Mittwoch, 20. Mai 2020

Studie zeigt: In der Coronakrise nehmen Depressionen und Angststörungen zu

In Italien hat die Nationale Psychologenkammern eine Studie in Auftrag gegeben, die deutlich schwerere psychische Folgeschäden ergibt: 72 Prozent aller Italiener leiden markant unter der Krise, am stärksten Frauen zwischen 35 und 55. Angststörungen führen die Liste der Beschwerden mit 42 Prozent an, mit der Angst um die eigene Gesundheit, um das Überleben und um Angehörige. Auch Daten zu Österreich und Deutschland liegen vor.

Für Italien sagt David Lazzari, der Präsident der Nationalen Psychologenkammer, eine vor allem psychische Notsituation voraus.
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Für Italien sagt David Lazzari, der Präsident der Nationalen Psychologenkammer, eine vor allem psychische Notsituation voraus. - Foto: © shutterstock
Über die nun vorliegenden Studien, die die Situation der Coronakrise in Italien, Österreich und Deutschland vergleichbar machen, informierte das Südtiroler Corona – Hilfsnetzwerkes unter der Leitung von Dr. Roger Pycha am Mittwoch in einer Aussendung.

Reizbarkeit, Familienkonflikte, mangelnde soziale Kontakte

Vor Covid litten in Europa 14 Prozent aller Menschen an Angststörungen. Aktuell klagen 24 Prozent der befragten Italiener an Schlafstörungen, normalerweise sind es 7 Prozent. Depressionen, die vorher zu 6,9 Prozent vorkamen, sind in Italien auf 18 Prozent angestiegen und schlagartig die bedeutsamste Störung nach Covid geworden. 22 Prozent der Italiener klagen über große Reizbarkeit, 14 Prozent beschreiben Partner- und Familienkonflikte, 10 Prozent Essstörungen. Die Umstände, die am meisten belasten, sind zu 51 Prozent die mangelnden sozialen Kontakte, zu 31 Prozent reine psychische Belastungen, zu 27 Prozent der Bewegungsmangel an der Frischluft, zu 24 Prozent räumliche Enge, zu 20 Prozent Arbeitsmangel, zu 9 Prozent erzwungenes Zusammenleben.

Für Italien sagt David Lazzari, der Präsident der Nationalen Psychologenkammer, eine vor allem psychische Notsituation voraus. Die besten wissenschaftlich belegten Mittel, damit umzugehen, seien psychologische Hilfen und Psychotherapien. Darauf sei Italien aber nicht vorbereitet, 80 Prozent aller Betroffenen riskierten im Augenblick, ohne geeignete Hilfe zu bleiben.

Enrico Zanalda, Präsident der italienischen Gesellschaft für Psychiatrie, unterstreicht, wie rasch die psychiatrischen Dienste ihre Tätigkeit auf das Telefon, Skype, whatsapp und Internet verlagert haben, um psychisch Kranken trotz mangelnder persönlicher Kontakte beizustehen. Dennoch nimmt der Verbrauch von Beruhigungsmitteln deutlich zu. Psychisch Kranke, erklärt er, sind auch aufgrund ihrer Rauchgewohnheiten stärker gefährdet, schwer an Covid zu erkranken.

Situation in Österreich

Österreich ist das letzte der Länder, das eine repräsentative Studie beisteuert. Die Unis Krems und Gent haben mehr als 1.000 Bürger Österreichs befragt, und festgestellt, dass Depressionen, die vor Corona bei 4 Prozent der Befragten in Österreich anzutreffen waren, auf 20 Prozent verfünffacht waren.

Angststörungen, eigentlich die häufigsten psychischen Störungen weltweit, stiegen von 5 auf 19 Prozent, Schlafstörungen von 7 auf 16 Prozent. Die Altersgruppe mit den meisten psychischen Störungen durch Covid sind in Österreich Menschen unter 35, Frauen mehr als Männer, Singles stärker als Verheiratete, Arbeitslose mehr als Berufstätige. Menschen über 65 gehen gelassener mit dem Thema Gefahr und möglicher Tod um, auch haben sie keine beruflichen Existenzsorgen mehr.


Situation in Deutschland

In Deutschland hat die COSMO-Studie, die bundesweit Daten über Menschen in der Krise zusammenträgt, etwas andere Ergebnisse erbracht. Im Vordergrund der Beeinträchtigungen stehen dort Angststörungen, die in der Krise dramatisch anwachsen. Sie betreffen aber am stärksten junge Männer zwischen 30 und 40, die in der rush-hour des Lebens stehen und mit beruflicher Kariere und sozialer Anerkennung beschäftigt sind. Beides ist im Augenblick durch den lockdown, der in Deutschland sanfter geschieht als in Italien oder Österreich, gefährdet. Berufliche und wirtschaftliche Zukunftssorgen beschäftigen überhaupt die Deutschen mehr als die Angst um den möglichen Tod ihrer Angehörigen. Die Isolation verstärkt die Angst, das zunehmende Alter hingegen mindert sie: Deutsche beiderlei Geschlechts über 60 haben weniger Angst um ihre eigene Gesundheit und noch weniger um wirtschaftlichen Ruin.

Ulrich Hegerl, der Präsident der European Alliance Against Depession mit Sitz in Leipzig, ergänzt: „Depression ist die zweitgrößte Gefahr nach Covid in Europa. Bei Depression darf nicht auf Psychotherapie und auf antidepressive Medikamente verzichtet werden. Depression ist kein Fall für Schokolade.“

stol