Montag, 06. Juli 2015

Südtirol hat eine Bäreneinsatzgruppe

In dicht besiedelten Gebieten, wie in Südtirol, kreuzen sich unvermeidlich die Wege von Menschen und Bären – Schäden an Haustieren und am Eigentum mit inbegriffen. Wie man im Land mit den Tiersichtungen, Begegnungen und Schäden umgeht, STOL weiß Antwort.

Um Bären, die sich bewohntem Gebiet nähern, abzuschrecken, gibt es eine Bäreneinsatzgruppe.
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Um Bären, die sich bewohntem Gebiet nähern, abzuschrecken, gibt es eine Bäreneinsatzgruppe. - Foto: © LaPresse

Zweimal kam der Bär 2015 bereits bewohntem Gebiet nahe. Einmal beim Bäckhof in Laurein und einmal dem Weisshaus in St. Nikolaus/Kaltern. Besorgniserregende Zwischenfälle mit Braunbären im Trentino warfen auch in Südtirol viele Fragen auf. Das hierzulande zuständige Amt für Jagd und Fischerei ist keineswegs untätig. 

Mit Tafeln gegen Bären oder doch mit Gummigeschossen?

Aktuell arbeitet das Amt an Informationstafeln mit Verhaltensregeln im Umgang mit Bären. Die Tafeln werden den Gemeinden angeboten und können an Wanderwegen mit regelmäßiger Bärenpräsenz platziert werden.

"Wenn verhaltensauffällige Bären - im Besonderen in Siedlungsnähe - gemeldet werden, rücken Mitarbeiter des Landesforstkorps aus. Dazu gibt es eine ausgebildete Bäreneinsatzgruppe, welche mit Gummi- und Knallgeschossen den Bären vertreibt", so Landesrat Arnold Schuler.

Zeigten diese Aktionen keine Wirkung, werde der Bär gefangen und mit einem GPS-Halsband, einem Sender zur Klärung ihres Aufenthalts, versehen.

"Das war jedoch nur bei wenigen Tieren der Fall, sodass die Ermittlung ihrer Standorte kaum möglich ist", zeigt Walter Blaas auf. Der Landtagsabgeordnete hat Informationen zum Schutz der Bevölkerung und der entstandenen Schäden der letzten Jahre eingeholt.  

Werde ein Bär z.B. heute in Fennberg von einer Fotofalle fotografiert, so könne er sich morgen bereits im Gebiet von Tisens aufhalten. Eine Alarmierung im Vorfeld, auch zur Schadensvorbeugung, sei somit nicht erfolgsversprechend.

Die Bärenschäden der vergangenen Jahre

"Die Auflistung der Bärenschäden in den vergangenen Jahre zeigt, dass die Entschädigungssumme konstant im Bereich von wenigen Tausend bis zu über zwanzig Tausend Euro für Risse und Bienenstockplünderungen liegen", so Landesrat Arnold Schuler.

 

 

In den letzten Jahren seien weniger Haustierrisse zu verzeichnen, als in den Jahren zuvor.

Überwachung und Alarmierung: In Ulten sind Bären normal

"Wenn Bärennachweise abseits der gewöhnlichen Wanderrouten vom Vinschgau bis in den Mendelkamm einlangen, werden die örtlichen Behörden- und Interessenvertreter über die Anwesenheit des Bären informiert", so Schuler.

Hingegen sei im Gebiet Mendel-Nonsberg-Ulten-Unteres Vinschgau das Bärenvorkommen keine Besonderheit mehr, dort ist jederzeit mit Bärenanwesenheit zu rechnen und es wird die Bevölkerung nicht alarmiert, sofern keine Auffälligkeiten auftreten.

Das Amt für Jagd und Fischerei sammelt dennoch alle Hinweise und Nachweise von Bären und registriert sie. "Das Monitoring der Braunbären umfasst auch die Erfassung der einzelnen Individuen mittels Fotofallen an bevorzugten Wanderrouten sowie mittels Kratzbäumen und Haarfallen", berichtet der Landesrat. Letztere lasse auch eine genetische Identifizierung zu.

Die gesammelten Daten würden dann monatlich auf der Homepage der Abteilung Forstwirtschaft veröffentlicht.

Population verdreifacht - aktives Bärenmanagement gefordert

"Es überwiegt der Schutzgedanke der Tiere, die Bedürfnisse des ländlichen Raumes erscheinen eher nachgereiht“, schlussfolgert auch Blaas. Denn: Laut Berner Konvention und dem Italienischen Rahmengesetz Nr. 157 zählen Braunbären zu den besonders geschützten Wildtieren.

Wegen der geltenden Bestimmungen fehlten vielfach das juridische und folglich auch das praktische Instrumentarium für ein aktives Bärenmanagement.

„Völlig offen scheint die Frage, wie eine künftig wachsende Bärenpopulation reguliert werden soll“, hält Blaas fest und bemängelt die Konzeptlosigkeit bei der Neuansiedelung von Bären. In nur einem Jahrzehnt hat sich der Bärenbestand, allein auf Grund der Nachwuchsrate d. h. ohne Zuwanderung, nämlich mehr als verdreifacht.

"Pacobace", ein Plan, der nachgebessert werden muss 

Ganz ohne Plan ist man nicht, doch muss auch dieser nachgebessert werden.

Die zuständigen Behörden der Autonomen Provinzen Trient und Bozen, der Regionen Friaul-Julisch Venetien, Lombardei und Veneto sowie des Staatlichen Instituts für Umweltschutz und Forschung haben 2008 gemeinsam einen „Managementplan zur Erhaltung des Braunbären in den Zentral- und Ostalpen" verfasst, mit dem Namen PACOBACE.

Er gilt als Leitfaden für das Management und Erhaltung des Braunbären im zentral-östlichen italienischen Alpenraum und enthält unter anderem Richtlinien für die Handlung bei Problembären, die Schadensvergütung, das Monitoring, die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und eben die Bäreneinsatzgruppe.

"Da der Managementplan einen geringen Handlungsspielraum auf regionaler Basis bietet und ein restriktiver Schutz der Braunbären verlangt wird, hat man Ende des Jahres 2013 damit begonnen, den Plan zu ändern", so Schuler. Dabei ging es vor allem um den Handlungsspielraum im Zusammenhang mit problematischen Bären. 

Bevor diese Vorschläge umgesetzt werden können, müssen sie allerdings vom Umweltministerium genehmigt werden. Und bis dahin gibt es ja die Bäreneinsatzgruppe.

stol/ker

stol