Mittwoch, 14. August 2019

Stalking: 600 Ermittlungen jährlich

Bei Gewalt gegen Schwächere fackelt Justitia nicht lange: Die U-Richter am Bozner Landesgericht haben im Vorjahr jeden 5. Tag ein Annäherungsverbot bzw. einen Wohnungsverweis gegen mutmaßliche Stalker und Misshandler verhängt, wie das Tagblatt „Dolomiten“ am Mittwoch berichtet. Die Staatsanwaltschaft ruft die Opfer auf, Anzeige zu erstatten: Meist reiche dies schon, die Täter in die Schranken zu weisen.

Am Bozner Gericht werden regelmäßig Annäherungsverbote gegen Stalker ausgesprochen.
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Am Bozner Gericht werden regelmäßig Annäherungsverbote gegen Stalker ausgesprochen. - Foto: © STOL

Pro Jahr leitet die Arbeitsgruppe „Schutz der Person und Gesundheit“ der Bozner Staatsanwaltschaft rund 600 Ermittlungen ein, Tendenz leicht steigend – die meisten wegen Misshandlung, Stalking, Straftaten gegen Minderjährige und sexueller Gewalt, wobei letztere knapp 20 Prozent der Fälle ausmacht. Ein kleinerer Anteil betrifft Straftaten im Lebensmittelsektor (ebenfalls Aufgabenbereich der Arbeitsgruppe).

„Von 2013 bis 2018 wurden von der Staatsanwaltschaft 270 einstweilige Verfügungen wie Annäherungs- und Kontaktverbote sowie Wohnungsverweise erwirkt“, sagt Staatsanwältin Luisa Mosna, Koordinatorin der Arbeitsgruppe.

In 70 bis 80 Prozent der Fälle genüge ein Annäherungsverbot und das Bewusstsein, dass ihm die Ermittler „auf die Finger schauen“, um einen Verdächtigen zur Vernunft zu bringen. Hilft das nicht, wird der Betroffene des Ortes verwiesen, unter Hausarrest gestellt oder er landet sogar hinter Gittern.

Der so genannte „Codice Rosso“ – das neue Gesetz gegen Gewalt an Frauen, das vergangenen Freitag in Kraft getreten ist – sieht eine Beschleunigung der Ermittung, eine Verschärfung der Strafen sowie der Vorbeugemaßnahmen vor. Beispielsweise können Stalker jetzt mit Elektro-Fesseln ausgestattet werden, was eine bessere Kontrolle ermöglicht. Allerdings hat die Sache – noch – einen rein praktischen Haken: Die Anzahl der Fußfesseln, die Italien zur Verfügung stehen, ist weiterhin gering. Setzt sich ein Betroffener über ein Annäherungsverbot bzw. einen Wohnungsverweis hinweg, hat dies nicht mehr nur die Verschärfung der Vorbeugemaßnahme zur Folge, sondern die Missachtung gilt als eigene Straftat: Es drohen Haftstrafen von 6 Monaten bis zu 3 Jahren.

„Frauen sollten sich nicht scheuen, nicht nur körperliche, sondern auch seelische Gewalt anzuzeigen. Vertrauen in die Justiz ist angebrachter als weiterhin Vertrauen in den gewalttätigen Partner“, sagt Staatsanwältin Mosna. Traurige Tatsache: Nach Frauenmorden zeige sich nicht selten, dass das spätere Opfer – auch im Falle vorheriger Gewalt – nie Anzeige erstattet hat.

D/rc

stol