Dienstag, 28. Januar 2020

Sorge vor Ausbreitung des Coronavirus' wächst

Mit Reisebeschränkungen für seine Staatsbürger will China auch global eine Ausbreitung der neuartigen Lungenkrankheit verhindern. Die Zahl der Infizierten in der Volksrepublik stieg bis Dienstag innerhalb eines Tages wieder sprunghaft um rund 1.700 auf mehr als 4.500. Die Gesamtzahl der Todesfälle stieg auf 106. In Wien gab es unterdessen einen neuen Verdachtsfall.

In London setzen bereits zahlreiche Menschen auf Schutzmasken.
In London setzen bereits zahlreiche Menschen auf Schutzmasken. - Foto: © APA/afp / JUSTIN TALLIS

Bei der betroffenen Person wurden eine milde Symptomatik festgestellt, wie es aus dem Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) hieß. Die chinesische Staatsbürgerin, eine Touristin, wurde erst an der Rudolfstiftung in der Notfallaufnahme behandelt und wurde dann in der Medizinischen Abteilung des KFJ aufgenommen. Die Frau stammt aus der südchinesischen Provinz Guangdong und klagte über Halsschmerzen.
Die beiden vorherigen Coronavirus-Verdachtsfälle in Wien stellten sich indes als negativ heraus. Es haben sich weder der behandelte Mann noch die Frau mit dem neuen Virus infiziert. Auch sie wurden auf die 4. Medizinische Abteilung im Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital überstellt, die auf Diagnose und Behandlung derartiger Virenerkrankungen spezialisiert sind. Dort gaben die Ärzte schließlich Entwarnung.


Weltweit steigt die Zahl der Patienten. Rund 60 Nachweise wurden bisher unter anderem aus den USA, Japan, Südkorea, Kanada, Thailand und Australien gemeldet. Während die Erkrankten im Ausland vorher meist in China waren, wurde wie in Deutschland auch in Japan erstmals ein Fall bekannt, bei der die Infektion direkt im eigenen Land passiert sein muss. Der erkrankte japanische Busfahrer habe Anfang des Monats zwei Gruppen chinesischer Touristen aus der besonders betroffenen Stadt Wuhan gefahren, gab Gesundheitsminister Katsunobu Kato bekannt.

Aus Angst vor einer weltweiten Ausbreitung empfahl die Regierung in Peking am Dienstag allen Chinesen, von Auslandsreisen vorerst abzusehen. „Wenn keine besondere Notwendigkeit besteht, wird empfohlen, den Zeitpunkt der Reise zu verschieben“, mahnte Chinas Verwaltung für die Einreise und Ausreise. Hongkong will seine Grenze zur Volksrepublik weitgehend dichtmachen. Alle Zug- und Fährverbindungen werden von Donnerstag um Mitternacht an gekappt.

In Zusammenarbeit mit Chinas Behörden werden alle Individualreisen chinesischer Staatsbürger nach Hongkong ausgesetzt. Zuvor hatte Peking bereits alle Pauschalreisen ins Ausland gestoppt. Die chinesische Sonderverwaltungsregion halbiert zudem die Zahl der Flüge aus China. In Hongkong gibt es acht Infektionen. Auch Taiwan, wo es sieben Fälle gibt, hat Einreisebeschränkungen für Chinesen erlassen.


Koordiniertes Vorgehen aller EU-Länder

Außer dem ersten Fall in Deutschland, bei dem sich ein Deutscher bei einer chinesischen Besucherin angesteckt hat, sind in Europa bisher in Frankreich drei Infektionen mit dem Virus bestätigt. Die EU-Kommission will im Kampf gegen die Ausbreitung des neuen Coronavirus ein koordiniertes Vorgehen aller EU-Länder bei der Überwachung von Einreisen. Denkbar sei auch gegenseitige Hilfe über den europäischen Katastrophenschutz-Mechanismus, zum Beispiel für die Rückholung von EU-Bürgern aus China, hieß es am Dienstag nach einer Sitzung des Ausschusses für Gesundheitssicherheit in Brüssel.




Wie berichtet, hat sich auch Südtirol gewappnet.

Wegen der Lungenkrankheit wollen immer mehr Länder ihre Staatsangehörigen aus der schwer betroffenen Metropole Wuhan zurückholen - so etwa Großbritannien und Belgien, Japan, Frankreich und die USA. Die Bundesregierung bereitet einen Evakuierungsflug vor, um ausreisewillige Deutsche aus Wuhan auszufliegen.

Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus könnte nach Angaben eines Experten in rund zehn Tagen ihren Höhepunkt erreichen. Er gehe davon aus, dass die Epidemie „in einer Woche oder rund zehn Tagen einen Höchststand“ erreichen werde, sagte der renommierte Wissenschafter Zhong Nanshan der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua. Die Verbreitung der Krankheit werde „nicht in großem Umfang ansteigen“, ergänzte er. Auch wenn weiterhin kein Heilmittel gefunden werde, werde die Sterblichkeitsrate dank lebenserhaltender Geräte und der Anstrengungen des medizinischen Personals „sicherlich weiter sinken“, sagte Zhong.

Nach einem Treffen mit Chinas Außenminister Wang Yi in Peking warnte der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, nach offiziellen chinesischen Angaben vor Überreaktionen. Die WHO sei zuversichtlich, dass die chinesische Regierung die Epidemie unter Kontrolle bringe, zitierte ihn das Außenministeriums.


Drastische Maßnahmen

China hatte in den vergangenen Tagen drastische Maßnahmen ergriffen: In der Provinz Hubei wurden 45 Millionen Menschen in mehr als einem Dutzend Städten weitgehend von der Außenwelt abgeschottet. Flüge sowie Fern- und Nahverkehr wurden gestoppt. Auch andere Regionen haben den Überlandverkehr von Bussen und einige Zugverbindungen gestrichen. Die Regierung verlängerte zudem die Ferien über das laufende Neujahrsfest hinaus.

Zur Behandlung der Lungenkranken haben Chinas Behörden inzwischen fast 6.000 Ärzte und Pfleger aus dem ganzen Land in die Provinz Hubei entsandt. Mehr als 2.700 Infektionen sind in der 58 Millionen Einwohner zählenden Provinz bestätigt, deren Hauptstadt Wuhan ist. 100 Menschen sind allein in Hubei gestorben. Das Virus ist inzwischen in fast allen Provinzen und Regionen Chinas aufgetaucht.

dpa