„Wenn man Angehörige daheim pflegt, bringt das auch einige Schattenseiten mit sich“, berichtet Ulrich Seitz. Wie Ekel, oder Überforderung. Es gebe viele verschiedene Gründe. Oft hätten die Pflegenden an sich selbst hohe Ansprüche, oft seien auch die Erwartungen der Pflegebedürftigen sehr hoch. <BR /><BR />„Wir nehmen eine neue Tendenz wahr: Von rund 2000 Anrufe im Jahr, geht es bei 600 bis 800 um das Thema Gewalt in der Pflege. Vielfach handelt es sich dabei nicht um körperliche Gewalt, sondern um verbale Attacken“, schildert Seitz. Die physische Gewalt habe abgenommen. Zugenommen habe das Schimpfen, das verbale. Gerade in der häuslichen Pflege würde man oft Tag und Nacht zusammen sein, für beide Seiten gebe es keine Auszeiten. <BR /><BR /><embed id="dtext86-61452311_quote" /><BR /><BR />Gewalt in der häuslichen Pflege habe viele Gesichter, so der ASAA-Präsident. Sie werde von Pflegenden genauso ausgeübt wie von Gepflegten. <BR /><BR />Bei Pflegenden käme sie etwa zum Tragen, wenn es totale Überforderung gebe, oder Probleme in der Kommunikation. „Bei Demenz zum Beispiel verlieren die Angehörigen oft die Geduld. Die Demenzkranken leiden oft unter extremen Stimmungsschwankungen. Für die Pflegenden ist es schwierig, auf diese Situationen einzugehen.“ Stress, Ungeduld und Wut seien Nährboden für Gewalt. „Gewalt beginnt schon beim zu groben Anfassen, bei extra festem Kämmen oder zu kaltem Waschen.“ Zur psychischen Gewalt zähle auch unangemessenes Kommunizieren. „Manche Gepflegte kann etwa die Verwendung von kindlicher Sprache kränken. Oder dass Wünsche ignoriert werden, man die Gegenseite nicht zu Wort kommen lässt.“ Das, so Seitz, würde bedeuten, dass der Pflegende die Bedürfnisse des Gepflegten nicht ernst nehme. <BR /><BR /><embed id="dtext86-61452316_quote" /><BR /><BR />Aber auch bei den Gepflegten könne sehr viel Wut und Ärger entstehen. Sie könne zu verbalen Auseinandersetzungen oder physischer Gewalt führen. „In Alltagssituationen können die Gepflegten übergriffig werden, etwa beim Waschen.“ Das betreffe pflegende Angehörige genauso wie Pflegekräfte aus dem Ausland. „In den Kursen, die wir für ausländische Hilfskräfte veranstalten, erzählen sie immer wieder von Übergriffen, z. B. von Schlägen mit dem Gehstock oder dem Ausrutschen der Hand“, berichtet Seitz. Oder es kommt zu Anschuldigungen, die nicht immer wahr sind. „Geld verschwindet, man ist Opfer eines Diebstahls geworden.“ Das sei eine Unterstellung, die Familienangehörige oder Pflegekräfte verletze.<BR /><BR />Gibt es auch sexualisierte Gewalt in der Pflege? „Das ist ein absolutes Tabu“, sagt der ASAA-Präsident. Die Leute würden solche Vorkommnisse nur selten zur Anzeige bringen. „Einige bringen das aber in Selbsthilfegruppen zur Sprache.“ <BR /><BR /><embed id="dtext86-61452550_quote" /><BR /><BR />Wie kann man konkret bei gewalttätigen Vorfällen vorgehen? „Wenn das Thema über unsere Grüne Nummer angesprochen wird, versuchen wir die Situation vor Ort zu entschärfen. Wir bieten einen Hausbesuch an oder psychologischen Support“, erklärt der Präsident das Vorgehen bei der ASAA. Außerdem werde an das nähere Umfeld appelliert: „Bitte helft mit. Seid aufmerksam. Kommt öfter zu Besuchen vorbei.“<BR /><BR />Ist Gewalt in der Pflege auch ein Thema in den Seniorenheimen? Seitz geht davon aus. „Ich spreche nicht nur von physischer Gewalt. Man kann auch Gewalt empfinden, mit Vernachlässigung, mit schlechter Betreuung, mit Anschreien.“ Umso wichtiger sei eine konstante Schulung der Pflegekräfte, Auszeiten zu geben, über Fehler zu sprechen. Und natürlich könne man auch auf der Gegenseite zum Opfer werden. <BR /><BR />In der häuslichen Pflege hingegen gebe es keine Alternative, da sei man oft in der Situation gefangen. <BR /><BR />Die Grüne Nummer der ASAA ist täglich von Montag bis Sonntag von 7 Uhr bis 22 Uhr aktiv: <b>800 660 561</b>.<BR /><BR />