Im Gespräch schildert Nina (Name auf Wunsch der Gesprächspartnerin von der Redaktion geändert) die dramatischen Momente, spricht über die belastende Ungewissheit während des Großeinsatzes und die Erkenntnis, wie knapp sie der Tat entgangen ist.<BR /><BR />Eigentlich wollte die 33-jährige Südtirolerin – wie Tausende andere auch – am Christopher Street Day ein Zeichen für Demokratie, Toleranz und Vielfalt setzen. Doch das bunte Fest endete mit einem feigen terroristischen Akt.<BR /><BR />Es war um kurz vor 22 Uhr, als Nina gemeinsam mit ihrem Freund auf der Straße des 17. Juni unterwegs war – jener zentralen Achse, die mitten durch den Berliner Tiergarten, also den Ort des Anschlags, führt. Ihr Ziel war die Siegessäule, um dort Freunde zu treffen.<BR /><h3> „Das war unser Glück“</h3>Da die Straße bereits dicht gedrängt waren, nutzten viele Besucher den Tiergarten-Park als Abkürzung und kletterten über den Zaun. Denn obwohl entlang der Straße immer wieder reguläre Wege in die Grünanlage führen, ist ein großer Teil des Areals durch eine feste Umzäunung abgetrennt. Auch Nina und ihr Freund erwogen für einen kurzen Moment, das Hindernis zu überklettern, entschieden sich dann aber doch für einen offiziellen Eingang weiter vorne.<BR /><BR /><BR />„Das war unser Glück“, erinnert sich die 33-jährige Südtirolerin. Denn nur Augenblicke später änderte sich die Lage schlagartig. „Plötzlich waren überall Blaulichter und Sirenen zu sehen beziehungsweise zu hören. Innerhalb weniger Minuten kamen immer mehr Einsatzfahrzeuge in den Park. Man hat sofort gemerkt, dass etwas Außergewöhnliches passiert sein musste.“ Nina und ihr Freund haben zwar den Anschlag selbst nicht gesehen, waren aber zum Zeitpunkt der Tat etwa auf Höhe des Anschlagsortes, nur rund 150 Meter entfernt. „Wären wir über den Zaun geklettert, wären wir möglicherweise im Bereich des Attentats gewesen“, so Nina.<BR /><h3> „Alle waren besorgt“</h3>„Zunächst wusste niemand, was passiert war. Und dann verstummte von einem Moment auf den anderen die Musik und es ertönten Lautsprecherdurchsagen, in denen die Menschen aufgefordert wurden, sich geordnet und ruhig in Richtung Brandenburger Tor zu begeben und nach Hause zu gehen“, so Nina. Trotz der unübersichtlichen Situation sei die Räumung ruhig und geordnet verlaufen. „Es gab keine Panik. Die Menschen haben die Anweisungen befolgt.“ Allerdings waren alle überrascht und auch besorgt. „Eigentlich sollte das Event bis Mitternacht dauern. Es war aber erst gegen 22 Uhr, als die Veranstaltung abgebrochen wurde.“<BR /><BR />Vergeblich hätten sie und andere Besucher zunächst versucht herauszufinden, was passiert war. „Wir haben einen Barkeeper eines Standes entlang der Straße gefragt, ob er weiß, was los ist. Aber er wusste es auch nicht“, erzählt sie. Währenddessen bahnten sich immer mehr Rettungsfahrzeuge ihren Weg durch die Menschenmenge, und die Einsatzkräfte konzentrierten sich zunehmend auf den Bereich des Tiergartens.<BR /><h3> „Die Ungewissheit war belastend“</h3>Besonders die beklemmende Atmosphäre brannte sich tief in ihr Gedächtnis ein. „Über dem Park kreiste die ganze Zeit ein Hubschrauber, überall waren Blaulichter zu sehen, und ständig kamen weitere Einsatzfahrzeuge dazu. Man hat einfach gemerkt, dass etwas Schlimmes passiert sein musste – aber niemand wusste, was genau.“ Die Ungewissheit sei in diesen Minuten das Belastendste gewesen.<BR /><BR />Erst während sie das Gelände verließen, kamen die ersten Eil-Meldungen über die Online-Medien. Dort erfuhren sie, was sich nur wenige Augenblicke zuvor abgespielt hatte: Ein Auto war in die Menschenmenge gefahren. „Wir hatten Tränen in den Augen“, sagt sie. In diesem Moment wurde den beiden schlagartig klar, wie knapp sie der Katastrophe entkommen waren. Doch die Angst blieb. Vor Ort hatte schließlich niemand ein klares Bild der Lage gehabt – die Erkenntnis über das Ausmaß kam erst verzögert. Zudem gab es Gerüchte, der Attentäter wäre noch unterwegs und würde mit einer Machete auf Menschen einstechen.<BR /><BR />„Auf dem Nachhauseweg haben wir ständig versucht einzuschätzen, ob irgendwo noch Gefahr besteht oder ob wir in Sicherheit sind.“<h3> Nachhauseweg glich einem Weg durch ein Labyrinth</h3>Vom Gelände des Christopher Street Days bis zum Brandenburger Tor kam man laut Nina gut weg, von da an glich der Weg nach Hause allerdings einer Irrfahrt. Immer wieder mussten Nina und ihr Freund die Route ändern, weil Einsatzfahrzeuge entgegenkamen oder Straßen komplett abgesperrt waren. „Es war fast wie ein Labyrinth. Wenn irgendwo kein Durchkommen war, mussten wir wieder umkehren und einen anderen Weg suchen.“<BR /><BR />Schließlich gelang es ihnen in Richtung Reichstagsgebäude und schließlich zur Spree zu gelangen, an der sie bis zur Marschallbrücke entlanggingen. Erst als sie diese überquert hatten, gelang es ihnen, ein Uber zu rufen und sicher nach Hause zu gelangen.<h3> „Zutiefst traurig“</h3>Auch Tage später beschäftigt die Südtirolerin das Erlebte. Besonders bedrückend sei für sie der Gedanke, dass ausgerechnet eine Veranstaltung getroffen wurde, die für Vielfalt und Freiheit steht. „Ich bin zutiefst traurig für die Stadt, für das Event und finde es unfassbar, dass Menschen, die gemeinsam für ihre Rechte und ein friedliches Miteinander auf die Straße gehen, so etwas erleben müssen“, sagt sie.<BR /><BR />Trotz des Entsetzens richtet Nina den Blick nach vorne. Für sie steht fest, dass der Hass nicht siegen darf: „So eine Tat darf einem so positiven Ereignis nicht die Bedeutung nehmen. Sie zeigt vielmehr, wie wichtig es ist, weiterhin für Vielfalt und die Rechte der queeren Community einzustehen.“