Nach 5 Jahren als Wissenschaftler in den USA ist der Sterzinger David Hofmann wieder in Südtirol. Beruflich befasst sich der Physiker und Neurowissenschaftler derzeit mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz zur besseren Diagnose psychiatrischer Krankheitsbilder. <BR /><BR /><BR /><b>Sie arbeiten derzeit als Forscher für das renommierte MIT in Boston. Von Südtirol aus?</b><BR />David Hofmann: Ja, im smartworking, das war meine Bedingung. Ich habe 5 Jahre lang in Amerika an 2 verschiedenen Forschungsprojekten gearbeitet. Aber ich wollte physisch zurück nach Europa und bin sehr zufrieden, jetzt wieder in Südtirol zu sein. <BR /><BR /><b>An was forschen Sie derzeit?</b><BR />Hofmann: Als Neurowissenschaftler arbeite ich derzeit mit einem Team an einer Software, die menschliche Daten etwa von EEG oder Magnetresonanztomographie auswerten können soll. Wir suchen dabei unter anderem mit Hilfe der sog. künstlichen Intelligenz nach Biomarkern, mit denen psychiatrische Krankheitsbilder besser diagnostiziert werden können. Derzeit erfolgen Diagnosen zumeist im Rahmen von Gesprächen mit dem Patienten und durch die Auswertung seiner Antworten in Fragebögen. Wir hoffen, mit unserer Software auf lange Sicht Therapien sowie Präventionsmaßnahmen verbessern zu können. <BR /><BR /><b>Sie gehen also davon aus, dass sich jede psychische Erkrankung in messbaren Daten des Gehirns widerspiegelt?</b><BR />Hofmann: Davon gehen wir aus und bisher deuten die Resultate der Gehirnforschung darauf hin. Es ist aber noch nicht gesagt, dass unser spezifischer Ansatz für alle Krankheiten des Gehirns funktionieren wird. Ob etwas funktioniert, weiß man in der Wissenschaft so gut wie immer erst hinterher. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="823970_image" /></div> <BR /><BR /><b>Und was sagen die Psychiater dazu?</b><BR />Hofmann: Es könnte sein, dass unsere quantitative Methode zunächst auf Widerstand stoßen wird, wie das oft so ist, wenn man etablierte Methoden radikal umkrempelt, aber wenn es funktioniert, wird es sich durchsetzen. Und ich weiß von Psychiatern, die sich genau so eine Anwendung wünschen. Aber wie auch immer, die Ergebnisse werden auch für die Grundlagenforschung interessant sein, nicht nur für die klinische Anwendung, und weiterhelfen, zu verstehen, wie das menschliche Gehirn funktioniert.<BR /><BR /><b>Was fasziniert Sie an diesem Forschungsgebiet?</b><BR />Hofmann: Ich wollte schon immer wissen, wie und warum sich Menschen für etwas entscheiden. Und diese Forschungsarbeit kommt dieser Fragestellung am nächsten, verglichen mit meinen bisherigen Projekten. Zuvor habe ich Entscheidungstheorien bei Tieren erforscht, etwa bei Hummeln. Denn die Physik geht davon aus, dass es fundamentale Prinzipien gibt, die unabhängig vom spezifischen Organismus wirken. Da haben wir noch einen langen Weg vor uns, es ist ein komplexes Unterfangen<BR /><BR /><b>Dann werden Sie uns irgendwann erklären können, warum Individuen und Kollektive offensichtlich unsinnige oder gefährliche Entscheidungen treffen?</b><BR />Hofmann: Ich möchte mich nicht dazuversteigen zu sagen, dass wir das verstehen werden. Wir haben ja schon Schwierigkeiten zu verstehen, wie ein einzelnes Gehirn funktioniert, geschweige denn ein Kollektiv. Aber die Forschung erhellt den Blick auf dieses Phänomen. Und ich persönlich reagiere – gerade als Klimaaktivist – mit mehr Nachsicht aufgrund der Erkenntnisse. Denn jeder von uns hat sein ganz eigenes Weltmodell im Kopf – und geht nur ungern davon ab. Also muss man bestimmte Sachverhalte halt immer wieder aufs Neue erklären. <BR /><BR /><b>Dabei hätten wir aber gerade in Sachen Klimaschutz überhaupt keine Zeit mehr für Nachsicht und Geduld...</b><BR />Hofmann: Das ist richtig, aber nachdem ich nur mich selbst im Griff habe, bleibt mir nur, noch mehr Zeit in die Aufklärung und Information zu investieren, und falls diese einfach nicht ankommt, muss es eben lauter werden, dann braucht es Protest. Es muss sich einfach etwas ändern, denn wenn wir weiter machen wie bisher – business as usual – dann wird die Klimakatastrophe die Grundlagen unserer Zivilisation zerstören. Das Handtuch zu werfen, ist einfach keine Option.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="823973_image" /></div> <BR /><BR /><b>Aber einfacher wäre es schon, statt als Klimaaktivist gegen Windmühlen zu kämpfen...</b><BR />Hofmann: Natürlich wäre es einfacher und ich bin manchmal auch niedergeschlagen und erschöpft. Aber was für das Kollektiv gilt, gilt auch für mich als Einzelnen: Business as usual hat nicht gereicht, also muss ich eine Schippe drauf legen. Zudem gibt es auch tolle Beispiele, Barcelona, Kopenhagen, Paris, all diese Städte sind gerade dabei sich zu redesignen und zukunftstauglich zu machen, etwa indem sie die Autos aus den Städten halten.<BR /><BR /><b>Und in Südtirol...</b><BR />Hofmann: ... herrscht Fantasielosigkeit und mangelnder politischer Wille. Beim ersten Gegenargument, beim ersten Widerstand wirft die Politik das Handtuch, statt weiter nach Lösungen zu suchen. <BR /><BR /><b>Andererseits wird ein klimaneutrales Südtirol allein den Klimawandel nicht aufhalten.</b><BR />Hofmann: Ja, das stimmt, so gesehen ist unser Beitrag vielleicht marginal. Aber das ist er nicht, denn Vorreiterorte haben einen Leuchtturm-Effekt, der dann weit über Südtirol hinaus strahlen würde. Allerdings halte ich nichts davon, erst leuchten zu wollen, bevor man noch etwas in Sachen Nachhaltigkeit erreicht hat. <BR /><BR /><embed id="dtext86-56578166_quote" /><BR /><BR /><b>Sprechen Sie auf die Nachhaltigkeitstage an?</b><BR />Hofmann: Einige Referenten und Referentinnen waren sehr gut, aber es nützt kaum, wenn nur sehr wenige Südtiroler erreicht werden. Insbesondere hat man kaum lokale Entscheidungsträger gesehen in den Vorträgen. So kommen wir nicht weiter. Ich finde es allgemein fragwürdig und inauthentisch, wenn man erst eine große Show organisiert, bevor man inhaltlich liefert.<BR /><BR /><b>Dabei hätte Südtirol das Zeug zum Leuchtturm?</b><BR />Hofmann: Materiell hätten wir die allerbesten Startvoraussetzungen, was die mentalen Einstellungen angeht, bin ich mir weniger sicher. Dazu braucht es noch viel Basisarbeit, da wurde bisher unglaublich wenig getan. Wir brauchen aber dringend einen Kulturwandel. <BR /><BR /><b>Was meinen Sie mit „mentaler Einstellung“?</b><BR />Hofmann: Die Brisanz der Klimakatastrophe ist noch nicht überall angekommen, insbesondere nicht in der Wirtschaftslobby. Dort versteht man nicht oder will nicht verstehen, was auf dem Spiel steht – und setzt auf ein Weiter wie bisher und entsprechend die Politik unter Druck. <BR /><BR /><b>Dagegen hilft was... ?</b><BR />Hofmann: Gegendruck. Die Jugend macht es vor. Doch wenn an den Freitagen nur 300 Schüler aufmarschieren, dann ist das zu wenig. Leider ist in Südtirol der Aktivismus verpönt. Man geht nicht auf die Straße, weil man eben nicht auf die Straße geht. <BR /><BR /><b>Zeigen Proteste denn Wirkung?</b><BR />Hofmann: Keine nachhaltige gesellschaftliche Veränderung ist ohne Proteste zustande gekommen. Sozialwissenschaftliche Studien zeigen das. Und der neue Südtiroler Klimaplan beispielsweise setzt – im Gegensatz zum alten und zum ersten Entwurf – sehr konkrete Ziele, etwa die Reduktion der Autos bis 2037 um 40 Prozent oder die Reduzierung der Methan-Emissionen in der Landwirtschaft um 40 Prozent. Das ist überhaupt das erste Mal, dass die Landwirtschaft mitaufgenommen wird. Mit den im Klimaplan festgelegten Zielen sind wir endlich mit dem Pariser Klimaabkommen konform – das ist das Mindeste. Und ohne den Druck der Klimaaktivisten und Umweltschützer wäre das wohl auch nicht passiert, wie der Landeshauptmann selbst eingestand.<BR /><BR /><embed id="dtext86-56578670_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Makabererweise bekommt der Klimaschutz Schützenhilfe durch den Ukrainekrieg. Aus alternativen Energien werden plötzlich Freiheitsenergien. Wie irritierend ist es, dass die Umwelt als Argument nicht ausgereicht hat?</b><BR />Hofmann: Da sind wir wieder beim menschlichen Gehirn, das – das zeigen zahlreiche Experimente – unmittelbare Gefahren oder Belohnungen höher bewertet als langfristige. Und das wird so bleiben. Aufgabe der Politik müsste es aber sein, vorauszublicken, und die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass das gewünschte Verhalten auch das für den Bürger unmittelbar vorteilhaftere ist. Dafür wird sie ja vom Volk bezahlt. Beispiel Verkehr: Schaffe ich es, den öffentlichen Nahverkehr so gut zu gestalten und den Individualverkehr so zu behindern, dass es für den Bürger feiner ist, auf die Öffis umzusteigen, dann tut er das. <BR /><BR /><b>Ist das der Kulturwandel, den Sie fordern?</b><BR />Hofmann: Dabei geht es auch noch um etwas anderes. Derzeit haben wir ein gesellschaftliches und ökonomisches System, dass den Egoismus verstärkt, in dem er ihn ins Zentrum stellt. Der Mensch hat aber auch eine altruistische Seite, und es ist eine Frage der Kultur, diese gesellschaftlich wieder zu etablieren. Wenn Altruismus gesellschaftlich anerkannt ist, dann treffen auch die einzelnen Menschen wieder Entscheidungen, die nicht nur ihnen, sondern auch anderen zugute kommen.<BR /><BR />ZUR PERSON<BR /><BR />David Hofmann, Neurowissenschaftler und Physiker, ist in Sterzing geboren, nach der Matura hat er in München und Göttingen studiert. Seine Doktorarbeit hat er am Max Planck Institut für Dynamik und Selbstorganisation geschrieben. Danach wechselte er als Postdoktorand für eine Forschungsarbeit an die Emory University /Atlanta/Giorgia).<BR /><BR /> Derzeit ist er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston und an der Stony Brook University in New York angestellt. Als Klimaaktivist ist er Mitbegründer von Climate Action South Tyrol, aktives Mitglied der Scientists for Future und Extinction Rebellion. Während seiner Zeit in den USA war er am Aufbau der Organisation und des Magazins Science for the People beteiligt.<BR />