Sonntag, 01. November 2015

„Sterben gehört ins Bücherregal des Lebens“

„Trauer ist so lange da, bis sie nicht einen Platz haben darf in meinem Leben“, sagt Paula Grünfelder. Die Trauerbegleiterin aus Völs weiß, warum wir uns mit dem Tod von geliebten Menschen so schwer tun. Sie weiß um die „gesunden“ und „krankmachenden“ Reaktionen im Trauerfall und bestätigt, dass das Umfeld eines Trauernden die ersten und besten Begleiter sind.

Wenn die Trauer als ein Prozess zugelassen wird, ist das eine gute Voraussetzung, den Verlust eines Menschen in das eigene Leben zu integrieren.
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Wenn die Trauer als ein Prozess zugelassen wird, ist das eine gute Voraussetzung, den Verlust eines Menschen in das eigene Leben zu integrieren. - Foto: © APA/EPA

Der Tod von geliebten Menschen ist für uns rund um Allerheiligen einmal mehr präsent. An Allerseelen wird an den Gräbern der Verstorbenen gedacht. Das kann zu Kummer, Trauer, aber auch dem Gefühl von überwundener Seelenpein führen – das hängt ganz von der Trauerbewältigung ab.

Südtirol Online: Was genau ist denn Trauer?

Trauerbegleiterin Paula Grünfelder: Trauer ist eine normale Reaktion der Seele und des Körpers auf eine Verlusterfahrung. Nicht nur der Verlust eines Menschen löst Trauer aus, sondern auch das Zerbrechen einer Beziehung, der Verlust der Arbeit, der Heimat, der Gesundheit.

STOL: Warum tun wir uns so schwer mit dem Tod lieber Menschen?

Grünfelder: Einerseits, weil wir als Menschen die Endlichkeit des Lebens verdrängen und nur das Hier und Jetzt in vollen Zügen genießen möchten. Dieser Lebensgenuss ist auch legitim. Andererseits sind die Liebe und die Trauer ein sehr enges Band. Wer liebt, der trauert. Wer trauert, der liebt.

STOL: Wie reagieren die Betroffenen auf die Todesnachricht eines lieben Menschen?

Grünfelder: Von Schock, über Fassungslosigkeit, Schreien und Wutausbrüchen bis hin auch zu einer gefassten und kontrollierten Verhaltensweise ist alles möglich.

STOL: Und wie berichtet man Angehörigen überhaupt in angemessener Weise vom Tod ihrer Lieben?

Grünfelder: Bei der Überbringung einer Todesnachricht,- sei es in der Arbeit der Notfallseelsorge, wie auch im privaten Bereich - ist Empathie und Sachlichkeit gleichermaßen gefragt. Durch die Mimik, Gestik und eines einleitenden Satzes soll der Angehörige schon darauf vorbereitet werden, dass eine traurige Nachricht überbracht wird. Die Umstände des Todes können dann in einem zweiten Moment mitgeteilt werden.

STOL: Eine lange Krankheit einerseits, ein plötzlicher Todesfall andererseits: Warum empfinden wir das eine schlimmer, als das andere?

Grünfelder: Als Außenstehende, nicht direkt Betroffene, mögen wir diese Unterscheidung vielleicht wahrnehmen. Für die Betroffenen selbst kann aber der Tod eines lang gepflegten Angehörigen genauso schmerzlich empfunden werden, wie ein plötzlicher Tod.

Deshalb ist es immer eine Gradwanderung, das Empfinden trauernder Menschen in einer Skala messbar erfassen zu wollen.

STOL: Wie kann man trauern?

Grünfelder: So unterschiedlich Menschen das Sterben und den Tod wahrnehmen, so unterschiedlich ist auch der Trauerprozess. Die Intensität der Trauer, die zeitliche Dauer und die Art und Weise, mit Trauer umzugehen, ist sehr individuell und muss auch individuell zugelassen werden.

Die einen brauchen einen Rückzugsort, möchten für sich eine zeitlang alleine sein. Andere wieder suchen die Begegnungen, weil sie die Trauer alleine nicht leicht aushalten können. Rituale zu finden in diesem Prozess der Trauer ist eine wichtige Voraussetzung, um mit der neuen Lebenssituation leben zu können. Unser Angebot der Trauerbegleitung versucht individuelle Zugänge und Rituale für Trauernde zu finden.

STOL: Zu Allerheiligen gehen wir auf die Gräber, um der Toten zu gedenken: Wie wichtig ist ein Ort, an den wir uns in der Trauer und im Gedenken wenden können?

Grünfelder: Einen Platz zu haben ist schon zu Lebzeiten ein wichtiges Bestreben des Menschen. Umso mehr ist es eine Herausforderung für die Hinterbliebenen, einen solchen Platz auch für den Verstorbenen zu finden.

Seinen Platz nach dem Tod zu haben ist ein Zeichen dafür, dass ich auch meinen Platz im Leben hatte. Einen fixen Platz haben, ein Grab haben bedeutet, eine Möglichkeit der Begegnung zu schaffen über den Tod hinaus. Im Grunde brauchen wir Lebende diesen Ort der Begegnung mit unseren Verstorbenen, um unsere Verbundenheit und Wertschätzung durch religiöse oder auch nicht religiöse Zeichen, Symbole und Handlungen zum Ausdruck zu bringen.

STOL: Wie welcher Weise ist Trauer gesund?

Grünfelder: Wenn die Trauer als ein Prozess zugelassen wird, ist das eine gute Voraussetzung, den Verlust eines Menschen in das eigene Leben zu integrieren. Wenn es mir gelingt, dieses Kapitel des Sterbens und des Todes eines Angehörigen in mein „Bücherregal des Lebens“ einzuordnen, dann hat die Trauer einen heilsamen Weg gefunden.

STOL: Wann wird aus Trauer ein Problem?

Grünfelder: Aus Trauer wird dann ein Problem, wenn sie nicht zugelassen wird. Einerseits können sich Betroffene selber der Trauer verweigern, aber auch von der Gesellschaft - wie Arbeitgeber, Freunde - Gegenwind verspüren.

Das „Funktionieren müssen“ in Familie, Vereinen, im Beruf und in der Freizeit erzeugt Druck und kann eine lähmende Wirkung haben. Dann schafft es ein Trauernder nur schwer, sein Leben wieder selber zu gestalten.

Oder die Flucht in Arbeit und Aktivität sind das andere Extrem. Die Trauer kann auch erst nach 20 oder 30 Jahren schmerzlich spürbar werden. Sie ist so lange da, bis sie nicht einen Platz haben darf in meinem Leben.

STOL: Wo kann man sich Hilfe suchen?

Grünfelder: Natürlich in unserem niederschwelligen und vielfältigen Angebot an Trauerbegleitung. Bei den Trauerbegleiterinnen, Lebensberaterinnen und Psychologinnen, die mit unserem Projekt zusammenarbeiten. Weiters auch bei den Fachdiensten der Bezirksgemeinschaften und der Gesundheitssprengel unseres Landes.

Letztlich sind die Menschen im Umfeld eines Trauernden die ersten und besten Begleiter. Daher ist es auch unser Bestreben, das soziale Trauernetzwerk vor Ort wieder mehr zu stärken. Dazu bieten wir ab Februar 2016 im Bildungshaus Neustift den ersten, zertifizierten Lehrgang zur Trauerbegleitung in Südtirol an.

Interview: Petra Kerschbaumer

stol