„Die Hauspflege – die offizielle, professionelle Pflege – ist total unterentwickelt: Es gibt viel zu wenig Hauspflegepersonal, um die pflegenden Angehörigen zu entlasten und auch zu wenig Personal, um jene Senioren zuhause zu pflegen, die keine Angehörigen haben. Da lastet ein sehr hoher Druck auf den ,Badanti‘ (Hauspflegekräfte, Anm. der Red.).“ Auch sie sollten von der professionellen Hauspflege unterstützt werden, meint Dr. Engl.<BR /><b><BR />Welche Folgen hat es, wenn auf pflegende Angehörige und „Badanti“ ein sehr großer Druck lastet?</b><BR />Dr. Adolf Engl: Es spielen sich ganz massive Belastungssituationen ab – sowohl für die „Badanti“ als auch für die pflegenden Angehörigen. Viele werden krank – vor allem pflegende Angehörige, aufgrund der Überbelastung. Fast alle pflegenden Angehörigen sagen: „Das hätte ich mir nie vorstellen können – was da auf mich zukommt.“ Da gilt es, vorzubeugen.<BR /><BR /><b>Die öffentliche Hand müsste folglich mehr Personal zur Verfügung stellen. Welches Personal braucht es da?</b><BR />Dr. Engl: Es braucht Sozialbetreuer und Sozialbetreuerinnen im Hauspflegedienst. Der Dienst wird von den Bezirksgemeinschaften organisiert. Und das ist auch ein Problem: Für den Hauspflegedienst ist der Träger die Bezirksgemeinschaft, für den Krankenpflegedienst die Sanität. Da gibt es Verbesserungspotenzial bei der Kooperation.<BR /><BR /><b>Häufig wird es als selbstverständlich gesehen, dass Kinder ihre Eltern pflegen, um ihnen etwas zurück zu geben. Wie stehen Sie dazu?</b><BR />Dr. Engl: Das sollte man überdenken. Ich würde mich auf alle Fälle <i>nicht </i>von meinen Kindern pflegen lassen. Ich würde gerne die Beziehung und die Kommunikation zu meinen Kindern aufrecht erhalten – und diese nicht durch die Überlastung der Kinder aufgrund der Pflege opfern. Lieber würde ich in ein Seniorenwohnheim gehen oder professionelle Pflege in Anspruch nehmen. Wenn pflegende Angehörige total überlastet sind, so führt dies zu Konflikten und Überforderung. Dann ist nur mehr wenig Platz für Kommunikation und Beziehung. 71 Prozent der Senioren schätzen in erster Linie das Zuhören der Kinder. Bei der Lebensqualität geht es primär um die Beziehung der Familienangehörigen. Wenn die Pflege gewährleistet ist, dann ist die Beziehung entlastet. In Dänemark und Schweden wurde die Hauspflege sehr stark ausgebaut. Dort gibt es eine gewisse Garantie von Seiten des Staates, diese Hauspflege zu gewährleisten: dort, wo keine Angehörigen da sind oder wo diese nicht dazu bereit sind oder die Pflege nicht übernehmen können.<BR /><BR /><b>Sie haben bei der Vorstellung der Seniorenstudie auch betont, dass eine gute Betreuung Krankenhausaufenthalte verhindert..</b>Dr. Engl: Wenn eine gute Betreuung zuhause erfolgt – durch die Pflege und durch den Hausarzt – dann gibt es sehr viel weniger Komplikationen und auch weniger Notfälle. Das verhindert dann Krankenhausaufnahmen. Krankenhausaufnahmen sind auch eine riesige Belastung für das Gesundheitssystem – in erster Linie aber sehr belastend für die Betroffenen. Alte, fragile Patienten werden in Krankenhäusern sehr häufig verwirrt. Aufgrund des Wechsels der Bezugspersonen kommt es sehr häufig zu Delirium und Verwirrtheitszuständen.<BR />