Sonntag, 30. Dezember 2018

Taucher plündern versunkene Schätze vor der Küste Albaniens

Lange waren Albaniens Küstengewässer kaum erforscht – nun sind sie ein Hotspot für Schatzsucher auf der Jagd nach versunkenen Schiffen. Unter kommunistischer Herrschaft war die 450 Kilometer lange Küste nur Archäologen und Soldaten zugänglich. Doch heute stehen die Gewässer jedem offen, eine Überwachung kann der arme Balkanstaat kaum finanzieren.

Die versunkenen Schiffe vor der Küste Albaniens locken neben Archäologen auch plünderer.
Die versunkenen Schiffe vor der Küste Albaniens locken neben Archäologen auch plünderer. - Foto: © APA/DPA

Davon werden neben Archäologen auch Plünderer angelockt, die ihre Funde auf dem Kunst- und Metallmarkt lukrativ verhökern. Der albanische Archäologe und Kunsthistoriker Neritan Ceka erinnert sich an seine Tauchgänge Anfang der 1980er Jahre: „Ich sah außergewöhnlichen Reichtum, Amphoren, Keramik, archäologische Objekte.“

Doch dann hätten europäische und albanische Tauchteams begonnen, „auf barbarische Art zu plündern“, berichtet Ceka. „Ein Großteil dieser Schätze, in einer Tiefe von 20 bis 30 Metern leicht zugänglich ohne spezielle Ausrüstung, ist heute fast vollständig und spurlos verschwunden.“

Römische Amphoren und Weltkriegsschiffe am Meeresboden

Seit 2006 fanden Expeditionen der US-Organisation RPM Nautical Foundation rund 40 Wracks entlang der Küste, darunter Schiffe aus dem siebenten Jahrhundert vor Christus und Marineschiffe aus den beiden Weltkriegen. Auch Hunderte Amphoren aus der Römerzeit liegen auf dem Meeresboden.

Wie viel davon bereits auf dem internationalen Kunsthandelsmarkt gelandet ist, können Experten kaum einschätzen. Weltweit werden dort rund 3,5 Milliarden Euro jährlich umgesetzt, sagt Auron Tare, Vorsitzender des Unesco-Beratungsgremiums für das Unterwasser-Kulturerbe. „Klar ist: Eine Schatzsuche unter Wasser kann große Gewinne einbringen“, sagt auch der Unterwasser-Archäologe Moikom Zeqo.

Schiffsinventar wurde zum Spottpreis weiterverkauft

2013 war Capuni bei der Entdeckung des ungarisch-kroatischen Dampfschiffes „Pozsony“ dabei, das 1916 vor Durres gesunken war. Vier Jahre später „sahen wir, dass fast nichts davon übrig war“. Ein ähnliches Schicksal ereilte das italienische Lazarettschiff „Po“, das 1941 vor Vlora von einem britischen Torpedo versenkt wurde.

Bei seiner Entdeckung war der algenbewachsene Schiffsrumpf intakt, doch seither verschwanden Glocke, Kompass, Telegraph, Licht und Geschirr. Zunächst für 5.000 Euro verkauft, erzielen manche Stücke bis zu 20mal so viel beim Wiederverkauf.

Schiffwracks sind Kulturdenkmäler per Gesetz

Durch ein neues Gesetz werden Schiffswracks inzwischen als Kulturdenkmäler eingestuft. Mithilfe von Interpol will die albanische Polizei gestohlene Kulturgüter aufspüren. Und Luan Perzhita vom Archäologischen Institut Albaniens würde gerne ein Unterwassermuseum bauen, das die Artefakte schützt und Touristen anlockt.

Doch 2018 wurden für Archäologie lediglich 30.000 Euro in den Staatshaushalt eingestellt. Albanien habe es nie vermocht, „die große Bedeutung zu verstehen, die dieser Reichtum für die Geschichte des Landes und die mediterrane Zivilisation darstellt“, sagt Perzhita.

apa/afp

stol