<b>von Karl Tschurtschenthaler</b><BR /><BR />Sandra Piffrader hat im Haarstudio Mayr in der Brunecker Peter-Anich-Siedlung vor einem großen Spiegel Platz genommen. Inhaberin Mirjam Mayr steht dicht hinter ihrer jungen Kundin und wäscht ihr die Haare. Trocknet sie ab. Und kämmt sie akkurat. Es sind lange, blonde Haare, ohne künstliche Farbe, alles natur. Mit diesen Haaren will die 21-Jährige krebskranken Menschen helfen will.<BR /><BR />Für Menschen, welche die Diagnose Krebs erhalten, bricht fast immer eine Welt zusammen. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Das ganze Leben dreht sich fortan nur mehr um die schwere Erkrankung – und um die bestmögliche Therapie.<BR /><BR />Doch die Diagnose ist erst der Anfang. Wenn dann die ersten Krankheitszeichen oder die Nebenwirkungen der Therapie auch äußerlich sichtbar werden, stürzen viele in ein noch tieferes Loch. Und ziehen sich in ihrer Angst und Scham noch weiter zurück.<BR /><BR />Vor allem für Frauen ist der Ausfall der Haare, der fast immer eintritt, etwas vom Schlimmsten. Schöne, gepflegte Haare stehen für Weiblichkeit und stärken auch das Selbstbewusstsein. Sind die Haare weg, geht kaum eine Frau mehr freiwillig aus dem Haus. Zum ohnehin großen körperlichen und seelischen Leiden bei Krebs kommt damit noch ein weiterer Brocken hinzu, der hart am Selbstwert nagt und kaum zu (er-)tragen ist.<h3> Doch welchen Nutzen soll das haben?</h3>So wie andere will auch Sandra Piffrader krebskranken Menschen in dieser Situation helfen. Sie will sich für sie die Haare schneiden lassen. Doch welchen Nutzen soll das haben?<BR /><BR />Wenn krebskranke Menschen ihre Haare verlieren, können sie auf eine Perücke zurückgreifen. Doch eine solche ist nicht ganz billig – und für Betroffene meist kaum leistbar. Denn mit der Krankheit geht oft einher, dass das Geld knapp wird. Jeder Euro wird plötzlich zum Schatz. Da werden größere Ausgaben mit einem Mal zur Existenzfrage.<BR /><BR />Aus diesem Grund hat Evi Weger vor vielen Jahren das Projekt Rapunzel ins Leben gerufen – zusammen mit der Südtiroler Krebshilfe und einigen Friseursalons. Die Idee hinter dem Projekt ist einfach: Gesucht werden Leute, die ihre Haare spenden. Diese Haare werden dann an Betriebe im Ausland verkauft, die daraus Perücken und andere Haarteile herstellen. Der Erlös fließt der Krebshilfe zu, die mit dem Geld Betroffene beim Kauf einer Perücke unterstützt.<h3> Mirjam Mayr sammelt Haarzopf um Haarzopf.</h3>Bereits 28 Jahre lang beteiligt sich das Brunecker Haarstudio Mayr am Projekt Rapunzel. „Meine Eltern haben damit angefangen“, erklärt Mirjam Mayr. Die Tochter von Wilfried und Jolanda Mayr führt die Initiative mit derselben Begeisterung weiter, wie es einst die Eltern taten.<BR /><BR />Und so sammelt Mirjam Mayr Haarzopf um Haarzopf. „Einige bringen die abgeschnittenen Haare bei uns vorbei, andere schicken sie und wieder andere kommen in den Salon, um sie hier schneiden zu lassen“, erklärt sie. Hat sie dann etwa 10 Kilogramm Haare beisammen, sendet sie diese an ein Unternehmen für Zweithaarprodukte in Deutschland. Dieses stellt daraus Perücken und andere Haarteile her. Das Paket geht allerdings nicht immer an dieselbe Adresse, sondern „dorthin, wo ich den meisten Erlös erhalte“, sagt Mayr. Sie verhandle jedes Mal mit mehreren Firmen. Das Geld, jeweils etwa 2000 Euro, leitet sie dann zur Gänze an die Südtiroler Krebshilfe weiter.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1070397_image" /></div> <BR /><BR />Inzwischen hat Mirjam Mayr die Haare ihrer jungen Kundin zu einem Zopf geflochten. Gut 30 Zentimeter davon möchte Sandra Piffrader spenden. Das geht sich leicht aus. Also setzt die Friseurin den Schnitt, der das Leben der 21-Jährigen verändern wird, aber auch jenes krebskranker Menschen. „Ich hatte immer lange Haare, von klein auf“, erinnert sich die junge Frau. Bisher habe sie stets nur die Spitzen geschnitten, vielleicht ein-, zweimal etwas mehr.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1070400_image" /></div> <BR /><div class="img-embed"><embed id="1070403_image" /></div> <BR /><BR />Dass sie jetzt den großen Schnitt wagt, hat mit einer ihrer Freundinnen zu tun. „Sie hat sich auch die Haare für das Projekt Rapunzel schneiden lassen.“ Das war vor 6 Jahren. Von da an habe sie irgendwie gewusst, dass sie das auch einmal machen wollte. „Bisher habe ich mich aber noch nie getraut“, erzählt sie. Immer wieder habe es einen Grund gegeben, es nicht zu tun. „Einmal haben es mir, als ich noch jünger war, auch meine Eltern ausgeredet“, sagt sie.<h3> „Wie muss es erst jemanden gehen, der keine Wahl hat?“</h3>Jetzt sei aber der richtige Zeitpunkt gekommen. „Es ist für einen guten Zweck – und die Haare wachsen ja wieder nach“, sagt sie. Verantwortlich dafür sei ein Gedanke, der ihr in letzter Zeit immer wieder in den Kopf gekommen sei: „Wenn ich mich schon so schwertue, mich von meinen Haaren zu trennen, die ja wieder nachwachsen“, sagt sie, „wie muss es dann erst jemandem gehen, der keine Wahl hat.“<BR /><BR />Inzwischen sind die Haare ab. Der abgeschnittene Zopf liegt auf der Ablage vor dem Spiegel. 59 Gramm wiegt er. Die übrig geblieben Haare reichen Sandra Piffrader noch bis auf die Schultern. Leichtr genug Haare also für eine jugendlich flotte, etwas gestufte Frisur.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1070406_image" /></div> <BR /><BR />Sie habe es zum allerersten Mal gemacht, erzählt die junge Büroangestellte im Unternehmen Intercable in Bruneck, die vor einigen Jahren an der Wirtschaftsfachoberschule WFO in Bruneck ihre Matura abgelegt hat. „Ich kenne aber einige, die ihre Haare schon drei- oder viermal gespendet haben.“ Ob das bei ihr auch irgendwann der Fall sein werde, wisse sie noch nicht. Jetzt müssten die Haare erst einmal wieder nachwachsen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1070409_image" /></div> <BR /><BR />Etwas ungewohnt fühle sich die neue Frisur schon an, meint Piffrader. „Aber das wird schon wieder anders“, sagt sie und lacht über das ganze Gesicht. Ein bisschen so, als werde ihr plötzlich bewusst, welch große Idee sie in die Tat umgesetzt hat. Möge dieses Zeichen der Mitmenschlichkeit viele finden, die es nachmachen. <h3> Das besondere Projekt Rapunzel</h3>Eine Krebserkrankung wie auch die Therapien belasten sehr. Nicht zuletzt deshalb, weil sie körperliche Veränderungen mit sich bringen. Eine Chemotherapie etwa führt zum Haarausfall. Betroffene fühlen sich ohne Haare oft stigmatisiert, sie schämen sich und leiden noch mehr. Um dennoch am Leben der anderen teilnehmen zu können, verwenden viele eine Perücke. Eine solche ist aber nicht ganz billig. <BR /><BR />So ist das Projekt Rapunzel von Evi Weger in Zusammenarbeit mit der Südtiroler Krebshilfe und Südtiroler Friseursalons entstanden. Im Pustertal machen das <Fett>Haarstudio Mayr</Fett> in Bruneck und der <Fett>Friseursalon Phön</Fett> in Niederdorf mit. Vor den Toren des Tales ist der Betrieb <Fett>Naturfriseur Haireinspaziert</Fett> in Vals bei Mühlbach beteiligt. Die Idee hinter dem Projekt ist einfach: Wer seine Haare spendet, unterstützt an Krebs erkrankte Menschen in Südtirol. Die Haarspenden können in den mitwirkenden Friseursalons abgegeben, dort (kostenpflichtig) geschnitten oder auch dorthin versandt werden. <BR /><BR />Die Haare müssen mindestens 30 Zentimeter lang sein und dürfen nicht gefärbt sein. Auch Haare, die vor einiger Zeit abgeschnitten und als Zopf aufbewahrt wurden, können abgegeben werden. Jede natürliche Haarfarbe, von Blond bis Braun, ist erwünscht. Der Erlös der Haarspenden fließt der Südtiroler Krebshilfe zu. Die-se reicht die Gelder an krebskranke Menschen als finanzielle Unterstützung für den Kauf von Perücken weiter.