Der Fund der berühmtesten unter den heimischen Mumien, die mehr als 5200 Jahre alte Gletscherleiche des Ötzi, war die Initialzündung für ein völlig neues Forschungsgebiet, die Gletscherarchäologie. Vorangetrieben vor allem von 2 Zentren, die bereits in Sachen Ötzi maßgeblich beteiligt waren: Eurac Research, das Forschungszentrum in Bozen, und die Universität Innsbruck. <BR /><BR />Während die Südtiroler mittlerweile weltweit führend in der Mumienforschung sind, sind die Tiroler führend in der Feldforschung. Die beiden renommierten Institute arbeiten dabei intensiv zusammen. U.a. mit dem Universitätskurs zu „Mumien und Gletscherarchäologie“.<h3> Alleine am Ortler 4000 Mumien</h3>Doch welche Mumien findet man in unseren Bergen? Das beginnt bei hunderte von Jahre alten Murmeltieren, Gämsen und Steinböcken und geht über beispielsweise einen fast 100 Jahre verschollenen Wilderer, ein spannender Fall in Osttirol, bis hin zu Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg. Letztere werden vor allem im Ortlergebiet zu hunderten gefunden. <BR /><BR />„Das Klima öffnet für uns einen Tresor und diese spannenden Möglichkeiten müssen wir auf jeden Fall für uns nützen. Es wird noch einiges auftauchen“, sagt etwa Harald Stadler, Leiter des Instituts für Archäologie an der Universität Innsbruck. Stadler denkt dabei unweigerlich auch an den Ortler, wo Jahr für Jahr einiges gefunden wird: „Es gibt dort tolle Befunde. Die Südtiroler Kollegen erwarten aber noch etwa 4000 Mumien, die das Eis freigeben wird. Da ist noch einiges zu tun.“ Es sind laut Stadler nämlich im Ersten Weltkrieg viel mehr Soldaten durch Unfälle und Winterkatastrophen zu Tode gekommen als durch die eigentlichen Kampfhandlungen. Und diese Verschütteten tauchen nun immer öfter nach mehr als 100 Jahren im Eis wieder auf. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="952315_image" /></div> <BR /><BR />Das Besondere an alpinen Gletschermumien: Durch die speziellen Lagerungsbedingungen im Eis erhalten sich laut den Archäologen der Universität Innsbruck beinahe alle Materialien aus pflanzlichen Substanzen, wie Leinen, Baumwolle und Holz, ebenso wie Produkte tierischen Ursprungs aus Wolle, Seide, Haaren, Horn oder Leder bis hin zu kompletten tierischen Kadavern und menschlichen Individuen. Die Eisleichen bilden durch die Gefriertrocknung eine Art biologischen Tresor, der mit Hilfe moderner Ermittlungen geknackt werden kann.<BR /><BR /> Tirol und Südtirol zählen mit etwa 1000 Kleingletschern, davon etwa 800 in Tirol, zu den gletscherreichsten Gebieten der Erde. In Zukunft wird es dort noch viel zu entdecken geben.<?O_Zwischentitel><?_O_Zwischentitel> <h3> Die 400 Jahre alte Gämse aus dem Ahrntal</h3>Eine ganz besondere tierische Mumie wurde im Ahrntal entdeckt. Die mehr als 400 Jahre alte Gletschermumie einer Gämse. Sie spielt in der Forschung eine zentrale Rolle. Die Gämsenmumie wurde bei Eurac Research in Bozen penibel untersucht. Dabei wollte man im Detail herausfinden, wie der Prozess der Mumifizierung im Eis funktioniert.<BR /><BR /> Vor 4 Jahren wurde das Tier gefunden, das in jener Zeit durch die Südtiroler Berge streifte, als in Europa der Dreißigjährige Krieg wütete und holländische Entdecker die Siedlung Neu-Amsterdam in Amerika gründeten, das heutige New York City. Einem Alpinisten fiel 2019 bei einer Bergtour auf einem Eisfeld unterhalb des Turnerkamp auf rund 3000 Metern Höhe ein Tierkadaver auf. <BR /><BR />Der zuständige Jagdaufseher hatte den Verdacht, dass es sich um ein sehr altes Tier handeln könnte und meldete dies zum Glück den Forschern von Eurac Research. Diese bargen den wertvollen und sehr gut erhaltenen Fund gemeinsam mit Gebirgsjägern des italienischen Heeres und flogen ihn nach Bozen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="952399_image" /></div> <BR /><BR /> „Unser Ziel war es in der Folge, ein Konservierungsprotokoll auszuarbeiten, das für Gletschermumien weltweit gelten kann“, so Konservierungsexperte Marco Samadelli. Albert Zink, Leiter des Instituts für Mumienforschung von Eurac: „Es war das erste Mal, dass eine Tiermumie für solche Studien verwendet wurde.“ Zuvor war erst einmal eine Gämsenmumie in den Alpen gefunden worden. Dieses Tier aus der Schweiz ist aber wesentlich jünger, rund 150 Jahre alt.<h3> Der Wilderer ohne Kopf – war es Mord?</h3>Die berühmteste Gletscherleiche nach Ötzi ist in unseren Breitengraden zumindest in Forscherkreisen jene eines Wilderers. Der Innsbrucker Archäologe Harald Stadler erinnert sich an einen bis vor kurzem noch ungeklärten Fund aus dem Jahr 1929, der mit Polizeifotos belegt war und von Stadler Jahrzehnte später im Detail untersucht worden war.<BR /><BR /> In Osttirol am Gradetzkees in Kals auf 2700 Metern Höhe wurde laut Stadler eine männliche Leiche entdeckt. Der Kopf der Mumie fehlte jedoch. Gefunden wurden beim Toten ein Gewehr, das für die damalige Zeit ungewöhnlich modern war, ein Taschenmesser, ein paar Kugeln und Knöpfe. Die Polizei stand vor 100 Jahren vor einem Rätsel. „Um das Puzzle zusammenzusetzen, steckte besonders viel Recherchearbeit dahinter“, so Stadler. <BR /><BR />Der Forscher hat das Foto dann aber zum Sprechen gebracht. Zusammen mit den gefundenen Gegenständen erzählt es eine spannende Geschichte. „Im Jahr 1839 wurde Norbert Mattersberger aus Matrei in Osttirol als vermisst gemeldet, als er von einem Ausflug in die Berge um Gämsen zu jagen, nicht mehr zurückkehrte“, erzählt der Archäologe. Da Mattersberger als Knecht eigentlich nicht jagen durfte, ist von Wilderei auszugehen. <BR /><BR />Der Bergungstrupp von 1929 entdeckte zudem eine Taschenuhr aus Silber bei der Mumie. Laut den Recherchen von Stadler wurde diese Uhr 1839 von der Familie des Toten als Belohnung für denjenigen ausgesetzt, der den Vermissten findet. Mehrere Suchaktionen blieben damals allerdings erfolglos. Mattersberger wurde erst 100 Jahre später gefunden. <BR /><BR />Wie der Wilderer zu Tode kam, ist bis heute unbekannt. Die Leiche wurde vor 100 Jahren im Kalser Friedhof begraben und wurde nie rechtsmedizinisch untersucht. Möglicherweise war er in eine Gletscherspalte gefallen. Oder war es ein ungeahndeter Kriminalfall, ein Mord. Ein Jäger hatte jedenfalls Jahre nach dem Verschwinden von Norbert Mattersberger auf dem Totenbett den Mord eines Wilderers in den Bergen gestanden.<h3> Älteste Tiermumie Italiens ist ein Murmeltier</h3>Letztes Jahr haben die Mumienforscher von Eurac Research ebenfalls einen ganz besonderen Gast in ihren Labors untersucht: Ein 6600 Jahre altes mumifiziertes Murmeltier, das am Liskamm im Monte-Rosa-Massiv auf 4300 Metern Höhe entdeckt worden war. Im Südtiroler Forschungsinstitut wurde durch Radiokarbondatierung nachgewiesen, dass das Murmeltier aus der Jungsteinzeit stammt. Damit ist es die älteste Tiermumie Italiens. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="952318_image" /></div> <BR /><BR />Das Regionalmuseum für Naturwissenschaften der Autonomen Region Aostatal entschied frühzeitig, das Südtiroler Forschungszentrum als Mumienspezialisten einzubeziehen. Nach der Gletscherbergung wurde die Mumie in einen speziellen, von Eurac Research entwickelten Behälter gelegt, die den Fund schützt und optimal auf dem Weg ins Labor konserviert.