Dienstag, 08. März 2016

"Sterbehilfe ist nicht Mord oder Selbstmord"

Kein würdevolles Dasein mehr; nur noch künstlich am Leben erhalten; unheilbar krank; nur noch auf andere angewiesen: Die Facetten des Lebens, in denen Sterbehilfe zum Thema werden kann, sind vielfältiger als man meinen möchte. Das weiß man auch in Südtirol. Und obgleich Verbote hierzulande Grenzen setzen, gibt es doch genügend Gründe, das Thema - aus aktuellem Anlass - zu hinterfragen.

Sowohl aktive Sterbehilfe - sprich das Verabreichen von todbringenden Mitteln, als auch assistierte Selbsttötung - das heißt das zur Verfügung stellen der Mittel - sind in Italien gesetzlich verboten.
Badge Local
Sowohl aktive Sterbehilfe - sprich das Verabreichen von todbringenden Mitteln, als auch assistierte Selbsttötung - das heißt das zur Verfügung stellen der Mittel - sind in Italien gesetzlich verboten. - Foto: © STOL

Südtirol Online: Zu allererst - wie ist in Südtirol der gesetzliche Rahmen bezogen auf die Sterbehilfe?
Dr. Herbert Heidegger, Primar und Präsident des Landesethikkomitees: Zunächst muss man klären, über welche Formen der Sterbehilfe wir sprechen. Die so genannte passive Sterbehilfe ist der Wunsch des Patienten auf lebensverlängernde Behandlungsmaßnahmen zu verzichten. Die ist auch in Italien und damit in Südtirol rechtlich erlaubt.
Maßgeblich ist hier die Selbstbestimmung des Patienten: Keine Behandlung, auch wenn sie das Leben des Patienten retten könnte, darf gegen den Willen des Patienten fortgeführt werden.
Davon zu unterscheiden ist die so genannte aktive Sterbehilfe, bei der sich der Patient von einem Arzt durch die Gabe eines hochdosierten Medikamentes töten lässt. Diese Tötung auf Verlangen ist in Italien strafrechtlich verboten („omicidio volontario“, Art. 575 codice penale).

STOL: Es gibt aber Länder, wo die aktive Sterbehilfe alltäglich ist…
Heidegger: Aktuell wird in vielen Ländern intensiv über die ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung (assistierter Suizid) diskutiert, die begrifflich aber eigentlich nicht der Sterbehilfe zuzurechnen ist. 
Dabei stellt der Arzt dem Patienten ein todbringendes Medikament zur Verfügung, mit dem dieser sich dann selbst das Leben nimmt. Diese Beihilfe zum Suizid ist in Italien ebenfalls strafbar („istigazione o aiuto al suicido“, Art. 580 codice penale), in verschiedenen europäischen Ländern jedoch nicht (z.B. Schweiz und die Beneluxstaaten).

STOL: Warum sollen wir – etwa im Rahmen der aktuellen Filmreihe (STOL hat berichtet) – überhaupt über Sterbehilfe reden, wenn sie doch verboten ist?
Heidegger: Viele Menschen in unserem Land treibt die Frage um, wie ihr Leben im Falle einer schweren unheilbaren Erkrankung weiter gehen soll. Mitunter kommt dabei auch der Wunsch auf, das Leben – und damit das unerträgliche Leiden – mit medizinischer Hilfe aktiv zu beenden. 
Diesen Menschen möchten wir ein Forum bieten, um über ihre Sorgen, Ängste und Hoffnungen sprechen zu können. Die von uns ausgewählten Filme bieten eine hervorragende Möglichkeit, sich in einer sehr persönlichen Art und Weise mit diesen existenziellen Fragen am Lebensende auseinanderzusetzen. Die große Resonanz der ersten Filmvorführung bestätigt, dass unser Konzept die Bedürfnisse der Bürger trifft.

STOL: Sollte sich an dem Verbot der aktiven Sterbehilfe bzw. dem assistierten Suizid etwas ändern?
Heidegger: Das ist eine Frage, mit der wir uns in unserem Land auseinandersetzen sollten. Auch hierzulande möchten die Menschen über das Ende ihres Lebens selbst bestimmten können, was sich zum Beispiel in dem zunehmenden Interesse an Patientenverfügungen ausdrückt. 
Ob dies auch beinhalten soll, das Leben mit ärztlicher Hilfe aktiv zu beenden, sollten wir offen diskutieren - wie dies in anderen europäischen Ländern bereits erfolgt ist, jüngst in Deutschland. 

Der Wunsch, würdevoll zu sterben, die Möglichkeiten der Selbstbestimmung bei schwerer, unheilbarer Krankheit und die verschieden Facetten der Sterbehilfe sind die Themen, die das Landesethikkomitee mit einer Filmreihe zur Diskussion stellen will. - Foto: shutterstock

STOL: Greifen Medizin und Technik mittlerweile einfach zu sehr in den Lauf des Lebens ein?
Heidegger: Medizin und Technik haben unsere Möglichkeiten erheblich erweitert, menschliches Leben auch unter schwierigen Bedingungen aufrecht zu erhalten. Davon profitieren viele schwerkranke oder schwer verletzte Patienten. 
Wir müssen allerdings immer prüfen, ob diese "Eingriffe in den Lauf des Lebens“ noch dem Wohlergehen des Patienten dienen und von ihm gewünscht sind. Mit verschiedenen Initiativen versucht das Landesethikkomitee die Betroffenen – Patienten, Angehörige und Gesundheitspersonal – bei diesen schwierigen, ethischen Entscheidungen zu unterstützen. Keinesfalls dürfen die enormen Möglichkeiten der modernen Medizin pauschal verteufelt werden.  

STOL: Können Sie den Wunsch nach Beihilfe zur Selbsttötung nachvollziehen – sowohl aus Patientensicht – sprich von innen, als auch von außen?
Heidegger:Die Möglichkeiten der Palliativmedizin haben sich ein den vergangenen Jahren ganz enorm verbessert, sodass wir das Leiden der meisten schwerkranken Patienten ausreichend lindern können. Dennoch gibt es einzelne Fälle, in denen die Patienten nicht mehr weiter kämpfen möchten, in denen sie sich danach sehnen, durch den Tod von ihrem Leiden erlöst zu werden. In diesem Fällen kann aus Sicht der Patienten – nur diese Sicht ist hier relevant! - der Wunsch nach einer Beihilfe zur Selbsttötung oder einer Tötung auf Verlangen durchaus nachvollziehbar sein.  

STOL: In welchen Fällen – aus welchem Grund – wollen Menschen ihr Leben beendet wissen?
Heidegger: Wir wissen aus den Erfahrungen in anderen Ländern, dass es in der Regel nicht Patienten mit unerträglichen Schmerzen sind, die ihr Leben aktiv beenden möchten. Vielmehr leiden sie an ihrem Schicksal, an der zunehmenden Abhängigkeit und erleben ihr Dasein als nicht mehr würdevoll. Das hat in der Regel sehr viel mit der ganz persönlichen Lebenseinstellung der Betroffenen zu tun.

STOL: Nehmen sich kranke Menschen, die sterben wollen, auch wirklich selbst das Leben?
Heidegger: Es gibt immer wieder Menschen mit schwerwiegenden, unheilbaren körperlichen Erkrankungen, die so verzweifelt sind, dass sie sich selbst das Leben nehmen. Hier ist es vor allem wichtig, Kontakt zu den Menschen zu erhalten, um in einem einfühlsamen Gespräch nach möglichen Alternativen zu suchen zu können. Offen mit den Menschen über ihre Sterbewünsche sprechen zu können, kann der erste Schritt zur Verhinderung einer Selbsttötung sein. 

STOL: Ist Sterbehilfe in Ihren Augen Mord oder Hilfe zum Selbstmord?
Heidegger: Auf keinen Fall! Der Mord bezeichnet eine vorsätzliche Tötung eines anderen Menschen aus verwerflichen Motiven – und damit ein ganz anderes Tötungsdelikt. Auch die Selbsttötung geschieht ja nicht aus niedrigen Motiven, sondern aus Verzweiflung am eigenen Schicksal. Insofern sollten wir im Kontext der Sterbehilfe auf die moralisierenden Begriffe Mord und Selbstmord verzichten und stattdessen neutraler von Tötung auf Verlangen und Selbsttötung sprechen.

Die katholische Kirche spricht sich vehement gegen jede Art von Sterbehilfe aus. - Foto: shutterstock

STOL: Warum ist in Italien nicht möglich, was andernorts ein Recht ist – wegen der Kirche?
Heidegger: Das hat sicher verschiedene Gründe – die katholischen Kirche mag dabei vielleicht auch eine Rolle spielen, reicht aber als alleinige Erklärung sicher nicht aus: Auch in Deutschland ist z.B. die Tötung auf Verlangen strafrechtlich verboten und die Beihilfe zur Selbsttötung erheblich eingeschränkt, obgleich die katholische Kirche weniger Einfluss im öffentlichen Leben hat.  

STOL: Wie steht es um den religiösen Aspekt in dieser Diskussion?
Heidegger: Wir leben in einer pluralen Gesellschaft, in der die Menschen unterschiedliche religiöse – oder auch spirituelle – Überzeugungen haben. Hier ist es die Aufgabe des Staates sicherzustellen, dass jeder Mensch auch bei schwerer, lebensbedrohlicher Krankheit im Einklang mit seinen ganz individuellen religiösen Überzeugungen leben kann – und vor Missbrauch geschützt ist. 

STOL: Inwiefern kann eine Patientenverfügung helfen, dem Wunsch nach einer Unterbindung von lebensverlängernden Maßnahmen Sorge zu tragen?
Heidegger: Solange ein Patient noch entscheidungsfähig ist, kann er selbst der Durchführung lebensverlängernder Maßnahmen widersprechen. Für zukünftige Situationen, in denen er selbst nicht mehr entscheiden kann (z.B. eine fortgeschrittenen Demenz), kann der Betroffene in einer Patientenverfügung vorab festlegen, welche lebensverlängernden Maßnahmen noch durchgeführt werden sollen. Diese im Voraus verfügten Behandlungswünsche sind auch in Italien als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts des Patienten rechtlich verbindlich. 

STOL: Ist eine solche Verfügung bei uns der einzige gangbare Weg, um nicht künstlich am Leben gehalten zu werden?
Es ist – sofern man nicht mehr entscheidungsfähig ist – nicht der einzige, aber ganz sicher der beste Weg, um dann nicht künstlich am Leben gehalten zu werden, wenn man das nicht mehr möchte. Natürlich kann man diese Entscheidung auch auf seine Angehörigen übertragen – aber woran sollen diese sich dann in ihrer Entscheidung orientieren, wenn Sie Ihre Wünsche nicht schriftlich niedergelegt haben?   

Eine Patientenverfügung zu verfassen ist der beste Weg, um nicht künstlich am Leben gehalten zu werden, wenn man das nicht mehr möchte. - Foto: shutterstock

STOL: Wie sehr leiden Betroffene, die sterben möchten, aber nicht können/dürfen?
Heidegger: Das ist individuell sehr unterschiedlichen – pauschale Urteile verbieten sich hier absolut. Es werden aber immer wieder einzelne Fälle bekannt, in denen Patienten aufgrund ihrer unheilbaren Erkrankung sprichwörtlich zu Tode verzweifelt sind und keinen anderen Ausweg sehen als die – dann selbst organisierte – Selbsttötung.

STOL: Wie sehr belastet die Situation die Angehörigen und Pfleger?
Heidegger: Selbstverständlich ist es für alle Beteiligten eine belastende Situation, wenn die Patienten an ihrem Schicksal verzweifeln und sterben möchten. Nach Möglichkeiten versuchen wir deshalb, auch für die Angehörigen und die Pflege in die Betreuungsgespräche mit einzubeziehen und nach Möglichkeit zu unterstützen.

STOL: Wie oft sind es die Angehörigen, die einen lieben Menschen nicht gehen lassen wollen?
Heidegger: Verständlicherweise kommt es immer wieder vor, dass sich Angehörige schwertun, den geliebten Menschen gehen zu lassen. Auch hier ist es wichtig, die nahestehenden Personen des Patienten möglichst frühzeitig in die Betreuung einzubeziehen und auf dem letzten Lebensweg der Patienten mitzunehmen.

Interview: Petra Kerschbaumer

___________________________________________

Sterbehilfe in Fokus: Im Filmclub Bozen wird am 9. März ab 20 Uhr die Tragikomödie "Am Ende ein Fest" gezeigt. Im Anschluss findet eine Diskussion über die verschieden Facetten der Sterbehilfe unter der Leitung von Primar Dr. Herbert Heidegger statt, bei der Palliativpflegerin Irmgard Spiess, Intensivmedizinerin Bernadetta Moser und Moraltheologe Martin Lintner Fragen zum Thema beantworten und Eindrücke zum Film austauschen. 

stol