Bergretter und Sprecher der Bergrettung Sulden Christian Knoll hat uns in diesem ausführlichen Interview erklärt, worauf es im Ernstfall ankommt – und warum entsprechende Vorbereitung über Leben und Tod entscheiden kann.<BR /><BR /><b>STOL: Wir hatten zuletzt wieder schlimme Lawinenereignisse – auch mit Todesopfern. Deshalb wollen wir das Thema Verschüttetensuche noch einmal grundsätzlich aufgreifen. Wenn es heißt: „Verschüttete“, was passiert dann?</b><BR /> Christian Knoll: Das Wichtigste ist zuerst die Lageklärung. Wie viele Personen sind betroffen? Wo waren sie genau unterwegs? Sieht man Einfahrtsspuren? Gibt es Ausfahrtsspuren? Sind alle, die in den Hang eingefahren sind, auch wieder herausgekommen? Man muss sich rasch ein Bild machen: Sind die Leute wirklich in der Lawine, oder konnten sie noch ausfahren?<BR /><BR />Dann beurteilen wir die Lawine selbst: Wie groß ist der Hang? Wo ist sie gebrochen? Ist es eine Pulverschneelawine, eine nasse Schneelawine im Frühjahr oder vielleicht ein Eisabbruch? Diese Unterschiede sind enorm wichtig – für die Gefährdung und für die Art der Suche.<BR /><BR /><b>STOL: Wie läuft die Alarmierung ab?</b><BR />Knoll: Sobald klar ist, dass es sich um eine Lawine mit möglichen Verschütteten handelt, wird groß alarmiert. Feuerwehr, Bergrettung, Rettungsdienste – je nach Region. In der Regel werden sofort zwei Hubschrauber angefordert. Das entscheidet die Zentrale. Wenn sie später nicht gebraucht werden, kann man sie wieder abbestellen. Aber am Anfang darf man keine Zeit verlieren.<BR /><BR />Genauso wichtig ist die Organisation am Einsatzort. Es darf kein Chaos entstehen. Unten am Landeplatz braucht es einen Einsatzleiter. Er registriert genau, wer auf den Lawinenkegel geht und wer wieder zurückkommt. Jeder wird notiert. Man muss wissen, wer sich überhaupt oben im Gefahrenbereich befindet. Außerdem koordiniert er mit den Teams am Hang: Wie viele Leute werden gebraucht? Braucht es Hunde? Welche Ausrüstung?<BR /><BR />Oft fliegt man zunächst ein oder zwei Überflüge, um sich ein Gesamtbild zu verschaffen. Aber sobald mehrere Teams und Hunde im Einsatz sind, braucht es klare Strukturen.<BR /><BR /><b>STOL: Was ist am Lawinenkegel der erste Schritt?</b><BR />Knoll: Das wichtigste Instrument ist das LVS-Gerät – kurz für Lawinen-Verschütteten-Suchgerät, der Lawinenpiepser. Mit diesem Gerät findet man die Leute mit Abstand am schnellsten. Moderne Geräte zeigen die Entfernung sehr genau an – teilweise auf einen Meter genau. Mehrere Retter gehen in Suchschlingen systematisch über den Lawinenkegel, von unten nach oben.<BR /><BR />Wenn mehrere Personen verschüttet sind, zeigt das Gerät mehrere Signale an. Man arbeitet sich von einem Signal zum nächsten vor. Sobald ein Retter ein starkes Signal lokalisiert hat, markiert er die Stelle – etwa mit einer Fahne – und schaltet dieses Signal am Gerät aus und sucht nach den nächsten Signalen. Er beginnt nicht sofort mit dem Graben, solange noch weitere Signale vorhanden sind. Für das Graben folgt eine zweite Mannschaft mit Sonde und Schaufel und übernimmt dort die Feinarbeit.<BR /><BR />Früher musste man Geräte manuell umstellen, heute zeigen sie automatisch die Entfernung an. Wichtig ist, dass jeder im Umgang mit dem Gerät geschult ist. Außerdem gibt es Teststationen am Berg – dort kann man überprüfen, ob das Gerät korrekt sendet. Essentiell ist natürlich, dass das Gerät generell auf Senden eingestellt ist.<BR /><BR /><b>STOL: Was, wenn jemand trotz allem kein LVS-Gerät dabei hatte? Man hört immer wieder von RECCO? Was genau ist das und worin unterscheidet sich das von einem Lawinenpiepser (LVS)?</b><BR />Knoll: Das LVS-Gerät – ist ein aktives System. Jede Person trägt einen Sender, der permanent ein Signal aussendet. Wird jemand verschüttet, können andere mit ihrem LVS-Gerät auf „Suche“ schalten und die verschüttete Person orten. Das Schöne am LVS: Es funktioniert für Kameradensuche, und man ist nicht unbedingt auf Rettungsteams angewiesen. Damit das funktioniert, müssen alle Beteiligten ein LVS tragen, <BR /><BR />RECCO dagegen ist ein passives System. Hier gibt es keine aktiven Signale von der verschütteten Person selbst. Stattdessen tragen Outdoor-Sportler kleine Recco-Reflektoren, die in Kleidung, Helm, Rucksack oder Schuhe eingebaut sein können. Spezielle RECCO-Detektoren, die nur Rettungsteams besitzen, senden ein Radar-Signal aus, das vom Reflektor zurückgeworfen wird, sodass die Verschütteten geortet werden können. Anders als LVS kann RECCO also nicht von anderen Skifahrern oder Begleitern aktiviert werden, und die reflektierenden Chips brauchen keine Batterie. Sie funktionieren dauerhaft und erhöhen die Chance, dass Rettungskräfte im Notfall schnell fündig werden. Das System funktioniert grundsätzlich gut. Aber es hat Grenzen. Liegt der Körper zum Beispiel auf dem Reflektor, ist das Signal schwächer. Bei sehr nassem Schnee kann es ebenfalls schwierig werden.<BR /><BR />RECCO-Reflektoren sind speziell auf die Signale der professionellen Detektoren abgestimmt. Nur ein echter, zertifizierter Reflektor kann zuverlässig gefunden werden. Wer also im Gelände unterwegs ist, sollte entweder Kleidung oder Ausrüstung mit integriertem Recco-Reflektor tragen oder nachrüstbare Reflektoren an Helm, Rucksack oder Gurt anbringen.<BR /><BR />Wichtig ist: RECCO ersetzt kein LVS. Es ist ein zusätzliches Sicherheitsmerkmal, das die Arbeit von Rettungskräften erleichtert, aber nicht die Selbstrettung ermöglicht. Wer also auf Nummer sicher gehen will, kombiniert am besten beides: ein LVS-Gerät für die aktive Kameradensuche und RECCO als passive Unterstützung für professionelle Rettungsteams. Zusammen erhöhen sie die Sicherheit im Lawinengebiet erheblich.<BR /><BR /><b>STOL: Wie wichtig ist die Handyortung?</b><BR />Knoll: Die Handyortung ist im Lawinenfall ein wichtiges zusätzliches Rettungsmittel, ersetzt jedoch keinesfalls die klassische Lawinenausrüstung (LVS-Gerät, Sonde, Schaufel). Sie dient primär der organisierten Rettung dazu, den Suchbereich einzugrenzen, während das LVS-Gerät für die schnelle Kameradenrettung in den ersten 15 Minuten entscheidend ist. Über Funk- oder GPS-Daten lässt sich die letzte bekannte Position ermitteln. Aber sobald der Akku leer ist, endet das Signal. Das darf man nicht mit Recco verwechseln – Recco funktioniert ohne Stromquelle.<BR /><BR /><b>STOL: Zurück zur Feinarbeit. Wie genau funktioniert das Sondieren?</b><BR />Knoll: Bei der systematischen Sondierung stehen zehn bis zwölf Retter stehen in einer exakt ausgerichteten Linie nebeneinander. Es gibt ein grobes und ein feines Sondieren. Man rückt im Gleichschritt vor – halber Schritt, Stich, Schritt. Bei der Feinsondierung wird zusätzlich in der Mitte, links und rechts gestochen.<BR /><BR />Die Disziplin ist entscheidend. Niemand darf vor- oder zurückfallen, sonst entstehen Lücken. Teilweise markieren wir die Suchbahnen mit Bändern oder Spray, damit klar ist, wo bereits sondiert wurde.<BR /><BR />Die Sonden bestehen aus Aluminium, sind zusammenschraubbar und in verschiedenen Längen erhältlich. Und ein Detail ist wichtig: Man muss unbedingt Handschuhe tragen. Ohne Handschuhe bildet sich Eis auf der Sonde, dann kann man die Sonden nur mehr schwer in die Lawine einstechen.<BR /><BR /><b>STOL: Was, wenn auch das Sondieren keinen Erfolg bringt?</b><BR />Knoll: Dann kommen die Lawinenhunde zum Einsatz. Die Löcher, die beim Sondieren entstehen, lassen Luft aus dem Schnee austreten – das kann für Hunde ein Vorteil sein, weil Gerüche entweichen und nach oben gelangen. Aber auch hier braucht es Organisation: Wenn viele Menschen ungünstig im Wind stehen, bekommt der Hund zu viele Fremdgerüche. Man muss also auch die Windrichtung beachten.<BR /><BR /><b>STOL: Sie haben betont, dass die Art der Lawine entscheidend für die Rettungschancen ist. Worin unterscheiden sich die Überlebens- und Bergungsaussichten bei Pulver- und Nassschneelawinen konkret?</b><BR />Knoll: Pulverschneelawinen sind extrem schnell und erzeugen enormen Druck. Schnee dringt häufig in Mund und Atemwege ein, in vielen Fällen kann es auch zu inneren Verletzungen kommen. Zudem verfestigt sich der Lawinenkegel rasch und wird nahezu betonhart – Rettungsarbeiten werden dadurch massiv erschwert. Auch für Lawinenhunde ist eine solche Lawine problematisch, da kaum Geruch entweicht. Bei stark verdichtetem Schnee und großer Verschüttungstiefe sind die Chancen extrem gering. Wenn der Lawinenkegel wie Beton ist, sind die Überlebenschancen ohnehin nahe null – und auch die Bergung ist schwierig. Aber natürlich versucht man alles.<BR /><BR />Bei nassen Schneelawinen, wie sie oft im Frühjahr auftreten, entstehen eher Klumpen und Hohlräume. Diese können die Bildung einer Lufthöhle begünstigen – ein entscheidender Faktor für das Überleben. Ohne Lufthöhle sinken die Chancen nach etwa 30 Minuten drastisch. Ist sie vorhanden und liegen keine tödlichen Verletzungen vor, kann starke Unterkühlung den Körper in einen Schutzmodus versetzen: Blutdruck und Stoffwechsel werden reduziert, was Zeit verschaffen kann – allerdings nur in Ausnahmefällen.<BR /><BR />Es gibt die verschiedensten Szenarien – oft ist die Lawine selbst gar nicht riesig. Doch sie kann die Betroffenen über eine Felswand oder in eine Spalte mitreißen. Die tödlichen Verletzungen entstehen dann durch den Aufprall, nicht durch Ersticken unter dem Schnee.<BR /><BR /><b>STOL: Was geschieht, wenn Sie ein Lawinenopfer trotz aller Bemühungen nicht finden können?</b><BR />Knoll: In seltenen Fällen müssen wir eine Suche aufgrund zu großer Gefährdung abbrechen. Wenn die Umstände es nicht zulassen, wird der Einsatz unterbrochen und erst Tage später – manchmal sogar Monate danach – fortgesetzt.<BR /><BR />Es gab einen Fall, bei dem wir eine vermisste Person tatsächlich erst Monate später orten konnten. Damals hatte das RECCO-System unmittelbar nach dem Lawinenabgang kein Signal angezeigt. Der Grund war, dass es sich zunächst um eine Nassschneelawine handelte, bei der das System nur eingeschränkt funktioniert. Mit der Zeit jedoch verfestigte sich der Schnee – und plötzlich schlug das RECCO-System an. So konnten wir die Person schließlich doch noch finden.<BR /><BR /><b>STOL: Was ist Ihre wichtigste Botschaft an Menschen, die im freien Gelände oder auf Skitour unterwegs sind?</b><BR />Knoll: Sehr wichtig ist sich Informationen über die Schneeverhältnisse einzuholen. Gute Vorbereitung und gute Ausrüstung rettet Leben. Wer im freien Gelände unterwegs ist, muss mindestens die Standard-Sicherheitsausrüstung – Lawinen-Verschütteten-Suchgerät (LVS), Sonde und Schaufel – verfügen und und die Technik dahinter beherrschen. Die Überlebenschance mit kompletter Sicherheitsausrüstung steigt um ein Vielfaches.