Seit der Pandemie sind rund 80 neue Vereine in Südtirol gegründet worden – die Mehrheit in den Bereichen Jugend, Kultur, Nachhaltigkeit und internationale Zusammenarbeit. „Die Menschen leisten gerne einen ehrenamtlichen Beitrag für die Gesellschaft, sie engagieren sich oft nicht nur in einem, sogar in mehreren Organisationen“, erzählt Seitz.<BR /><BR /><embed id="dtext86-67011041_quote" /><BR /><BR /> Obwohl in den vergangenen Jahren mehr Vereine entstanden sind, als aufgelöst wurden, erhält nicht jeder Bereich gleich viel Zuspruch: „Im Sozialwesen fehlen immer mehr Menschen, vor allem die junge Generation“, sagt Seitz. Das Interesse, ältere Menschen oder Menschen mit Beeinträchtigung zu unterstützen, sinkt. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67011045_quote" /><BR /><BR />„Kurzfristig gibt es die Bereitschaft zu helfen, aber Dienste längerfristig abzudecken, wird immer schwieriger – vor allem, wenn damit körperliche Tätigkeiten verbunden sind.“ Man muss nämlich körperlich in der Verfassung sein, einer älteren Person beispielsweise beim Treppensteigen zu helfen. Da geht es dann nicht nur darum, sich Zeit zu nehmen, sondern auch bei alltäglichen Tätigkeiten, wie Waschen, zu unterstützen. <h3> Schwierige Suche nach Führungspersonen</h3>Immer mehr Vereine würden es auch verabsäumen, Führungspositionen neu zu besetzen. „Wir führen bereits Schulungen durch, um darauf aufmerksam zu machen, einen Wechsel an der Spitze rechtzeitig zu erkennen und durchzuführen“, berichtet Seitz. Denn durchaus können Krankheits- oder Todesfälle auftreten, sodass ein Vorstandsmitglied plötzlich nicht mehr da ist, und es keinen Ersatz gibt. „Da gilt es dagegenzusteuern.“ <h3> Bürokratie als Hemmschuh</h3>Aber nicht nur damit kämpfen ehrenamtliche Organisationen: „Bei uns ist die Bürokratie ein größerer Hemmschuh als die Verantwortung“, sagt Heinrich Erhard, Präsident der Südtiroler Vinzenzgemeinschaft (siehe unten). Dem möchte das Land entgegensteuern. Landesrätin Rosmarie Pamer wird nächsten Freitag das neue Ehrenamtsgesetz den Vereinen vorstellen.<BR /><BR /><h3> Sozialdienste: Ein Viertel weniger freiwillige Helfer</h3>Von 2016 bis 2023 ist die Zahl der freiwilligen Helfer in den Sozialdiensten von 4325 auf 3164 gesunken, so eine Statistik. „In diesem Bereich fallen verschiedene Aufgaben an, wie Begleitdienste für ältere Menschen oder die Betreuung von Minderjährigen“, weiß der Publizist und Jurist <Fett>Karl Gudauner</Fett>. Er sprach darüber mit über 20 Vertretern von Sozialorganisationen und Institutionen im Rahmen der Tagung „Alle gegen Armut“. <h3> Vielfältige Gründe</h3>„Bei einzelnen Sozialverbänden – sei es deutsch- wie italienischsprachig – sind Funktionäre und Mitglieder überaltert.“ Anders als früher sei es heute schwieriger, neue Leute für ehrenamtliche Tätigkeiten im sozialen Bereich zu finden. „Da geht es nicht nur um Sitzungen und Veranstaltungen, sondern um Menschen, die Betreuung und Begleitung brauchen.“ <BR /><BR />Die Gründe für den Rückgang an Freiwilligen sind vielfältiger Natur. „Die Menschen gehen immer später in Rente. Die Zeit der Erwerbstätigkeit dehnt sich also aus“, sagt Gudauner. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67011049_quote" /><BR /><BR />Neue Kräfte zur Mitarbeit zu bewegen ist mühevoll. Menschen, die in der Blüte ihres Lebens stehen, sind mit Beruf, Familie oder der Pflege von Angehörigen ausgelastet. „Junge Menschen sind individualistischer, oft stehen materielle Interessen im Vordergrund. Der Lebensstil hat sich geändert. Es ist weniger hip im Sozialbereich Hilfe zu leisten“, vermutet Gudauner. <h3> Wie man Anreize schaffen könnte</h3>Was könnte eine Trendwende bringen? Mehr für diese freiwilligen Tätigkeiten werben, den sozialen und gesellschaftlichen Mehrwert in den Vordergrund stellen, schlägt Karl Gudauner vor. Auch flexiblere Rentenregelungen oder die Möglichkeit, durch soziale Tätigkeiten die Rente aufzubessern, könnten Anreize schaffen. „Wichtig ist es, die Motivation zu stärken. Freiwillige Dienste im sozialen Bereich zu übernehmen, sind sinnvolle Tätigkeiten. Man gibt den Menschen etwas zurück, die Hilfe brauchen“, schließt Karl Gudauner.<BR /><h3> Das sagen verschiedene Akteure im Ehrenamt:</h3><BR /><b>Problem Bürokratie</b><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1086720_image" /></div> „Wir haben bei der Feuerwehrjugend einen Anstieg von 10 Prozent in den vergangenen Jahren verzeichnet“, freut sich Landesfeuerwehrverbandpräsident <Fett>Wolfram Gapp</Fett>. Auch sonst sind die Mitgliederzahlen konstant. Schwieriger sei es allerdings Führungskräfte zu finden. „Man ist privat immer mehr gefordert und die Bürokratie schreckt auch ab. Es ist eine Herausforderung“, so Gapp.<BR /><BR /><b>Viele Pensionisten</b><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1086723_image" /></div> Dass das Interesse für ehrenamtliche Tätigkeiten im Sozialbereich sinkt, bemerke man daran, dass junge Menschen nicht mehr nachkommen würden, sagt <Fett>Heinrich Erhard</Fett>, Präsident der Südtiroler Vinzenzgemeinschaft. „Bei Pensionisten ist das Ehrenamt hoch im Kurs.“ Jugendliche würden zwar eine Zeit lang aushelfen, langfristig „binden“ würden sie sich aber nicht wollen. <BR /><BR /><b>Mehr Freiwillige</b><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1086726_image" /></div> So viele Freiwillige wie noch nie engagieren sich derzeit beim Weißen Kreuz – und das, obwohl „junge Menschen heute viel mehr Möglichkeiten haben. Es gibt nicht mehr nur einen Verein. Die Welt ist offener“, weiß Präsident <Fett>Alexander Schmid.</Fett> Obwohl Führungspositionen im Landesrettungsverein mit viel Verantwortung verbunden sind, gibt es mit ihrer Besetzung derzeit kaum Probleme. <BR /><BR /><b>Politik gefordert</b><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1086729_image" /></div> In den Musikschulen ist der Andrang groß, die Musikkapellen haben keine Nachwuchssorgen: „Wir sind stolz ehrenamtlich musizieren zu dürfen“, erzählt <Fett>Pepi Ploner</Fett>, Obmann des Verbands der Südtiroler Musikkapellen. Einzig und allein die Reform des Dritten Sektors stellt eine Herausforderung dar, aber „da hoffen wir, dass die Politik jetzt Rahmenbedingungen schafft, die Erleichterungen bringen.“<BR /><BR /><b>„Wir tun uns hart“</b><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1086732_image" /></div> „Wir tun uns hart, Freiwillige zu finden“, erklärt <Fett>Roland Schroffenegger</Fett>, Präsidenten der Lebenshilfe Südtirol. Man prüfe bereits, wie man die Freiwilligenarbeit attraktiver gestalten könnte. „Vielleicht haben viele Angst Menschen mit Beeinträchtigung zu unterstützen.“ Noch sei man in der glücklichen Lage, alle Dienste abzudecken, die Tendenz, dass es schwieriger werde, zeichne sich aber ab. <BR /><BR /><b>Komplexe Aufgaben</b><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1086735_image" /></div> Nach einem pandemiebedingten Rückgang haben sich die Mitgliederzahlen der Südtiroler Chöre wieder stabilisiert. „Schwieriger ist es, die Führungspositionen zu besetzen“, schildert der Obmann des Südtiroler Chorverbands <Fett>Erich Deltedesco</Fett>. „Jeder ist bereit mitzuhelfen. Verantwortung übernehmen möchten aber immer weniger. Alles ist komplexer geworden, auch durch die Bürokratie.“