Die Szene spielte sich unweit der Ortschaft Vodo di Cadore ab. Der Junge war nach dem Unterricht auf dem Weg nach Hause und wollte wie gewohnt die Linie 30 des regionalen „Dolomiti Bus“ nutzen. Doch die Fahrt endete für den Jungen abrupt, als der Busfahrer das neue Pauschalticket einforderte: zehn Euro – ein Betrag, den der Schüler nicht dabei hatte. <BR /><BR />Ohne jede Nachsicht oder das Angebot eines ermäßigten Tarifs verwies der Fahrer den Schüler des Busses und fuhr davon. Zurück blieb ein frierender Elfjähriger – allein, auf einer verschneiten Landstraße, mehrere Kilometer von zu Hause entfernt.<h3> „Er war völlig am Ende“</h3>Seine Eltern fanden ihn erst später vollkommen unterkühlt: zitternd, mit blauen Lippen und in einem besorgniserregenden Zustand. „Er war völlig am Ende“, berichtete seine Mutter. Seit dem Vorfall weigert sich der Junge, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Die Eltern bringen ihn seither täglich mit dem Auto zur Schule.<BR /><BR />Hintergrund des Ganzen ist ein Tarifexperiment im Zuge der Vorbereitungen für die Olympischen Winterspiele 2026. Auf der Strecke zwischen Calalzo und Cortina wurde ein Einheitspreis von zehn Euro eingeführt – unabhängig von der tatsächlichen Distanz. Nach dem Vorfall und der heftigen öffentlichen Kritik ruderte die Provinz Belluno rasch zurück und setzte das umstrittene „Olympia-Ticket“ vorerst aus. Man kehrte zum kilometerbasierten Tarif zurück, um sicherzustellen, dass Einheimische und Schüler nicht für den touristischen Ausbau „bestraft“ werden.<h3> „Machen wir Witze?“</h3>Auch die Parlamentsabgeordnete Elisabetta Piccolotti von der Alleanza Verdi e Sinistra (AVS) äußerte sich zu dem Vorfall: „Was geschehen ist, ist äußerst schwerwiegend und inakzeptabel. Machen wir Witze? Einen Minderjährigen unter solchen Bedingungen zurückzulassen, ist nicht nur unmenschlich, sondern auch äußerst gefährlich. Maßnahmen im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen dürfen in keiner Weise auf die Sicherheit der Menschen und insbesondere der Kinder abgewälzt werden. Wir haben eine parlamentarische Anfrage an Bildungsminister Giuseppe Valditara eingebracht und halten ein rasches Eingreifen für dringend notwendig, damit sich solche Vorfälle nicht wiederholen und geprüft wird, ob Mittel für einen kostenlosen Schülertransport bereitgestellt werden können. Das Recht auf Bildung der Schülerinnen und Schüler“, so Piccolotti abschließend, „muss jederzeit gewährleistet sein.“<h3> Fahrer: „Stand unter Druck“</h3>Nach eingereichter Strafanzeige und medialer Empörung kam es nun zu einer unerwarteten Wende. In einem vertraulichen Gespräch trafen sich die Eltern des Jungen mit dem betroffenen Fahrer, Salvatore Russotto. Der Fahrer schilderte seine Sicht der Dinge: Er habe sich an jenem Tag durch aggressive Fahrgäste stark unter Druck gesetzt gefühlt und die Situation mit dem Jungen falsch eingeschätzt. Er betonte, das Kind nicht aktiv zum Aussteigen aufgefordert zu haben, räumte aber ein, in der Kommunikation schwerwiegende Fehler gemacht zu haben.<BR /><BR />Die Eltern zeigten sich nach dem Gespräch versöhnlich. Sie hätten gespürt, dass der Fahrer aufrichtig bereue, was geschehen sei. „Wir haben seine Situation verstanden“, sagte der Vater im Anschluss. Die Familie bat die Öffentlichkeit eindringlich darum, von weiterer medialer Hetze gegen den Mann abzusehen. Für sie sei die Angelegenheit menschlich geklärt.<BR /><BR />Trotz der Versöhnung bleibt die berufliche Zukunft von Salvatore Russotto ungewiss. Er ist weiterhin vom Dienst suspendiert. Die Busgesellschaft prüft in einer internen Untersuchung, ob er seine Aufsichtspflicht gegenüber einem Minderjährigen verletzt hat. In Italien gelten in solchen Fällen strenge Vorschriften, und auch wenn das Kind nun wohlauf ist und die Familie ihren Frieden gefunden hat, droht dem Fahrer weiterhin die Kündigung.<h3> Gute Nachricht für Riccardo</h3>Für Riccardo hingegen nahm die Geschichte einen weitaus erfreulicheren Verlauf: Nach den turbulenten Ereignissen erreichte ihn eine besondere Nachricht von niemanden geringeren als Giovanni Malagò. Der Vorsitzende der Stiftung für die Olympischen Winterspiele 2026 lud den Jungen als Geste der Wiedergutmachung nicht nur zur Eröffnungsfeier von Mailand–Cortina ein, sondern bot ihm zudem eine aktive Rolle im Rahmen der Zeremonie an. Für den ambitionierten Nachwuchs-Skifahrer, der von einer olympischen Zukunft träumt, nimmt die bittere Erfahrung mit diesem besonderen Geschenk eine glückliche Wendung.