Wie jeder Stilfser sei er beim „Klosn“ seit Kindesbeinen im Einsatz, „wir haben das im Blut – einmal dabei, immer dabei“, sagt Roland Angerer. Ich treffe den pensionierten Volksschullehrer vor der Pfarrkirche des Dorfes an der Stilfser Joch Straße. <BR /><BR />1882, als das alte Stilfs durch einen Brand zerstört wurde, baute man das dem Heiligen Ulrich geweihte Gotteshaus im neugotischen Stil wieder auf. Die Pfarrkirche spielt auch beim „Klosn“ eine wichtige Rolle. Am Kirchplatz endet der Nachmittagsumzug der „Klosnr“: mit einem Vaterunser sowie dem Angelusgebet, vorgesprochen vom „Nikolaus“ mit wallendem Wattebart.<BR /><BR /> Bei meinem Besuch Ende November haben die Lärchen am Rand steiler, frostbrauner Wiesen, wo Schafe weiden, ihr buntes Herbstkleid angezogen. Richtung Süden ragen die mächtigen Gipfel des Ortlermassivs mit weißen Schneehauben empor. Der Kirchplatz ist verwaist – über die Dorfstraße, die Stilfs in zwei Hälften teilt, nähern sich zwei junge Frauen, indem sie ihre Kinderwagen vor sich her schieben. Es gibt im Bergdorf wenig ebene Flächen, für Spaziergänge eignet sich die quer zum Hang verlaufende Dorfstraße, die am Kirchplatz endet, am besten. <BR /><BR />„Dort drüben auf dem Hügel, von dem ein Steig herunterführt, beginnt das „Klosn“, mit dem Umzug der „Esel“, die dabei mit umgeschnallten Kuhglocken lärmen“, sagt Angerer, und zeigt auf eine Anhöhe am westlichen Dorfrand. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="838940_image" /></div> <BR /><BR />Roland Angerer, mit Stoppelbart und Intellektuellenbrille, wurde mir „als Stilfser Kulturgewissen“ für diese Recherche empfohlen. Nun winkt der sympathische 64-Jährige bescheiden ab, als ich mit gezücktem Notizbuch vor ihm stehe. Er sei kein Volkskundler, er habe das Thema „Klosn“ nicht erforscht, sagt Angerer, und diktiert mir Namen und Telefonnummern von zwei Historikern, von ihnen könne ich Genaueres erfahren. <BR /><BR />Aber natürlich: Die Kultur, das Brauchtum, seien ihm ein Anliegen. „Eppes gemeinsam auf die Fiaß zu stellen“, festige zwischenmenschliche Bindungen, stifte Zusammenhalt, sagt Angerer. Als parteiloses Mitglied des Gemeinderates sowie des Bildungsausschusses, als Vorstandsmitglied des Heimatpflegeverbandes und altgedienter Dorflehrer ist mein Gegenüber genau der Mann, den ich suche.<h3> Uralter heidnischer Brauch</h3>Es gebe keine schriftlichen Quellen, ganz sicher jedoch sei das „Klosn“ uralt, ein heidnischer Brauch, mit dem Perchten im baierisch-österreichischen Alpenraum verwandt, erzählt Roland Angerer, nachdem wir festgestellt haben, dass wir beide, lange ist´s her, die Lehrerbildungsanstalt besuchten. Die Professoren, manche etwas schrullig, die wir erlebten, sind inzwischen gestorben – sie mögen in Frieden ruhen. „In späterer Zeit kamen beim „Klosn“ christliche Elemente hinzu – im Wort steckt ja der Nikolaus drin – , etwa der Nikolaus, die Teufel und die „Weißen“. Mit ihren Ministrantenkleidung verkörpern letztere die Engel, himmlische Mächte.“ <BR /><BR />Zentrale Figuren – im Gegensatz zum Perchten findet das „Klosn“ nicht in der Weihnachtszeit statt, sondern am ersten Samstag im Dezember – sind die „Esel“ sowie die „Klaubauf“, erfahre ich. Polare Figuren also. Die Esel, mit den Schellen und bunten Stofffetzen, in die sie gehüllt sind, stehen für das Leichte, Helle, Lebenszugewandte. <BR />Während die „Klaubauf“ mit ihren selbstgeschnitzten Holzmasken, grotesken Fellen und Fratzen sowie den rasselnden Ketten, mit denen sie den Leuten nachstellen, das Dunkle, Angstbesetzte, die Nacht und den Tod verkörpern. „Als Kind habe ich mich schrecklich gefürchtet, ich schwitzte vor Angst – obwohl ich wusste, wer hinter der Larve steckt. Trotzdem, oder gerade deshalb, faszinierte das Schauspiel. Es ging ja immer gut aus“, sagt Angerer. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="838943_image" /></div> <BR />Wir sind inzwischen auf der Dorfstraße Richtung Süden unterwegs, ober- und unterhalb der Straße stapeln sich die Häuser wie Hangterrassen. Fast alles ist hier aus Stein: Brunnen, Wege, Häuser, Ställe, Stadel und die Trockenmauern, die sich wie ein silbrig schimmerndes Aderngeflecht über die steilen Wiesen ziehen. Bei einem turmartigen Bau aus verwittertem Lärchenholz bleibt Angerer stehen und weist auf die Inschrift an der Eingangstür: „Der Einstieg. Bergbau und Siedlungen am Ortler“, so heißt die hier gezeigte Dauerausstellung. <BR /><BR />Schon in prähistorischer Zeit sei in der Umgebung Kupfer abgebaut, Stilfs von Bergknappen errichtet worden, erzählt Angerer. „Wir sind kein typisches Bauerndorf – bei uns, wo die Hennen Steigeisen tragen, waren die Höfe immer klein.“ Die Stilfser, die im Bergbau und beim Bau der Stilfser Joch Straße Arbeit fanden, und, als beides Vergangenheit war, von der Armut zur Wanderschaft gezwungen wurden, bezeichnet Angerer als „aufgeschlossen und weltoffen.“<h3> Ein Ritual für alle Anfänger</h3>Später, draußen ist es kühl geworden, sitzen wir am runden Tisch im Gemeidehaus. „Hier haben wir Ruhe“, sagt Angerer nach einem kurzen Ratscher mit einer Mitarbeiterin. Das „Klosn“ erzählt er, sei seit je eine Männerangelegenheit. „Sämtliche Akteure sind junge Männer. Früher war es der Musterungsjahrgang, „die Spielbuam“, heute sind die Hauptorganisatoren 20Jährige.“ <BR /><BR />Diese Gruppe, es gibt keinen Klosner-Verein, rekrutiere auch die Jüngeren. Wer das „Oklosn“ durchlaufen habe, eine symbolische Gefangennahme, dürfe beim nächsten Umzug mitmachen. „Es ist ein Initiationsritual. Die Jungen werden mit Ketten gefesselt und dann „ummerglossen“, hin- und hergezerrt. Dabei sorge der „Scharsch“, dem alle gehorchen müssen, dafür, dass alles im gesitteten Rahmen abläuft. Natürlich, sagt Angerer, „verleiten die Dunkelheit, der Alkohol und die Larven auch zu Grenzüberschreitungen.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="838946_image" /></div> <BR /><BR /> Das Ritual biete einen Schutzraum, in dem man sich näherkomme, das „Klosn“ sei ein Balanceakt zwischen Spaß und tieferer Bedeutung. „Ein bisschen Zwicken und Schreien gehört dazu.“ Manches Gspusi, erfahre ich vom Stilfser Kulturgewissen, habe sich beim „Klosn“ angebahnt. <BR /><BR />Nachdem mir Roland Angerer im Gemeindehaus noch eine ausgestellte Maske mit Fell, Dracula-Zähnen und Ziegenhörnen gezeigt hat, wäre es jetzt Zeit für einen gemeinsamen Kaffee. Grundsätzlich sei man diesbezüglich in Stilfs mit drei Lokalen gut aufgestellt, allerdings seien momentan, da die „Fremden“ weg sind, alle geschlossen, erfahre ich. Daher stehen wir noch, die Weltlage besprechend, ein bisschen vor meinem Auto am Ortseingang herum. <BR /><BR />80 bis100 junge Männer, „alle mit Stifser Wurzeln“, nähmen jährlich am Umzug teil, erzählt Angerer. Wochenlang bilde das Großereignis das Thema Nummer 1 in Stilfs. „Und zum Schluss werden Pläne für das nächste Jahr geschmiedet.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="838949_image" /></div> <BR /><BR />Als ich anschließend vergeblich versuche, meinen Wagen zu starten, wird deutlich, dass mein Dorfführer über weitere Qualitäten verfügt. „Die Batterie hat den Geist aufgegeben!“, stellt Roland Angerer fest, als der Wagen keinen Mux macht, und stemmt sich zum Anschieben mit beiden Händen gegen das Fahrzeugheck. Zum Glück geht es hier bergab. „Alles Gute!“, sagt der Dorflehrer und klopft mit der flachen Hand auf das Autodach, als mein Wagen mit einem Ruck anspringt.<BR /><BR /> Zum Zeichen des Dankes drücke ich auf die Hupe, während ich, den Kopf aus dem Fenster steckend, Angerer zurufe: „Jetzt bin ich einen Tegel schuldig!“ Mein Nothelfer ist ins Schnaufen gekommen. Sich aufrichtend, hebt er hinter mir auf der Straße den Daumen und schreit: „Super, so machen wir es, das nächste Mal beim Klosn!“<BR />