<b>Vermerken die Carabinieri auch in Bozen einen Anstieg der Telefonbetrügereien?</b><BR />Cataldo Rutigliano: Ja. Der Anstieg ist darauf zurückzuführen, dass sich das Phänomen im digitalen Zeitalter ständig weiterentwickelt. Die Täter wenden immer ausgefeiltere Methoden an, und damit wächst leider die Zahl der Opfer.<BR /><BR /><b>Wie funktionieren eigentlich Telefonbetrügereien?</b><BR />Rutigliano: In der Regel stecken hinter den Betrügereien kriminelle Organisationen, die gleichzeitig zehntausende Nachrichten versenden oder Hunderte von Anrufen an zahlreiche Telefonnummern tätigen, deren Daten sie aus verschiedenen Gründen besitzen. Wenn von 100 angerufenen Personen nur eine in die Falle tappt, ist das für sie bereits ein Erfolg.<BR /><BR /><b>Welche Betrugsmaschen sind derzeit in Bozen und in Südtirol am weitesten verbreitet?</b><BR />Rutigliano: Die Betrugsarten, die wir – insbesondere in letzter Zeit – am häufigsten vermerkt haben, beruhen auf Überredungskunst und psychologische Manipulation. Das ist die Grundlage vieler Betrügereien, die dann an unterschiedliche Situationen angepasst werden. Ein Beispiel sind falsche Angehörige der Sicherheitskräfte oder falsche Anwälte, die das Opfer anrufen. Sie gaukeln diesem vor, ein Angehöriger sei in einen Verkehrsunfall verwickelt oder auch festgenommen worden. Das Opfer wird dann dazu gebracht, eine Geldsumme zu zahlen, angeblich um dringend notwendige medizinische Hilfe oder rechtlichen Beistand zu leisten. Moderne Technologie sorgt dafür, dass diese Methoden immer überzeugender wirken. Es gibt Software-Programme, welche es ermögliche, dass am Display eine gefälschte und somit echt wirkende Telefonnummer aufscheint.<BR /><BR /><b>Das heißt, das Opfer erhält einen Anruf von einer Nummer, die es als die der Bank oder der Carabinieri-Kaserne erkennt, obwohl diese Nummer in Wirklichkeit gar nicht anruft?</b><BR />Rutigliano: Ja. Oft rufen die Opfer diese Nummer zurück, und tatsächlich antworten dann die Carabinieri-Kaserne oder die eigene Bank. Technisch ist es möglich, eine Telefonnummer zu fälschen und den Eindruck zu erwecken, der Anruf stamme von genau dieser Nummer.<BR /><BR /><b>Woher rufen die kriminellen Täter an – aus Italien oder aus dem Ausland?</b><BR />Rutigliano: Überwiegend aus Italien oder mit ausländischen Rufnummern, aber es handelt sich dennoch um Personen, die sich im Staatsgebiet aufhalten.<BR /><BR /><b>Wie kommen die Betrüger zu den Telefonnummern?</b><BR />Rutigliano: Der Lauf der Zeit bringt es mit sich, dass viele Informationen aus unterschiedlichsten Gründen im Internet verbreitet werden. Telefonnummern lassen sich relativ leicht mit verschiedenen Programmen und Recherchen im Netz finden. Manchmal sind es Nummern, die wir selbst preisgeben, indem wir bestimmte Dienste nutzen oder uns auf Plattformen registrieren – oft auch auf Kanälen, die nicht ganz seriös sind, etwa um etwas zu kaufen oder eine Webseite zu besuchen. Beim Anruf kennen die Täter oft nur die Nummer und wissen nicht, wer am anderen Ende ist und antwortet. Jeder, der – auch freiwillig – persönliche Daten ins Netz stellt, geht das Risiko ein, dass die Daten missbräuchlich oder sogar illegal verwendet werden.<BR /><BR /><b>Wer sind die bevorzugten Opfer der Kriminellen?</b><BR />Rutigliano: Die verletzlichsten Personen sind sicher überwiegend ältere Menschen, aber auch Personen, die sich in einer psychisch belastenden Situation befinden und daher besonders anfällig sind. Sie treffen weniger Vorsichtsmaßnahmen und lassen sich leicht dazu überreden, Geld zu überweisen oder persönliche Daten preiszugeben.<BR /><BR /><b>Natürlich verlangen die Carabinieri oder auch die Polizei am Telefon niemals Geld, oder?</b><BR />Rutigliano: Genau. Keine Sicherheitsbehörde, keine Bank, kein Notar und kein Anwalt fordert Geld per Telefon, über Links oder über Nachrichten an. Wer darüber informiert ist, wer das weiß, läuft deutlich weniger Gefahr, in die Falle zu tappen oder zumindest übereilt Geld zu überweisen. Es ist immer besser, aufzulegen und in Ruhe darüber nachzudenken, was gerade passiert ist.<BR /><BR /><b>Ist es hilfreich, wenn man das Gespräch abbricht und sofort die Carabinieri anruft?</b><BR />Rutigliano: Ja. Wenn jemand glaubt, betrogen worden zu sein, und uns unmittelbar danach anruft – oder auch dann, wenn er das Gespräch rechtzeitig beendet hat, bevor er Geld überwiesen oder Wertgegenstände übergeben hat –, ist das für uns sehr hilfreich. Wir können alle notwendigen Überprüfungen durchführen und das Opfer entsprechend auch beruhigen. Denn oft zweifeln die Betroffenen in der Aufregung und denken: „Vielleicht stimmt ja doch, was mir am Telefon gesagt wurde.“ Wir können auch überprüfen, ob ein Angehöriger tatsächlich festgenommen wurde oder in Lebensgefahr schwebt.<BR /><BR /><b>Wenn man einen Anruf erhält und erkennt, dass es sich um einen Betrug handelt, nach wenigen Sekunden auflegt und die Carabinieri anruft: Können Sie die Nummer zurückverfolgen?</b><BR />Rutigliano: Manchmal ja, manchmal nein. Oft handelt es sich um speziell generierte Nummern, die mit frei verfügbaren Programmen erstellt wurden. In solchen Fällen führt keine Spur zum Täter. In anderen Fällen hingegen handelt es sich um reale Telefonnummern und wir können Ermittlungen zu dieser Nummer aufnehmen – auch, wenn diese dann meistens sehr komplex sind.<BR /><BR /><b>Welche Geldsummen stehen im Falle eines Betrugs auf dem Spiel?</b><BR />Rutigliano: Die Beträge reichen von einigen Hundert Euro bis zu mehreren Hunderttausend Euro. Wir hatten auch Betrugsfälle über 150.000 Euro, oft in mehreren Teilüberweisungen. Es kann vorkommen, dass an einem einzigen Tag zwei oder drei Überweisungen über jeweils 50.000, 60.000 oder 70.000 Euro getätigt werden. Leider kann ich bestätigen, dass wir auch hier entsprechende Anzeigen verzeichnet haben. Es handelt sich um sehr gravierende Fälle, da oft das Ersparte eines ganzen Lebens betroffen ist. Manchmal kommen Menschen zu uns, die bei Pensionseintritt ihre Abfertigung erhalten haben und dazu Geld gespart haben. All das wird durch einen Anruf einer fremden Person, die sich als jemand anderes ausgibt, zunichtegemacht.<BR /><BR /><b>Was passiert, wenn zum Beispiel ältere Personen sagen, sie seien nicht in der Lage, von zu Hause aus eine Online-Überweisung durchzuführen?</b><BR />Rutigliano: In diesen Fällen werden die Opfer oft telefonisch aufgefordert, sich dringend zu ihrer Bankfiliale oder zu einem Postamt zu begeben, um Überweisungen zu tätigen – manchmal auch in beträchtlicher Höhe, über 100.000 Euro. Das Opfer geht dann zur Bank und besteht gegenüber dem Bankangestellten darauf, eine bestimmte Überweisung auszuführen, weil die Kriminellen enormen Druck, vor allem Zeitdruck aufgebaut haben.<BR /><BR /><b>Ist es für Sie schwierig, das Geld zurückzuholen, wenn jemand Opfer eines Betrugs geworden ist?</b><BR />Rutigliano: Ja, das ist schwierig, weil heute Überweisungen in Echtzeit möglich sind. Früher dauerte eine Banküberweisung mehrere Tage, und wenn wir rechtzeitig informiert wurden, konnten wir eingreifen und die Überweisung stoppen. Bei diesen Betrügereien wird jedoch starker psychologischer Druck auf das Opfer ausgeübt, es wird zu sofortigen Überweisungen gedrängt. Das Geld wird anschließend auf andere Konten – oft auch ins Ausland – weitergeleitet, was die Rückverfolgung erschwert. Hinzu kommt, dass viele Opfer erst Stunden später oder sogar erst am nächsten Tag Anzeige erstatten.<BR /><BR /><b>Welche Warnsignale sollte man bei Anrufen beachten?</b><BR />Rutigliano: Wenn persönliche oder finanzielle Informationen verlangt werden oder wenn Dringlichkeit, medizinische Notfälle, gesundheitliche Probleme oder rechtliche Schwierigkeiten vorgetäuscht werden.<BR /><BR /><b>Was soll man tun, wenn man solche Anrufe erhält?</b><BR />Rutigliano: Das Gespräch sofort beenden, die Sicherheitskräfte kontaktieren und – falls es einen Schaden gibt – sich bei den Carabinieri melden und Anzeige erstatten.