebungsluft. Bei genügender Feuchtigkeit steigt es also immer weiter auf. Aus der anfangs kleinen Wolke kann dadurch eine mächtige Gewitterwolke entstehen, die bis zur Tropopause (auf rund 10.000 m Höhe) anwachsen kann.“

Bei der Entstehung von Wärmegewittern sorge also die Sonne für den nötigen Temperaturunterschied. Weitere Voraussetzungen seien genügend Feuchtigkeit, Aufwinde und keine Inversionsschicht (in der Höhe plötzlich wärmere Luft als am Boden), die diesen Prozess stoppt

So ist das Gewitter heute morgen entstanden

Bei den Gewittern am heutigen Morgen war es allerdings anders: „Die Sonne hatte da nichts zu melden. Der notwendige Temperaturunterschied und Hebungsprozess muss also anders entstanden sein.“ Der „Übeltäter“ war laut Schmalzl ein Kaltlufttropfen (auch Höhentief genannt). Dabei handelt es sich um ein Gebiet mit besonders kühler Luft in der Höhe. Dieses Höhentief verlagert sich am Dienstag von Westfrankreich in Richtung Deutschland. Von Südtirol ist es zwar noch weit entfernt, jedoch streifte uns in rund 5000 Metern Höhe etwas kühlere Luft.

„Der nötige (vertikale) Temperaturunterschied war also gegeben. Außerdem braucht es für die Hebung der feuchten, bodennahen Luft, was dann zur Kondensation führt, nicht unbedingt die Sonne. Auch ein Tief kann diese auslösen, wie es heute Morgen der Fall war“, heißt es auf Florians Wetterseite weiter.

„Der Gewitterbildungs-Prozess ist also äußerst chaotisch. Oftmals reichen nur wenige Grad Celsius aus, ob es nun an einem Ort für ein Gewitter reicht oder nicht. Außerdem kann ein einzelnes (vielleicht unvorhergesehenes) Gewitter gleich mehrere andere auslösen, auch in weiter Entfernung. Gewittert es an einem Ort, kann die ausfließende Kaltluft irgendwo anders Kondensation und Hebung verursachen und auch dort Gewitterwolken heranwachsen lassen.“

Bei der Wetterprognose gebe es Grenzen, eine solche sei unter anderem die Gewittervorhersage. „Auch die besten Supercomputer auf dieser Welt können nicht exakt die Wirklichkeit darstellen. Das wird wohl auch in Zukunft nicht funktionieren, wobei sich in den letzten Jahrzehnten schon viel getan hat. Die Natur ist und bleibt eine komplexe und unberechenbare Materie“, meint Schmalzl abschließend.

stol