Im Interview mit s+ erinnert sich die damalige Ressortleiterin von STOL an die erschreckenden Bilder, die im Sommer 1998 die Redaktion erreicht haben. Außerdem erzählt sie, wie ihre Recherchen und ein Aufruf auf STOL der Polizei bei ihren Ermittlungen weitergeholfen haben.<BR /><BR /><b>Frau Bernhard, am 10. August 1998 erschüttert ein grausamer Fund im Pustertal das ganze Land. Wie hat Sie die Meldung erreicht, dass bei Ehrenburg eine Leiche gefunden worden war?</b><BR />Eva Bernhard: Nachdem die junge Frau entdeckt worden war, hat die Polizei Fotos der Leiche freigegeben. Diese beängstigenden Bilder haben die Redaktion in analoger Form erreicht. Das tote Mädchen, das darauf zu sehen war, war schlimm zugerichtet. Diese Bilder haben mich sehr berührt und sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="792740_image" /></div> <BR /><BR /><b>Was haben Sie mit den Bildern gemacht?</b><BR />Bernhard: Es war zunächst noch völlig unklar, was mit der jungen Frau geschehen war. Ebenso wenig konnte man etwas über ihre Identität sagen. Im Sommer 1998 nutzten nur sehr wenige Südtiroler das Internet. Der Internetauftritt von STOL war erst wenige Monaten zuvor online gegangen. Trotzdem haben wir überlegt, wie man die Reichweite des Internets nutzen könnte, um bei der Aufklärung dieses Mordes zu helfen. Wir haben uns also dazu entschlossen, ein Foto zu veröffentlichen, in der Hoffnung, dass vielleicht jemand das Bild sieht, der das Opfer erkennen könnte. Dafür musste es zunächst bearbeitet werden, da man es im Original nicht hätte zeigen können.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="797105_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie hat es dieses Bild dann weit über die Grenzen Südtirols hinaus geschafft?</b><BR />Bernhard: STOL war in seiner Anfangszeit eng mit „Vorarlberg Online“ verbunden. Der Onlinedienst hat damals die Technik für STOL sowie zahlreiche weitere Nachrichtenportale in Österreich geliefert. Daher habe ich das Bild auch an die Vorarlberger Kollegen geschickt; mit der Bitte, sie mögen es auf all den Seiten, die sie betreuen, online stellen. So hat das Foto schnell die Runde in ganz Österreich gemacht, was letztlich dazu geführt hat, dass Ulrike Reistenhofer am 22. August 1998 von ihrer Mutter identifiziert werden konnte.<BR /><BR /><b>In den 12 Tagen zwischen der Veröffentlichung des Fotos und der Identifikation der Leiche stand weiter die Frage im Raum, woher die junge Frau stammte. Eine Spur lieferte ihre Kleidung und ein Tipp, den Sie den Ermittlern gegeben haben...</b><BR />Bernhard: Wir haben von der Polizei erfahren, dass die Tote Kleider einer Marke getragen habe, die damals in Südtirol kaum bekannt war und deshalb den Ermittlern einige Rätsel aufgab: Es handelte sich um H&M. Ich kannte die Marke und wusste, dass es sich um eine schwedische Modekette handelte, die ihre Kollektionen in vielen europäischen Städten verkaufte. Das habe ich erzählt und irgendwie muss das auch die Ermittler erreicht haben: Eines Nachmittags standen dann 2 Polizisten der Fahndungspolizei Bozen an meinem Schreibtisch und wollten wissen, wie ich an diese Informationen kommen konnte. Im ersten Moment war ich perplex und erklärte, dass H&M im Modebusiness eine bekannte Marke und besonders bei Jugendlichen beliebt sei. Die Tote hätte die Kleider in vielen Städten Europas kaufen gekonnt. Daher dürfte es schwierig sein, anhand dieser festzustellen, woher die junge Frau kam. Nach dem Besuch der Polizisten habe ich noch weiter recherchiert und herausgefunden, dass es sich bei den Schuhen der Toten um Billigware handelte, die ebenfalls in zahlreichen europäischen Ländern vertrieben wurde. Also konnte man auch anhand dieser Marke wenig Aufschluss über die Herkunft des Mordopfers gewinnen. Von Erkenntnissen aus meiner Recherche waren die Ermittler sehr erstaunt und wollten kaum glauben, was man alles im Internet herausfinden konnte. Heute muss man darüber schmunzeln, aber das Netz steckte damals wirklich noch in den Kinderschuhen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="797108_image" /></div> <BR /><BR /><b>Warum hat Sie dieser Fall so sehr beschäftigt?</b><BR />Bernhard: Vor dem Leichenfund bei Ehrenburg war ich selbst erst wenige Monate zuvor Mutter einer Tochter geworden. Deshalb haben mich die Bilder der verstümmelten Leiche dieses jungen Mädchens unglaublich mitgenommen. Wenn ich zuhause meine Tochter im Arm hielt, musste ich häufig daran denken, dass auch Ulrike Reistenhofer einmal ein Baby gewesen war, mit einer Mutter, die sie genauso wie ich jetzt mein Kind im Arm gehalten hatte. Auch nachdem ihre Identität geklärt war, haben wir auf STOL über alle weiteren Entwicklungen im Mordfall Reistenhofer berichtet. Leider ist bis heute nicht geklärt, was genau mit ihr passiert ist.<BR /><BR /> <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/der-kaltbluetige-mord-an-ulrike-reistenhofer" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Eine Chronologie des bis heute ungeklärten Mordes an Ulrike Reistenhofer finden Sie hier.</a><BR /><BR /> <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/mordfall-ulrike-reistenhofer-tv-team-begibt-sich-in-suedtirol-auf-spurensuche" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Hier lesen Sie, wie das ATV-Team von „Ungelöst – Cold Case Austria“ den Fall erneut aufrollen will.</a>