Montag, 16. August 2021

Taliban wollen auch andere an der Macht in Afghanistan beteiligen

In seiner ersten öffentlichen Pressekonferenz in Kabul schlägt der langjährige Taliban-Sprecher versöhnliche Töne an. Taliban-Vizechef Mullah Baradar kehrt nach Afghanistan zurück. Die Situation am Flughafen bleibt angespannt.

Der Sprecher der Taliban, Sabiullah Mudschahid, stimmte versöhnliche Töne an.
Der Sprecher der Taliban, Sabiullah Mudschahid, stimmte versöhnliche Töne an. - Foto: © APA/afp / HOSHANG HASHIMI
Die militant-islamistischen Taliban wollen auch weitere politische Kräfte an der Macht in Afghanistan beteiligen. Das sagte der langjährige Sprecher der Islamisten, Sabiullah Mudschahid, bei seiner ersten öffentlichen Pressekonferenz in Kabul am Dienstag.

„Wenn die Regierung gebildet ist, dann wird jeder einen Teil daran haben.“ Die Islamisten seien nicht für Macht hier, sondern um eine islamische Regierung aufzubauen. Der Taliban-Vizechef Mullah Baradar ist am Dienstag in Kandahar im Süden des Landes eingetroffen.

Nach ihrem rasanten Eroberungszug und der Flucht des Präsidenten Aschraf Ghani haben die Taliban am Sonntag faktisch die Macht im Land übernommen. Viele Afghanen befürchten nun eine Rückkehr der Schreckensherrschaft der Islamisten der 1990er-Jahre, während der etwa Frauen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen waren und die Vorstellungen der Islamisten mit barbarischen Strafen durchgesetzt wurden. Viele, die für die Regierung, Streitkräfte oder Ausländer tätig waren, haben auch Angst vor möglichen Racheaktionen der Islamisten.

Versöhnliche Töne der Taliban

Taliban-Sprecher Mudschahid schlug bei der Pressekonferenz weitere versöhnliche Töne an und versuchte derartige Bedenken offenbar zu zerstreuen. Die Taliban hätten mit niemandem Feindseligkeiten. Er versichere seinen Landsleuten, auch jenen, die in Opposition zu den Islamisten gestanden hätten, dass eine allgemeine Amnestie gelte. Diese umfasse auch ehemalige Übersetzer von ausländischen Streitkräften. Man habe auch alle Soldaten begnadigt, die in den vergangenen Jahren mit ihnen gekämpft hätten.

Mudschahid versicherte zudem, dass die Sicherheit von Botschaften und der Stadt Kabul gewährleistet sei. Niemandem würde in Afghanistan etwas passieren. Die Taliban setzten sich auch für die Rechte von Frauen im Rahmen der islamischen Scharia ein. Frauen könnten in den Bereichen Gesundheit, Bildung und anderen Bereichen tätig sein. Auch Medien sollten sich keine Sorgen machen. Sie müssten unparteiisch bleiben und Inhalte sollten nicht islamischen Werten entgegenstehen. Auf eine Frage nach dem Tod vieler unschuldiger Zivilisten sagte er, das sei ohne Absicht passiert.

Wie genau in Zukunft das Land geführt werden soll, wie eine Regierung aussehen wird, welchen Namen und Struktur sie haben soll, ist noch unbekannt. Laut Sprecher Mudschahid arbeitet die Taliban-Führung gerade „ernsthaft“ daran.

Am Dienstag landete der Taliban-Vizechef Mullah Baradar in Kandahar im Süden des Landes. Er ist der bislang höchstrangigste Vertreter der Islamisten, der offiziell in Afghanistan eingetroffen ist. Es ist unbekannt, wo sich der Taliban-Führer Haibatullah Achundsada befindet. Baradar soll Geheimdienstkreisen zufolge einen Posten ähnlich einem Ministerpräsidenten erhalten („Sadr-e Asam“) und allen Ministern vorstehen.

In Kabul haben die Islamisten am dritten Tag nach ihrer Machtübernahme immer mehr Behörden und Ministerien übernommen.

Im Video geht STOL-Reporter Ivo Zorzi kurz auf die Hintergründe dieser dramatischen Krise ein:

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dpa/stol