Ausgerechnet eine Kaserne dient nun im Vinschgau als moderner Ort der Begegnung und der Weiterentwicklung – ein starkes Symbol. Gerade jetzt, gerade in Zeiten wie diesen. <BR /><BR />Den wohl aussagestärksten Satz, der die neue Lebensrealität in der kernsanierten „Palazzina Servizi“ der Schlanderser Drusus-Kaserne am besten beschreibt, lässt Hannes Götsch ganz nebenbei während der Besichtigung fallen: „Bart van der Heide war neulich hier und meinte zu mir, genau so ein Konzept wie dieses bräuchte es auch für Bozen.“<BR /><BR /> Als Direktor des Museion trachtet der Holländer Bart van der Heide seit bald 2 Jahren, die Attraktivität des Museums für Moderne Kunst zu steigern, während Hannes Götsch seit 7 Jahren dabei ist, das alte Kasernenareal mit Leben zu füllen. Jedoch auf eine einmalige Art und Weise, geleitet von einer unkonventionellen Ausgangsidee: Einen 2300 Quadratmeter großen Flügel des alten Bestandes kernsanieren und ihn auf vielfältigste Weise und nach klaren Grundsätzen der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. <BR /><BR />Und tatsächlich ist es nicht bloß bei der schönen Idee geblieben. In knapp 5 Jahren Denkzeit und 2,5 Jahren Bauzeit entstanden in den beiden Etagen des kleinsten der 4 Flügel unter anderem ein großer Coworking-Raum mit über 40 Arbeitsplätzen, ein 100 Quadratmeter großer Seminarraum, 4 temporäre Projektwohnungen, ein 220 Quadratmeter großer Veranstaltungsraum mit dem neuesten Licht- und Sound-Equipment, ein dazu passender Barbetrieb, offene Produktionsräume und Werkstätten, darunter ein Digitallabor mit Drucker und Lasercutter, eine kleine Verarbeitungs- und Veredelungsküche und mehrere Begegnungsräume. Im gesamten Komplex zeigt sich ein charmanter Stilmix aus moderner Infrastruktur, upgecyceltem Mobiliar und solidem Mauerwerk. <h3> Kompetenzfelder geprüft, Angebote geschaffen</h3>Der auf Vordermann gebrachte Kasernenflügel stellt jedoch nur die Hülle für Aktivitäten aller Art dar: Berufstätige informieren sich über die Neuerungen zur betrieblichen Wohlfahrt und Steuerfragen, Biologen tauschen sich über die Ergebnisse ihrer Feldforschung aus, Coworking-Space-Nutzer arbeiten an ihren Projekten, Mütter kommen mit ihren Kindern zum Spielen vorbei, Unternehmer halten Tagungen und Informationstreffen ab, Handwerker und Kreative basteln an Entwürfen, abends stehen Vorträge, Kinofilme, Partys oder ein lockerer Hoangortn auf dem Programm. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="756722_image" /></div> <BR />Ähnlich wie in einem Bienenstock vibriert heute das Leben in all seiner Vielfalt im Basis Vinschgau Venosta – so der Name des Trägervereins. Dahinter steht ein klares Konzept. „Dieser Ort ist Begegnungsstätte, Kreativlabor, Innovationshub und Entfaltungsmöglichkeit, wir haben ihn nach den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet und wollen ihn nach diesem Modell weiterentwickeln“, umreißt Projektleiter Hannes Götsch das Szenario. <BR /><BR />Während er durch das Sammelsurium der Räumlichkeiten führt, nimmt er immer wieder Worte wie Leerstandmanagement, Kompetenzfelder, Transformationsprozesse oder Kreislaufwirtschaft in den Mund. Hier könne man sich dank einer zeitgemäßen Infrastruktur einerseits beruflich verwirklichen, zugleich aber auch seinen persönlichen Horizont erweitern. „Neue Möglichkeiten der Begegnung werden in Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung immer wichtiger“, erklärt der Schlanderser und stellt klar: „Mit diesen Angeboten wollen wir die Leute ermutigen, ihre ureigenen Vorhaben anzupacken und so positive Reibung und Aufbruchsstimmung zu erzeugen.“<BR /><BR />Heute strahlt das Angebot von Basis weit über das Vinschgau und auch die Grenzen Südtirols hinaus, schließlich hat Götsch das Konzept schon in mehreren europäischen Metropolen vorgestellt. Heute mischen sich hier Handwerker und Bauern aus der Umgebung unter Studentinnen und Start-Upper aus aller Welt, heute erkennt man die Konturen und Möglichkeiten dieser Struktur, die Götsch nicht umsonst „Ermöglichungsplattform“ nennt. Heute handelt es sich um ein Leuchtturmprojekt, das frischen Spirit und ambitionierte Vorhaben in die Peripherie bringt. Getragen wird es von Werten wie Offenheit, Toleranz und Gemeinschaftssinn. Ausgangspunkt: Ausgerechnet eine Kaserne!<h3> Experimentier- statt Exerzierfeld</h3>Dabei hätte es völlig anders kommen sollen, ja kommen müssen. Schließlich lag das 4 Hektar umfassende Areal seit Mitte der 1990er-Jahre brach, vielfach wurde es aufgrund seiner Geschichte von den Einheimischen als Fremdkörper empfunden. In Spitzenzeiten lebten bis zu 1200 Soldaten in der 1937 fertiggestellten Kaserne, es war der militärische Vorposten der Staatsgewalt im Vinschgau. „Ein dunkler Fleck unserer Geschichte“, sagt Götsch dazu. Alles abreißen, niederwalzen und neue Wohn- und Wirtschaftsgebäude hochziehen, wäre der gängige Weg gewesen. Doch die Gemeindeverwaltung befragte die örtliche Bevölkerung nach Notwendigkeiten und Bedürfnissen, ließ sich in der Folge eben auch vom Konzept eines Einheimischen überzeugen. <BR /><BR />Auch Bürgermeister Dieter Pinggera zeigt sich sehr erfreut über die erstaunliche Entwicklung dieser Struktur. „Es handelt sich hier um einen komplexen und langwierigen Prozess, der noch längst nicht abgeschlossen ist, es sind im Jahr einige 100.000 Euro an Kosten zu stemmen, aber es hat sich gelohnt“, sagt Pinggera, der seit seinem Amtsantritt im Jahre 2010 die Initiative angestoßen hat. <BR /><BR />Nicht ganz 4 Millionen Euro wurden bereits in die Revitalisierung der Kaserne gesteckt, gut die Hälfte davon kam von der Gemeinde, der Rest vom Land und über EU-Projekte. Ein weiteres EU-Projekt ist gerade am Laufen. Es handle sich nur um einen Mosaikstein unter vielen, die nächsten würden schon bald folgen. Dem damaligen Landeshauptmann Luis Durnwalder konstatiert Pinggera Weitsicht, dass er der Gemeinde das Areal zu einem Vorzugspreis überließ. Geht es um Finanzierungsfragen, so glaubt Götsch, dass sich dieses Projekt in 10 Jahren zu 80 Prozent aus Eigenmitteln decken kann. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="756725_image" /></div> <BR /> Schlanders hatte wohl auch das Glück, dass mit Götsch zum richtigen Zeitpunkt der richtige Mann am richtigen Ort war. „Nach intensiven Arbeitsjahren hatte ich gerade ein Sabbatjahr eingelegt, bekam Wind von dieser Sache und unterbreitete dem Bürgermeister meine Ideen“, blickt Götsch an die Anfänge vor 7 Jahren zurück. Er spricht zwar viel lieber über gemeinsames Teamwork, Projekte oder beteiligte Institutionen, doch ohne seine Konzepte wäre Basis in dieser Form nicht entstanden. <BR /><BR />Aufgewachsen ist der 38-Jährige am Schlanderser Sonnenberg, nach einer kurzen Stippvisite im Sprachenlyzeum hat er die örtliche Metallfachschule in Vetzan besucht, ehe er eine Stelle beim global tätigen Ladenbau-Unternehmen Schweitzer in Naturns eine Stelle annahm und gleichzeitig die Landesberufsschule in Brixen besuchte. Bei Schweitzer machte er von 2005 bis 2015 vom Lehrbuben bis hin zum Leiter des Technologiecenters alle Stationen durch, verantwortete folglich vom Produktmanagement, der Kostenkalkulation bis hin zum Lieferanten- und Händlernetz diverse Sparten. „Das waren sehr spannende und lehrreiche Jahre, ich arbeitete mit unterschiedlichsten Materialien, Maschinen und vor allem Menschen“, fasst er seine Managerphase zusammen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-53762460_quote" /><BR /><BR />Irgendwann wollte er sein Leben neu ausrichten, einerseits die Komfortzone verlassen, andererseits nicht länger Teil des „einseitigen kapitalistischen Systems“ sein. Seine beruflichen Erfahrungen, seine Aufgeschlossenheit und nicht zuletzt seine Kontakte – unter anderem als europaweit aktiver Deejay – kamen ihm bei der Umsetzung zugute.<BR /><BR /> „Es ist doch etwas Besonderes, brachliegende Areale einer neuen Bestimmung zuzuführen, und ich bin überzeugt, dass die Kaserne als gesamtes Ensemble mit dem riesigen zentralen Platz erhalten werden sollte“, formuliert er einen weiteren unerhörten Gedanken. Wobei es immer Kompromisse brauche – die sind wichtig und gut. Unbeirrbar und auf seine ganz eigene Art und Weise entwickelt Götsch die Neuausrichtung in der Kaserne weiter – man darf gespannt sein, wo der Weg noch hinführen wird. <BR /><BR /><BR />