<b>Von Christoph Höllrigl</b><BR /><BR />Was wäre, wenn ... Wie die Bevölkerung im Kriegsfall Schutz vor Luftangriffen finden könnte – diese Frage war seit Ende des Kalten Krieges in Westeuropa bedeutungslos. Bis zum Februar 2022. Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine hat Präsident Wladimir Putin in vielen Teilen Europas neuerlich Kriegsangst gesät.<h3> In Deutschland nur Platz für 0,5 Prozent der Bevölkerung</h3>Wenngleich eine Ausweitung des Krieges auf NATO-Gebiet weiterhin als sehr unwahrscheinlich gilt, machen sich Militärs und Politik nun auch wieder darüber Gedanken – also über Schutzraumkonzepte für die Zivilbevölkerung. Etwa in Deutschland, wo Innenministerin Nancy Faeser gemeinsam mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe eine Aufstockung der Zahl der Schutzräume in Deutschland prüfen lässt, wie neulich die „Presse am Sonntag“ berichtete. Denn: Laut Innenministerium stünden von einst 2000 Bunkerräumen in Deutschland nur 579 zur Verfügung. Zuflucht finden könnten darin maximal 480.000 Menschen – etwas mehr als ein halbes Prozent der Bevölkerung.<BR /><BR />In Finnland liegt dieser Prozentsatz hingegen bei 85, in der Schweiz bei nahezu 100 Prozent, die bei kriegerischen Angriffen in geeigneten Schutzräumen unterkommen könnten.<h3> Und in Südtirol? Bei Angriffen keine Zuständigkeit des Landes</h3>Stellt sich die Frage, wie Südtirols Zivilbevölkerung in so einem Fall geschützt wäre und welche Rolle dabei die zahlreichen Bunkeranlagen des historischen „Vallo Alpino“ spielen könnten, die von Benito Mussolini einst in Auftrag gegeben und zu etwa einem Drittel auch fertiggestellt wurden.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1127397_image" /></div> <BR /><BR />Im Hinblick auf den Zivilschutz verweist Klaus Unterweger, Direktor der Agentur für Bevölkerungsschutz, auf Anfrage darauf, dass Schutzmaßnahmen zur Bewältigung eines militärischen Ereignisses einzig dem Staat und dessen Einrichtungen obliegen. So ist auch im Landeszivilschutzplan explizit unter dem Punkt 1.4.4 „Ereignisse im Rahmen der Zivilverteidigung und des Terrorismus“ vermerkt: „Der Regierungskommissär für die Provinz Bozen übt Funktionen im Bereich der Zivilverteidigung aus.“<BR /><BR />Eine Anfrage an das Regierungskommissariat bzgl. Plänen und Schutzräumen blieb jedoch unbeantwortet.<h3> Die „Vallo Alpino“-Bunker: Für das Militär konzipiert</h3>Was hingegen die historischen Bunkeranlagen hierzulande betrifft, kennt diese kaum jemand besser als Heimo Prünster. Der Architekt war wissenschaftlicher Leiter des Forschungsprojektes zum „Vallo Alpino“ des Landesmuseums Festung Franzensfeste, das vor etwa einem Jahr abgeschlossen wurde. Prünster schickt voraus, dass er einen bau- und kulturhistorischen und keineswegs einen militärischen oder zivilschützerischen Zugang zum Thema habe. Nichtsdestotrotz sei die Frage danach, ob die bestehenden Bunkeranlagen der Zivilbevölkerung Schutz bieten könnten, eine „durchaus interessante.“ Dazu erklärt er: „Die Bauten des ‚Vallo Alpino‘ sind ausschließlich für einen rein militärischen Zweck errichtet worden. Zivilpersonen hatten darin nichts verloren.“ Aber: „Genutzt wurden sie ironischerweise fast nur von der Zivilbevölkerung. Als sie fertiggestellt waren, sind die Leute bei Luftangriffen dort hinein, um sich zu schützen. Das haben wir mehrfach von Zeitzeugen bestätigt bekommen.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1127400_image" /></div> <BR /><BR />Gemeint ist die Zeit im Zweiten Weltkrieg zwischen 1943 und 1945. Die Bunker seien damals meist leer, unbewacht und offen gewesen. Schutz hätten sie bei Luftangriffen durch ihre Bauweise für die Menschen definitiv geboten, denn „die Südtiroler Bunker haben mindestens 3,5 Meter dicke Mauern, teilweise 4,5 Meter im Deckenbereich. Und natürlich halten diese Mauern etwas aus.“<BR /><BR />Weil die Bunker aus militärischen Gründen auf bestimmte Verteidigungslinien konzentriert waren, seien sie eben nur für jene Personen geeignet gewesen, die dort in der Nähe wohnten. Bunker für den Zivilschutz hätten freilich anders verteilt werden müssen: „Das Siedlungsgebiet war kein Kriterium. Es gibt also ganz viele Dörfer, wo es gar keine Bunker gibt.“ <h3> Reaktivierung schwierig, insofern nur bedingt tauglich</h3>Bei den bestehenden Bunkern gibt es aus heutiger Sicht laut Prünster zudem viele Mankos: „Viele Bunker sind unfertig und ungesichert, teilweise besteht Einsturzgefahr. Es ist kein Strom drinnen, keine Belüftung ... so, wie die Räume in den meisten Fällen sind, kann man sie für zivile Zwecke nicht gut benutzen.“ Von der Wasser- und Nahrungsversorgung einmal ganz abgesehen. Für eine Reaktivierung müsste man „einen ziemlichen Aufwand betreiben“, so Prünster.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1127403_image" /></div> <BR /><BR /> Von einer „Einsatzbereitschaft“ sei man also sehr weit entfernt. Und die Bürger wüssten auch nicht, wo sich die Anlagen überall befinden. Bei der Baufälligkeit mancher Anlagen sei es zum Teil sogar gefährlich, in die Anlagen einzusteigen. Vor atomaren Angriffen biete übrigens kein einziger der alten Militärbunker in Südtirol Schutz. Wie viele Personen heute dort unterkommen könnten, lasse sich laut Prünster ebenso nicht seriös beantworten.<BR /><BR /> Ein entscheidendes Argument, warum die Bunker nur bedingt für den Schutz der Bevölkerung tauglich seien, ist laut dem Leiter des Forschungsprojektes „Vallo Alpino“ der Umstand, dass 95 Prozent des Bestandes in Südtirol in Privatbesitz ist. Nach dem Fall der Berliner Mauer gingen sie nämlich vom Staat an das Land Südtirol über. Sie wurden später an Private, Unternehmen oder Institutionen versteigert. „Wer einen Bunker betreten will, muss vorher den Besitzer fragen“, so Prünster. Seither wurden etwa manche von ihnen für Kunstprojekte oder zur Wein- und Käselagerung genutzt, oder auch in ein Naherholungsgebiet integriert.<h3> Wo es im Extremfall bedingten Schutz für die Bürger gäbe</h3>Ganz praktisch betrachtet kommen für die Zivilbevölkerung bei konventionellen Luftangriffen auch andere Schutzräume in Frage – wie der Alltag in Kriegsgebieten weltweit zeigt: Kellerräume, Tiefgaragen, U-Bahn-Schächte. Die meisten Südtiroler wären also wohl am besten im eigenen Keller geschützt, weil sie dort am schnellsten hinkommen. Nicht zuletzt verfügt Südtirol über eine Vielzahl von Tunnels, die U-Bahn-Schächten gleichzusetzen sind. Doch ob die im Bedarfsfall wirklich als Schutzräume genutzt werden können, das wissen wohl nur die zuständigen hohen Entscheidungsträger aus Militär und Politik.