Derzeit ist Oberstleutnant Giorgio Stefano Manzi, Leiter der gesamtstaatlichen Abteilung für Kriminalanalysen, als Ausbildner in Südtirol.Seit Einführung des Stalking-Gesetzes häufen sich die Fälle. Ist das ein Eindruck oder bestätigen dasIhre Statistiken? Giorgio Stefano Manzi: Die Straftaten häufen sich wirklich. Zurückzuführen ist das darauf, dass vor allem Männer immer mehr Probleme mit Einsamkeit und Ablehnung haben. Das Stalking-Gesetz wurde natürlich an italienische Verhältnisse angepasst: Was hierzulande noch unter Galanterie fällt, wäre beispielsweise in Seattle (USA) bereits sexuelle Belästigung. Wer ist der klassische Stalker? Manzi: Die Grundlage dafür wird in der Erziehung, in der Familie geschaffen. Vor allem junge Männer lernen nicht ausreichend, mit Niederlagen oder Frust umzugehen. Das ziehen sie sich ihr Leben lang mit. Sie reagieren darauf mit Aggression oder mit Flucht. Sie empfinden die Abweisung einer Frau oft als Bedrohung, die sie aus dem Weg schaffen müssen – oft genug gab es Morde, die darauf zurückzuführen sind. Männer, die stalken, leiden häufig am Borderline-Syndrom. Frauen, die stalken, sind seltener. Aber sie haben meist gröbere psychische Probleme als Männer. Was charakterisiert stalkende Frauen? Manzi: Frauen sind oft perfider als Männer. Sehen Sie auch die Zahlen von Südtirol: 85 Männer, die 85 Opfer gestalkt haben. Bei fünf Frauen gibt es 14 Opfer. Frauen stalken anders. Ich möchte ein Beispiel erzählen. Eine Frau in Rom wurde verlassen. Ihr Ex, großer Roma-Fan, lebte außerhalb von Rom, sein einziges Fortbewegungsmittel war das Motorrad. In der Nacht vor dem Fußballderby hat die Frau das Motorrad mit einer dicken Kette verschlossen, so dass er das Derby verpasste. Wann ist der richtige Moment für eine Anzeige gekommen? Manzi: Es gibt zwei Möglichkeiten: Eine Verwarnung vom Quästor oder eine Anzeige. Letztere kann auch zurückgezogen werden. Im Falle von Stalking ist es leider manchmal so, dass eine Anzeige als Mittel zum Zweck verwendet wird, dann aber zurückgezogen wird. Eine Anzeige sollte erstattet werden, wenn die Verfolgung das tägliche Leben beeinträchtigt, man sich bedroht fühlt. Wird in Italien dem Phänomen nur auf strafrechtlicher Ebene begegnet oder gibt es auch andere Maßnahmen? Manzi: Es gibt große Bemühungen in der Prävention im Sozialbereich. Carabinieri und Gefängnispolizei haben vor einer Woche ein Abkommen geschlossen, um mit dem Phänomen Stalking im Gefängnis anders umzugehen. Auf psychologischer Ebene brauchen Stalker eine andere Therapie als gewöhnliche Kriminelle. Gemeinsam mit den Unis von Palermo und Vancouver möchten wir das nun versuchen. Interview: Ulrike Huber/D