Besonders schwierig ist es aber, „wenn wir es mit Leichen zu tun bekommen“, sagt Ciliberto im s+-Interview. <BR /><BR /><b>Was tun 2 Südtiroler Polizisten auf Lampedusa? </b><BR />Patrick Ciliberto: Gianni und ich sind bei der Spurensicherug der Staatspolizei – eigentlich haben wir uns erst letztes Jahr hier auf Lampedusa kennengelernt. Gianni arbeitet seit 1983, als er die Polizeischule abschloss, in Siena – seine Familie lebt aber immer noch in Franzensfeste. Er kommt schon seit über 15 Jahren nach Lampedusa. Ich war hingegen bis Mai 2021 bei der Spurensicherung in Meran, wollte dann aber einer neuen Herausforderung folgen und ließ mich nach Catania versetzen. Beide haben wir bei Frontex (Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache, Anm. d. Red.) einen Antrag gestellt, um einmonatige Missionen auf Lampedusa durchzuführen. Ich bin jetzt schon zum vierten Mal hier. <BR /><BR /><b>Welcher Aufgabe gehen Sie im Flüchtlingszentrum auf Lampedusa nach? </b><BR />Ciliberto: Unsere Aufgabe besteht darin, Flüchtlingen die Fingerabdrücke zu nehmen. Wir tun das gemeinsam mit Kollegen aus ganz Italien und auch mit einigen Angestellten der Frontex-Agentur, die aus verschiedenen Ländern Europas kommen. <BR /><b><BR />Mit welchen Herausforderungen sind Sie im Flüchtlingszentrum konfrontiert? </b><BR />Ciliberto: Es ist eigentlich eine Routinearbeit und mit Ausnahme der Arbeitszeiten, die von früh morgens bis nach Mitternacht reichen, keine besondere Herausforderung; schlimm ist es nur, wenn es ein Unglück gibt und wir es mit Leichen zu tun bekommen. Vor allem wenn es Kinder sind. Aber auch, wenn an einem Tag extrem viele Boote Lampedusa erreichen. In der Struktur sind bei Normalbetrieb 350 Menschen untergebracht; wir hatten auch schon über 3000 Menschen hier, viele davon müssen im Freien übernachten oder unter der prallen Sonne auf ihre Transfers warten.<BR /><BR /><b>Welche – gute wie schlechte – Erfahrungen der letzten 4 Jahre sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? </b><BR />Ciliberto: Das, was mir persönlich am meisten bleibt, ist, dass wir uns als Europäer – im Vergleich zu den Flüchtlingen – sehr glücklich schätzen können. Seit Juni wird der Hotspot vom italienischen Roten Kreuz geführt und im Vergleich zur vorherigen Vertragsgenossenschaft hat sich vieles gebessert. Was besonders positiv auffällt, ist das humane Verhalten aller Beteiligten. Wir besorgen uns z. B. immer Säfte oder Süßigkeiten, die wir dann den Kindern schenken; die Freude in ihren Augen ist unbezahlbar. Negativ war das Ereignis letztes Jahr, als wir mehrere verweste Leichname (darunter auch jenen eines Kindes) dokumentieren mussten.<BR /><BR /><b>Was meinen Sie genau mit „dokumentieren“?</b><BR />Ciliberto: Mit dokumentieren meint man Fotoaufnahmen, Fingerabdrücke, DNA-Proben, besondere Merkmale wie Tätowierungen oder Narben und, falls sie welche bei sich trugen, auch Gegenstände. Die Schritte danach übernehmen dann die Verantwortlichen anderer Einheiten. Unsere Arbeit endet mit der Übergabe der Spuren und des Berichtes an den Staatsanwalt.<BR /><BR /><b>Wie viele Personen sind derzeit im Flüchtlingszentrum untergebracht – sprechen Sie auch mit ihnen? </b><BR />Ciliberto: Zurzeit sind ungefähr 500 Personen hier, das kann sich aber sehr rasch ändern. Zeit, mich mit jemanden zu unterhalten, habe ich keine, und es ergibt sich auch kaum eine Möglichkeit.<BR /><BR /><b>Welche Erfahrungen hat Gianni Corso gesammelt? Und wie kam er eigentlich von Franzensfeste nach Siena? </b><BR />Ciliberto: Giannis Erfahrungen mit Lampedusa sind mehr oder weniger dieselben, recht kurios und witzig ist hingegen seine Geschichte, wie er nach Siena kam. Auf der Polizeischule wettete er mit einem Kollegen aus Feldthurns um ein Bier, dass er nach der Ausbildung in eine von 3 zufällig ausgesuchte Städte arbeiten gehen würde. Zwischen Florenz, Forlì und Siena fiel die Wahl auf letztgenannte Stadt.<BR /><b><BR />Wie hat sich Ihr Blick auf Flüchtlinge durch die Erfahrungen auf Lampedusa verändert?</b><BR />Ciliberto: Mein Blick hat sich eigentlich kaum verändert. Niemand sucht sich selber aus, wo er auf die Welt kommt. Meistens sind es die ärmsten, die sich dann auch mit Straftaten durch den Tag kämpfen. Es war schon immer so; aktuell wird es durch die sozialen Medien verstärkt verbreitet und deshalb empfunden. Am 22. April habe ich im Wirtschaftsteil eurer Zeitung von der Bedeutung der Einwanderung gelesen; ich war und bin immer noch davon überzeugt. Gianni und ich – aber auch viele andere Kollegen – sind der Meinung, dass ein besseres Management der Migrationsflüsse wünschenswert wäre, sodass man einfacher und risikofrei nach Europa kommen – und im Falle von straffälligen Menschen auch des Landes verwiesen werden kann. <BR /><BR />