Mittwoch, 20. Januar 2021

Geburtenstatistik in Südtirol: Fast 2 Drittel der Mütter sind über 30

Die Entwicklung der Geburtenrate der vergangenen 20 Jahre zeigt einen stabilen Trend - der Anteil von Frauen im fruchtbaren Alter ist von 48,4 auf 41,9 Prozent gesunken, die mittlere Anzahl von Kindern je Frau aber von 1,46 auf 1,70 gestiegen. Südtirol ist die einzige Provinz Italiens, in der noch ein natürliches Bevölkerungswachstum stattfindet, das heißt wo die Geburten die Sterbefälle überwiegen. Diese und weitere Daten zur Fruchtbarkeit in Südtirol veröffentlicht das Landesinstitut für Statistik ASTAT in der Mitteilung „Geburten und Fruchtbarkeit - 1999-2019“.

Die Geburtenrate ist in Südtirol in den vergangenen 20 Jahren stabil.
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Die Geburtenrate ist in Südtirol in den vergangenen 20 Jahren stabil. - Foto: © shutterstock
Die Geburtenentwicklung ist einer der wichtigsten Faktoren des demografischen Wandels. Die Entwicklung der Geburtenzahl hängt - neben der Anzahl der potenziellen Mütter - mit dem Geburtenverhalten der Frauen zusammen. Wie viele Frauen eines Geburtsjahrgangs werden überhaupt Mütter, wann gründen Frauen eine Familie, wie viele Kinder bringen sie im Laufe ihres Lebens zur Welt? Die Antworten auf diese
Fragen liefert die Geburten-Statistik der ASTAT.

Im Jahr 2019 wurden 5254 Geburten in Südtirols Melderegistern verzeichnet, 4,5 Prozent weniger als 20 Jahre vorher. Die Geburtenrate beläuft sich auf 9,9 Lebendgeborene je 1000 Einwohner. Dieser Wert ist der geringste seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen.


Stagnierende Geburtenentwicklung seit 40 Jahren

Betrachtet man die Zeitreihe der Geburten der vergangenen 60 Jahre in Südtirol, sind 3 unterschiedliche Phasen erkennbar: Die erste Phase (der sog. „Baby-Boom“), die bis ca. 1965 andauerte, war geprägt von einem starken Anstieg der Geburten, die zweite (der sog. „Baby-Bust“), die bis Mitte der 70er Jahre währte, war charakterisiert durch einen starken Geburtenrückgang und die dritte, nunmehr seit etwa 40 Jahren andauernde Phase, zeigt eine stagnierende Geburtenentwicklung.

Die Betrachtung der Anzahl der Geburten nach Staatsbürgerschaft macht deutlich, dass der Rückgang hauptsächlich Mütter mit italienischer Staatsbürgerschaft betrifft. Dieses Phänomen ist zum Großteil strukturell bedingt: Die Kohorte der Frauen im fruchtbaren Alter (zwischen 15 und 49 Jahren) nimmt ab, da einerseits die so genannten Babyboomer langsam aus der Reproduktionsphase heraustreten, andererseits die jüngeren Generationen nicht mehr so zahlreich sind. Letztere spüren die Auswirkungen des sogenannten „Pillenknicks“: Zwischen 1976 und 1995 trat ein starker Geburtenrückgang ein, der zum historischen Minimum von 1,40 Kindern pro Frau im Jahr 1995 geführt hat.

Seit der Jahrtausendwende hat die Immigration von jungen Ausländerinnen die Auswirkungen dieses Baby-Busts teilweise aufgewogen. Nun verliert dieser Effekt jedoch langsam seine Wirksamkeit, da sich auch das Altersprofil der ausländischen Wohnbevölkerung ändert. Betrug der Anteil von Frauen im fruchtbaren Alter unter den Ausländerinnen im Jahr 1999 noch 65,9 Prozent, so ist dieser Wert im Jahr 2019 auf
57,9 Prozent zurückgegangen (59,9 Prozent unter den EU-Bürgerinnen, 56,7 Prozent unter den Frauen aus anderen Ländern). Bei den Frauen mit italienischer Staatsbürgerschaft betrug er 1999 noch 47,3 Prozent, 2019 lag er nur mehr bei 40,1 Prozent.



Gesamtfruchtbarkeitsziffer steigt seit der Jahrtausendwende leicht an

Während die Geburtenrate das Verhältnis der Geburten zur Gesamtbevölkerung misst, dabei aber die Altersstruktur der Bevölkerung außer Acht lässt, gibt es einen weiteren Indikator, der diese mitberücksichtigt und somit geeigneter ist, das Reproduktionsverhalten zu beschreiben.


Die Gesamtfruchtbarkeitsziffer setzt die Anzahl der Geburten in Verhältnis zur Anzahl der Frauen im fruchtbaren Alter und gibt an, wie viele Kinder eine Frau im Laufe ihres Lebens durchschnittlich zur Welt bringt. Im Jahr 1976 ist dieser Wert unter 2,1 Kinder je Frau gesunken, jenem Wert, der notwendig wäre, um den Bevölkerungsstand ohne Berücksichtigung der Migration konstant zu halten. In den darauffolgenden
Jahren ging die Gesamtfruchtbarkeitsziffer weiter kontinuierlich zurück. Im Jahr 1995 erreichte sie den bisher tiefsten Stand (1,40) und blieb in den darauffolgenden fünf Jahren mehr oder weniger konstant. Erst ab der Jahrtausendwende ist er wieder etwas angestiegen und erreichte 2016 den Höchstwert von 1,75. Seither sinkt er wieder leicht und lag 2019 bei 1,70 Kindern je Frau.

Der Anstieg seit der Jahrtausendwende ist unter anderem dem Einfluss der ausländischen Frauen zuzuschreiben, doch zeigt der Verlauf auch bei den inländischen Frauen eine leichte Zunahme.

Nahezu 2 Drittel der Mütter älter als 30 Jahre

Die altersspezifischen Fruchtbarkeitsziffern (Zahl der in einem Kalenderjahr lebendgeborenen Kinder von Müttern einer bestimmten Altersklasse je 1000 Frauen derselben Altersklasse) machen die Verlagerung des Gebäralters hin zu höheren Altersklassen deutlich. Dieser Trend begann etwa Mitte der 90er Jahre: Während die Gebärfreudigkeit bei den unter 30-Jährigen stetig abnimmt, bekommen nun immer mehr Frauen ihre Kinder ab einem Alter von 30 Jahren.


Im Jahr 2019 waren insgesamt 33,8 Prozent der Mütter bei der Entbindung zwischen 30 und 34 Jahre alt. In den Altersklassen 25-29 Jahre und 35-39 Jahre waren es jeweils 26,1 Prozent bzw. 23,8 Prozent. Somit waren etwa 2 Drittel der Mütter (64,4 Prozent) bei der Geburt älter als 30 Jahre. Das Durchschnittsalter der Mutter bei der Geburt liegt 2019 bei 32,0 Jahren; 1999 betrug es noch 30,5 Jahre. Das Durchschnittsalter des Vaters lag 2019 bei 35,3 Jahren.

Das Durchschnittsalter bei der Geburt ist bei Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit immer noch um etwa 1 Jahr niedriger als bei Frauen mit italienischer Staatsangehörigkeit (32,3 Jahre): Es beträgt 31,2 Jahre.


Die Ausländerinnen scheinen ihr Reproduktionsverhalten aber langsam an jenes des Gastlandes anzupassen: 1999 waren noch mehr als die Hälfte der ausländischen Mütter (54,7 Prozent) jünger als 30 Jahre, 2019 sind es nur mehr 43,5 Prozent.


Jedes 5. Neugeborene hat eine Mutter mit ausländischer Staatsbürgerschaft

Im Jahr 2019 stammte eines von fünf Lebendgeborenen von einer Frau mit ausländischer Nationalität: Ausländerinnen trugen mit 21,1 Prozent also beträchtlich zur Geburtenentwicklung Südtirols bei. Dieser Anteil hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten vervierfacht (im Jahr 1999 betrug er noch 5,3 Prozent).

Zurückzuführen ist dies - wie bereits beschrieben - neben kulturellen Faktoren auch darauf, dass der Anteil von Frauen im gebärfähigen Alter unter Ausländerinnen größer ist als unter Inländerinnen. In den nächsten Jahren wird der Prozentsatz der inländischen Frauen
im fruchtbaren Alter weiter sinken, da die geburtenstarken Jahrgänge des Babybooms langsam aus dem Reproduktionsalter ausscheiden, jener der ausländischen Frauen hingegen weiter steigen, da die seit der Jahrtausendwende geborenen Mädchen nachrücken.


In diesem Zusammenhang ist die Bruttoreproduktionsrate von Bedeutung. Dabei handelt es sich um ein in der Demografie verwendetes Maß, das angibt, wie viele Töchter ein neugeborenes Mädchen durchschnittlich im Laufe seines Lebens hätte, wenn die derzeitigen altersspezifischen Geburtenziffern für den gesamten Zeitraum bis zum Ende seiner fruchtbaren Lebensphase gelten würden und angenommen wird, dass jedes Mädchen bis zum Ende des gebärfähigen Alters überlebt. Sie schätzt also die Stärke der Töchtergeneration relativ zur Müttergeneration unter den gegenwärtig herrschenden Bedingungen. Bei einem Wert unterhalb von 1 muss man (unter Ausschluss von Migration) langfristig von einem Bevölkerungsrückgang ausgehen, umgekehrt bei einem Wert oberhalb von 1 von einem Bevölkerungswachstum. Ein Wert nahe bei 1 entspricht einer zahlenmäßig unveränderten oder stabilen Bevölkerung. Diese Bruttoreproduktionsrate ist bei der ausländischen Wohnbevölkerung höher als bei der einheimischen: Im Jahr 2019 betrug der Wert unter Müttern mit ausländischer Staatsbürgerschaft 1,18, unter Müttern mit italienischer Staatsbürgerschaft 0,77.

Immer mehr Kinder werden außerhalb der Ehe geboren

Im Laufe der Zeit haben die Geburten von Kindern nicht verheirateter Paare immer stärker zugenommen: 2019 wurde bereits nahezu die Hälfte (48,7 Prozent) der Kinder außerhalb des institutionellen Rahmens der Ehe geboren, 1999 waren es lediglich 23,7 Prozent gewsen (2009: 43,7 Prozent). Die Analyse nach Staatsbürgerschaft fördert große Unterschiede zutage: Unter Müttern mit italienischer Staatsbürgerschaft liegt dieser Wert bei 54,5 Prozent, unter ausländischen Müttern bei
18,0 Prozent.

Die Häufigkeitsverteilungen der in bzw. außerhalb der Ehe geborenen Kinder nach Altersklasse der Mutter haben einen ähnlichen Verlauf. Die außerehelichen Kinder streuen jedoch breiter; auch weisen die Mütter in diesen Fällen ein geringeres Durchschnittsalter auf (30,9 Jahre gegenüber 32,2 Jahren bei den in der Ehe geborenen Kindern). Die Kurve der in der Ehe geborenen Kinder hingegen zeigt einen ausgeprägten Spitzenwert in der Modusklasse der 30- bis 34-Jährigen.


Südtirol einzige Region Italiens mit mehr Geburten als Sterbefällen

Im italienweiten Vergleich zeigt sich, dass Südtirol den höchsten Anteil an unverheirateten Müttern von Neugeborenen aufweist: 2019 waren es 46,0 Prozent, während es auf gesamtstaatlicher Ebene 33,4 Prozent waren. Der Süden Italiens weist weitaus geringere Werte auf: Dort kommen immer noch fast 3 Viertel (73,9 Prozent) aller Kinder in der Ehe zur Welt.

Auf gesamtstaatlicher Ebene hebt sich Südtirol (neben dem Trentino) auch bei einem anderen Indikator vom Rest Italiens ab: Im Jahr 2019 lag die Gesamtfruchtbarkeitsrate in der autonomen Provinz Bozen bei 1,71 Kindern je Frau, während der gesamtstaatliche Durchschnitt bei 1,27 lag. Was das mittlere Alter der Mütter betrifft, sind hingegen keine nennenswerten Unterschiede festzustellen.

Südtirol ist die einzige Region Italiens mit einem positiven Geburtensaldo, das heißt die Anzahl der Geburten übersteigt die Anzahl der Todesfälle.


Indikatoren im internationalen Vergleich

Auch im internationalen Vergleich positioniert sich Südtirol auf den ersten Plätzen: Die heimische Gesamtfruchtbarkeitsziffer von 1,71 liegt deutlich über dem EU(28)-Durchschnitt von 1,56 (Eurostat, 2018).
Nur die 5 Nationen Frankreich (1,88), Schweden (1,76), Rumänien (1,76), Irland (1,75) und Dänemark (1,73) verzeichnen höhere Werte. Interessant ist auch die Tatsache, dass kein einziger EU-Mitgliedstaat eine Gesamtfruchtbarkeitsrate von 2,1 Kindern pro Frau erreicht.


Indikatoren in der Euregio

Im Euregio-Vergleich ähneln einige Indikatoren der Geburten- und Fruchtbarkeitsentwicklung in Südtirol mehr jenen des Bundeslandes Tirol als jenen des Trentino: Sowohl die Geburtenraten als auch der Anteil der außerhalb der Ehe geborenen Kinder in Südtirol und Tirol sind nahezu identisch. Die Gesamtfruchtbarkeitsziffer der Frauen mit ausländischer Staatsbürgerschaft liegt aber näher am Wert des Trentino.


Glossar

Die Daten, die dieser Mitteilung zugrunde liegen, stammen aus der Erhebung der wegen Geburt ins Melderegister Eingetragenen (ISTAT-Formular P.4)

Gesamtfruchtbarkeitsziffer (durchschnittliche Kinderzahl je Frau): Summe der altersspezifischen Fruchtbarkeitsziffern für einjährige Altersklassen, dividiert durch 1000. Sie gibt an, wie viele lebendgeborene Kinder eine Frau zur Welt bringen würde, wenn die altersspezifischen Fruchtbarkeitsraten im Laufe ihres Lebens gleich blieben wie im betreffenden Kalenderjahr. Der Wert von 2,1 Kindern je Frau ist der Schwellenwert, der den Generationenwechsel ohne zahlenmäßige Verluste sicherstellt.

Altersspezifische Fruchtbarkeitsziffer: Verhältnis der Zahl der Lebendgeborenen in der Altersklasse der Mutter und der mittleren Zahl der Frauen der entsprechenden Altersklasse, multipliziert mit 1000. Sie gibt die Zahl der lebendgeborenen Kinder je 1000 Frauen eines bestimmten Alters im Laufe eines Kalenderjahres an.

Frauen im gebärfähigen Alter: Frauen im Alter von einschließlich 15 bis 49 Jahren.

Bruttoreproduktionsrate: Verhältnis zwischen der Zahl von weiblichen Neugeborenen und der Gesamtanzahl der Geburten, multipliziert mit der Gesamtfruchtbarkeitsziffer. Dabei handelt es sich um die Gesamtzahl der Töchter, die eine fiktive Frauengeneration zur Welt bringen würde, wenn die in einem bestimmten Kalenderjahr ermittelte Fruchtbarkeit unverändert bliebe und keine Frau dem Risiko ausgesetzt wäre, vor Erreichen des Endes des gebärfähigen Alters zu sterben.

Geburtenrate: Verhältnis zwischen der Zahl der Lebendgeborenen und der durchschnittlichen Wohnbevölkerung, multipliziert mit 1000.

stol