Im Interview mit s+ verrät die gebürtige Trientnerin, was sie dazu bewogen hat, dennoch an ihrem Traum festzuhalten.<BR /><BR /><BR /><b>Frau Fellin, die Schauspielerei wirkt auf viele wie ein Job, den nur Auserwählte ausüben können. Ist das nur ein Klischee oder steckt ein Funken Wahrheit dahinter?</b><BR />Katia Fellin: Auch für mich schien dieser Traum zunächst unerreichbar, wobei der Beruf selbst nicht viele Voraussetzungen erfordert. Ich glaube, es sollte eine gewisse Lust da sein, Menschen kennenzulernen und Figuren zu spüren. Dann kann Schauspielerei – in einem zweiten Schritt – zum professionellen Handwerk werden. Eine körperliche und stimmliche Ausbildung sind dabei von großer Bedeutung. Außerdem ist es wichtig, offen zu sein. Offen für das Umfeld, das einen gerade umgibt, und für das, was gerade in der Welt passiert. Man sollte sich nicht vor der Realität verschließen und ganz grundlegend einfach viel beobachten. <BR /><BR /><b>Also schreibt das Leben immer noch die besten Geschichten?</b><BR /> Fellin: Ja, absolut. Als Schauspielerin ist die Wirklichkeit, die mich umgibt, der beste Übungsplatz. Das Leben selbst ist eine große Bühne. Ich beobachte ungemein viel und gerne. Wenn ich bestimmte Situationen oder Personen interessant finde, dann mache ich mir sogar Notizen (lacht) oder nehme Klänge auf. Manchmal kann es auch nur ein Satz sein, der mich inspiriert.<BR /><BR /><b>Nach der Oberschule studierten Sie zunächst eine Zeit lang Mathematik in Berlin. Die Naturwissenschaft, ist das Ihre zweite (oder vielleicht doch erste) große Leidenschaft?</b><BR />Fellin: Vor Mathematik habe ich noch etwas anderes studiert, und zwar Geotechnologie. Durch die Geotechnologie bin ich dann auch zur Mathematik gekommen. Die Naturwissenschaften begeisterten mich eigentlich immer schon – und sie tut es bis heute. <BR /><BR /><b>Wie kamen Sie von den Naturwissenschaften zur Schauspielerei?</b><BR />Fellin: Der Umzug nach Berlin hat meine Gedankenwelt verändert. Ich war auch nie jemand, der nur eine Sache gemacht hat. Während des Mathematikstudiums begann ich in meiner Freizeit wieder Theater zu spielen, und dabei merkte ich, wie sehr es mich erfüllt. Dann kam eines zum anderen. <BR /><BR /><b>Wie sah denn Ihr Fortbildungsweg aus?</b><BR />Fellin: In meinen Jugendjahren bin ich auf der Bühne der „Musical School Bozen“ und der „Vereinigten Bühnen Bozen“ gestanden. An der Hochschule für Musik und Theater in Rostock studierte ich Schauspiel. Mit dem Diplom in der Tasche bin ich anschließend für eine Spielzeit ans „Mecklenburgische Staatstheater“ in Schwerin gegangen. Mittlerweile lebe und arbeite ich in Berlin, wobei ich arbeitsbedingt viel unterwegs bin. <BR /><BR /><b>War es immer schon Ihr Wunsch, Schauspielerin zu werden?</b><BR />Fellin: Diese Frage wird mir oft gestellt. (lacht) Nein, das war nicht immer mein Wunsch. Ich wollte zuvor zig andere Berufe erlernen, wie zum Beispiel Ärztin, Landwirtin und Tischlerin, Maschinenbauerin, Geotechnologin und vieles anderes noch. Die Schauspielerei kam auch vor, wobei dieser Berufswunsch letztendlich dominierte.<BR /><BR /><b>Sie sind in Trient geboren und in Südtirol aufgewachsen. Kann man Sie als „Wandlerin zwischen den Sprachgruppen“ bezeichnen?</b><BR />Fellin: Ja, kann man schon, wie so viele Südtirolerinnen und Südtiroler. Ich bin mit einem italienischsprachigen Vater und einer bundesdeutschen Mutter aufgewachsen. Als ich fünf war, zogen wir von Trient nach Südtirol, genauer nach Oberbozen, wo ich dann auch den Südtiroler Dialekt gelernt habe, was unabdingbar war, um mich in Südtirol zu sozialisieren. Das war für mich tatsächlich so, als würde ich eine neue, dritte Sprache erlernen. (lacht)<BR /><BR /><b>Können Sie von der Zweisprachigkeit in Ihrem Beruf als Schauspielerin profitieren?</b><BR />Fellin: Auf jeden Fall. Sprache ist in meinem Beruf fundamental. Ich arbeite tagtäglich mit ihr. Mit Sprache beschreibt man Welten. Ich denke, dass jede weitere Sprache, die man spricht, noch mehr Möglichkeiten bietet, jene Welten zu öffnen – im Privaten genauso wie im Beruflichen. Ganz praktisch gesehen, ermöglicht mir die Zweisprachigkeit, in unterschiedlichen Ländern zu arbeiten, sprich, nicht nur im deutsch- oder im italienischsprachigen Raum, sondern in beiden. Und das ist eine große Bereicherung.<BR /><b><BR />Wie begannen Sie Ihre schauspielerische Karriere?</b><BR />Fellin: Theater habe ich anfangs schon parallel in Italien und in Deutschland gespielt. Mein allererster Film war der Kurzfilm „Ruhestörung“ des Regisseurs Aliaksei Paluyan (damals Filmstudent), in dem ich eine taubstumme Frau gespielt habe. Weitere Rollen kamen dazu, in italienischen und deutschen Filmproduktionen gleichermaßen wie etwa im „Tatort Dresden“, in „Human Factors“ sowie in den Serien „Im Netz der Camorra“ und „Wild Republic“. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="725489_image" /></div> <BR /><BR /><b>Von der Theaterbühne auf den Bildschirm: Worin liegt für Sie der wesentliche Unterschied bzw. der Reiz zwischen der Theater- und Filmarbeit?</b><BR />Fellin: Der große Unterschied und mein persönliches Highlight im Theater ist das reagierende Publikum. Beim Film gibt es das in der Form nicht, wobei das Filmteam dort meistens als Publikum dient und dem Schauspieler diese bestimmte Energie vermittelt. Beim Theater gibt es diese fünf bis sechs intensiven Wochen, in denen man mit dem Ensemble jeden Tag beisammen ist, ein Stück auf die Beine bringt und es dann von Vorstellung zu Vorstellung neu „gebärt“. Ein Film verläuft meist nicht chronologisch. Dort baut man peu à peu ein Werk zusammen, dessen Resultat man vielleicht auch erst in einem Jahr sieht. Da hat man sich meistens schon vom Stück gelöst. Aber das ist auch etwas Schönes, denn man wird vom Resultat gerne überrascht.<BR /><BR /><b>Welche Charaktere verkörpern Sie am liebsten? Haben Sie sich auf bestimmte Rollen spezialisiert?</b><BR />Fellin: Spezialisiert nicht. Mich interessieren Figuren, die sich vom Klischee entfernen, die nicht sofort lesbar sind. Wenn ich ein Drehbuch oder ein Theaterstück lese und die Figur meine Fantasie sofort anregt, dann interessiert sie mich. Es kommt darauf an, wie ich mich einer Figur nähere und wie sie sich an mich annähert. Ich mache sie mir zu eigen und finde bestimmte Eigenschaften, die Körperlichkeit, also den Duktus in mir. Damit komme ich zum Schritt, die Figur spielen zu können. Es ist somit nicht so, dass ich in eine Rolle schlüpfe. Es gibt vielmehr einen fließenden Übergang zwischen mir und der Figur. <BR /><BR /><b>Nehmen Sie eine Figur nach den Dreharbeiten oder Theaterproben sozusagen mit nach Hause?</b><BR />Fellin: Das ganz zu trennen, ist schwierig. Stellen Sie sich vor, Sie schauen einen Film oder Sie lesen ein Buch. Am Ende schwingt die Handlung noch in Ihnen nach, oder Sie denken über bestimmte Figuren nach. Auch da nimmt man etwas mit. So ähnlich ergeht es mir im Feierabend. Ich brauche Zeit, Gedanken zu fühlen und zu Ende zu denken.<BR /><BR /><b>Wie tief dringt Corona in Ihren (Schauspiel-)Alltag ein?</b><BR /> Fellin: Das erste Jahr war besonders krass – vor allem für das Theater. In der Filmbranche konnte man sich hingegen besser und schneller arrangieren, weil die Produktionen nicht von einem Live-Publikum abhängen. In der Filmproduktion ist man eher gewöhnt, sich mit unerwarteten Situationen auseinanderzusetzen und Lösungen zu finden. Drehbücher wurden sogar umgeschrieben, um den Sicherheitsabstand zwischen den Darstellerinnen und Darstellern zu gewähren. Es gab Drehverschiebungen, Drehstopps, etwa weil ein ganzes Team in Quarantäne musste. Das war bei „Der Palast“ beispielsweise der Fall. Die gesamten Dreharbeiten gingen über sieben Monate, sie mussten zwei Lockdowns und eine Teamquarantäne aushalten. Im Mai 2021 wurde „Der Palast“ dann abgedreht. Ja, Corona hat so einiges auf den Kopf gestellt. <BR /><BR /><b>Welche Film- bzw. Theaterprojekte stehen als nächstes an?</b><BR />Fellin: Ich habe gerade zwei Produktionen zu Ende gedreht, einen deutschen TV-Film „Die Farben von Liebe und Tod“ unter der Regie von Johannes Gieser und einen italienischen Kinofilm. Von all dem, was jetzt dann ansteht, darf ich aber (noch) nichts verraten… (lacht)<BR />