In den Monaten der Pandemie mussten die Krankenhäuser viele Dienste auf das Notwendige zurückfahren: Wird die Zahl der schweren Erkrankungen jetzt deutlich ansteigen?<BR /><BR />Ein gesünderer Lebenswandel, vor allen Dingen der Südtiroler Männer, und ein besseres Vorsorgeprogramm mit zuverlässigen Screenings: Das sind 2 wichtige Gründe, warum Tumorerkrankungen als Todesursache rückläufig sind, erklärt Dr. Mazzoleni im Interview. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="771638_image" /></div> <BR /><BR /><b>Gehen Krebserkrankungen in Südtirol tatsächlich zurück?</b><BR />Dr. Guido Mazzoleni: Die absolute Anzahl der Krebserkrankungen steigt. Aber sie steigt deswegen, weil die Bevölkerung zunimmt und weil sie immer älter wird. Standardisiert man die Zahlen – berechnet auf 100.000 Einwohner einer standardisierten Bevölkerung – geht die Inzidenz insgesamt zurück – und damit auch die Mortalität. Sehr auffällig sinkt sie bei der männlichen Bevölkerung. <BR /><BR /><b>Warum das?</b><BR />Dr. Mazzoleni: Grundsätzlich kann man sagen, dass Tumorerkrankungen die Todesursache mit den größten geschlechtsspezifischen Unterschieden ist. Nehmen wir den Lungenkrebs, der bei Männern häufiger vorkommt als bei Frauen, weil mehr Männer als Frauen rauchen. Doch während wir bei den Männern einen erheblichen Rückgang dieses Tumors feststellen, weil weniger Männer rauchen, steigt er bei Frauen an. Denn die Zahl der Raucherinnen nimmt zu. Verglichen mit dem restlichen Staatsgebiet stehen wir aber gut da, wir haben den zweitkleinsten Anteil an Rauchern. <BR /><BR /><b>Welche anderen Tumorarten nehmen noch ab?</b><BR />Dr. Mazzoleni: Wir verzeichnen leichte Rückgänge bei Tumoren des Dickdarms und des Magens, auch UV-Strahlen-bedingter Hautkrebs geht zurück, ebenso wie Tumore der Prostata. Bei den Frauen gilt das für den Gebärmutterhalskrebs. <BR /><BR /><b>Woran liegt das?</b><BR />Dr. Mazzoleni: Ein wesentlicher Grund ist sicherlich die Vorsorge, das sogenannte Screening. Nehmen wir etwa den Dickdarm. Bei einer Untersuchung des Stuhls lassen sich schon kleinste Mengen Blut darin feststellen, die auf eine Vorstufe des Tumors hinweisen können. In diesem Stadium lässt sich bei bestätigter Diagnose das Problem leicht operativ beheben – und der Krebs entsteht erst gar nicht. Das rettet Leben. Das gilt natürlich auch für andere Screenings, etwa den PAP-Test für Frauen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-54407333_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wie lässt sich Krebserkrankungen noch vorbeugen?</b><BR />Dr. Mazzoleni: Eine regelmäßige, aber nicht zu anstrengende sportliche Bewegung, wie etwa spazieren, schwimmen oder wandern, wirken eindeutig präventiv. Und da muss man sagen, dass Südtirol im italienischen Vergleich als heller Stern leuchtet. Da sind wir Spitze. <BR /><BR /><b>Noch ein Wort zur Corona-Pandemie, die ja in den Zahlen bis 2018 noch keine Rolle spielt: Befürchten Sie etwa aufgrund eingeschränkter Gesundheitsdienste Auswirkungen auf die Inzidenz bei Tumoren in den Corona-Jahren?</b><BR />Dr. Mazzoleni: Dazu wurden bereits gezielte Studien gemacht – in Italien von 20 pathologischen Instituten. Daran haben auch wir uns beteiligt. Grundsätzlich lässt sich für das Staatsgebiet sagen, dass in dieser Zeit weniger Tumor-Operationen durchgeführt wurden. Es gab weniger Anmeldungen, weil weniger Tumore gefunden wurden. Das ist kein gutes Zeichen. Doch es gibt eine glänzende Ausnahme – und das ist Südtirol. Wir haben 2020 beispielsweise mehr Dickdarm-Tumore und Mamakarzinome operiert als 2019.<BR /><BR /><b>Also ein gutes Zeugnis für den Sanitätsbetrieb?</b><BR />Dr. Mazzoleni: Absolut. Das bedeutet nämlich, dass unser Sanitätssystem gut funktioniert. Auch in der Krise. Und daraus folgt, dass man es nicht abbauen darf. Andere Regionen, wie etwa die Lombardei, in der vieles privatisiert wurde, sind wesentlich schlechter durch die Pandemie gekommen. <BR /><BR /><b>Zurück zu den Tumoren. Weniger Operationen bedeutet mehr Todesfälle? Ist also italienweit mit einem Anstieg der Mortalität aufgrund der Pandemie zu rechnen?</b><BR />Dr. Mazzoleni: Ich denke, es wird sich zeigen, dass in Südtirol die Mortalität nicht steigen wird, eben weil unser System gut funktioniert hat. Andernorts wird sie wohl in die Höhe schnellen.<BR />