Montag, 22. Februar 2021

Stanford-Studie: Was bringt ein Lockdown?

Einer Studie der renommierten Stanford Universität zufolge ist ein Lockdown nicht die beste Waffe im Kampf gegen das Coronavirus. Das Paper stößt in Wissenschaftskreisen aber auf viel Kritik und ist hoch umstritten.

Die Standford-Studie stößt auf viel Kritik unter anderen Wissenschaftlern.
Die Standford-Studie stößt auf viel Kritik unter anderen Wissenschaftlern. - Foto: © shutterstock
Das Team um John P. A. Ioannidis, einem renommierten Epidemiologen, hat in der inzwischen im Internet häufig zitierten US-Studie Länder mit unterschiedlichen Anti-Corona-Maßnahmen verglichen. Das Ergebnis: Länder mit harten Maßnahmen schneiden nicht besser ab als Länder, die das gesellschaftliche Leben im Frühjahr 2020 resolut heruntergefahren haben. Ein harter Lockdown – so die Studie – bringt also nichts.

Für die Untersuchung hat Ioannidis Forschungsteam Länder wie Italien, Deutschland, Frankreich oder die USA, die sich in der ersten Welle für einen harten Lockdown entschieden haben, mit Schweden oder Südkorea verglichen. Diese Länder hatten das gesellschaftliche Leben weniger stark eingeschränkt und sich für einen Weg ohne Schließungen, Mobilitätseinschränkungen und Besuchsverbote entschieden.

Die Ergebnisse der Studie werden häufig von Kritikern der Corona-Maßnahmen und Corona-Verharmlosern genutzt, die damit ihre Ablehnung gegen einen Lockdown untermauern. Wer einen Blick in den wissenschaftlichen Diskurs wirft, stellt fest, dass das Paper hoch umstritten ist und einige Mängel aufweist.

Kritik an Stanford-Studie: „Birnen mit Äpfeln verglichen“

Zahlreiche Wissenschaftler haben inzwischen Kritik an der Ioannidis-Studie geäußert. So sagt Americo Cicchetti, Professor an der Universität „Cattolica del Sacro Cuore“ in Rom und Direktor der Altems (L’Alta scuola di economia e management dei sistemi sanitari) gegenüber der Tageszeitung “La Repubblica“, dass man die Realitäten in Schweden oder Südkorea nicht mit Italien vergleichen könne.

In diesen Ländern habe die Kontaktverfolung geklappt, auch dank einer funktionierenden Corona-App, die in Südkorea deutlich vorbehaltsloser angenommen wurde, als etwa in Italien. Laut Cicchetti habe das Scheitern der Immuni-App bewiesen, dass die Verwertung von Ortungsdaten in Europa ein heikles Thema sei. Daher könne man Italien kaum mit Südkorea vergleichen, weil in den beiden Ländern nicht die gleichen Instrumente zur Bekämpfung der Virusausbreitung zur Verfügung gestanden hätten.

Grobe methodische Mängel an der Stanford-Studie kritisierte hingegen Epidemiologe Gerald Gartlehner von der Donau-Universität Krems. Man habe aus den Daten der Länder die Non-Pharmaceutical-Intervention (NPI), also das Tragen von Schutzmasken, Abstandhalten und verstärkte Hygiene mit Händewaschen und Lüften, herausgerechnet, um so auf den tatsächlichen Effekt des Lockdowns zu kommen. Dabei habe man spezielle Eigenheiten von Ländern nicht in Betracht gezogen, erklärt Gartlehner im Interview mit der österreichischen Tageszeitung „Standard“. Im Einklang mit Cicchetti sagt Gartlehner, dass die Stanford-Wissenschafter „Birnen mit Äpfeln verglichen hätten.“

3 Einschränkungen der US-Studie

Gegenüber der deutschen Nachrichtenseite BR24 erklärten der Infektiologe Christoph Spinner vom Klinikum rechts der Isar in München und der Statistiker Helmut Küchenhoff von der LMU München, dass die Stanford-Studie 3 große Einschränkungen aufweise.

Zum einen untersuche die Studie nur die erste Corona-Welle und sei damit bereits veraltet. Für Bayern etwa stellt Küchenhoff mit seinen Zahlen bei der jetzigen zweiten Welle im Gegensatz zur ersten Welle einen ganz klaren Effekt der harten Lockdown-Maßnahmen fest.

Außerdem berücksichtige die US-Studie nicht, dass in Deutschland und anderen europäischen Staaten viele Infektionszahlen den Gesundheitsämtern erst im Nachhinein gemeldet werden. Deshalb könne oft auch erst mit einer Verzögerung von einigen Wochen klar bestimmt werden, ob und wie sich die Lockdown-Maßnahmen auf die Infektionszahlen auswirken oder nicht.

Zuletzt verweist Christoph Spinner darauf, dass die Wirkung der Lockdown-Maßnahmen stark von den ganz unterschiedlichen Bedingungen in den einzelnen Ländern abhänge. Faktoren wie das Klima, das Verhalten der Bevölkerung, Reisetätigkeit oder Bevölkerungsdichte könnten hierbei eine ausschlaggebende Rolle spielen.

Andere Studien belegen Wirkung eines Lockdowns

Wie umstritten das Thema Lockdown auch in der Wissenschaft ist, zeigt der Fakt, dass es auch Studien gibt, die zur gegenteiligen Schlussfolgerung der Standford-Studie kommen.

Wissenschaftler der Uni Edinburgh haben etwa die Daten von über 130 Länder ausgewertet, ebenfalls nur für den Zeitraum des ersten Lockdowns. Diese Studie schreibt vor allem dem Verbot von öffentlichen Veranstaltungen eine hohe Wirksamkeit zu. Außerdem stellten die Wissenschaftler fest, dass erneute Schulöffnungen und das Erlauben von privaten Treffen mit mehr als 10 Personen einen negativen Effekt auf das Infektionsgeschehen hatten.

Eine andere Forschergruppe von der Uni im englischen Exeter untersuchte anhand von Handydaten, wie sich die Mobilität auf die Corona-Lage auswirkte. Das Fazit: Je weniger die Menschen aufgrund des Lockdowns zwischen Ballungsräumen verkehrten und je weniger öffentliche Veranstaltungen abgehalten wurden, desto geringer war die Sterberate an Corona in einem Land.

Fazit

Abschließend kann man also sagen, dass zahlreiche internationale Wissenschaftler die Stanford-Studie, die harten Coronamaßnahmen ihre Wirkung abschreibt, äußerst kritisch betrachten. Die Studie weist unterschiedliche methodische Mängel auf, vor allem zieht sie aber Vergleiche zwischen Ländern, die sich nicht so einfach vergleichen lassen und geht unzulänglich auf die ganz speziellen Umstände in den einzelnen Ländern ein.

Was in den Augen zahlreicher Wissenschaftler durch die US-Studie klar wird: Es ist äußerst schwierig Anti-Corona-Maßnahmen einzeln zu bewerten. Die Wirkung einer einzelnen Maßnahme zu untersuchen bereitet große Schwierigkeiten, da immer ein ganzes Bündel an Maßnahmen getroffen wird. Die Aussage, dass rigorose Maßnahmen generell nichts bringen, ist aber auf Grundlage dieser Veröffentlichung für den Großteil der Wissenschafler nicht haltbar.



pho