Freitag, 11. August 2017

Tiefenthaler: „Das ist ein Katastrophenjahr“

Im Winter die Trockenheit, im Frühjahr der Frost und nun der Hagel – Südtirols Obst- und Weinbauern durchleben ein extremes Jahr. Kurz vor der Ernte ist die Stimmung schlecht unter den Landwirten. Ein Gespräch mit Leo Tiefenthaler, Landesobmann des Südtiroler Bauernbunds.

Ab in die Saftpresse. Zwischen 4000 und 5000 Hektar Obst und Wein sind vom Hagel betroffen. - Foto: Michl Kofler
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Ab in die Saftpresse. Zwischen 4000 und 5000 Hektar Obst und Wein sind vom Hagel betroffen. - Foto: Michl Kofler

Südtirol Online: Herr Tiefenthaler, der Hagel der vergangenen Tagen traf die Landwirtschaft besonders hart. Wie ist die Stimmung unter den Bauern?

Leo Tiefenthaler: Momentan schlecht. Wir erleben ein extremes Witterungsjahr. Das hat im Winter bereits mit der Trockenheit angefangen, im Frühjahr kam dann der Frost und jetzt haben wir großflächige Hagelschäden. Wir können bereits jetzt von einem Katastrophenjahr sprechen. So etwas gab es seit etlichen Jahren nicht mehr.

STOL: Welche Gegenden sind am schwersten betroffen?

Tiefenthaler: Vor zwei Wochen hat es bereits 2000 Hektar Obst im Vinschgau verhagelt, in den vergangenen Tagen hat es dann das Unterland getroffen, am Freitag entstanden außerdem in Bozen und Umgebung, im Eisacktal und in Teilen des Burggrafenamts große Schäden. Vor allem in jenen Anlagen, die keine Hagelnetze haben. Insgesamt dürften zwischen 4000 und 5000 Hektar betroffen sein.

STOL: Bedeutet in Euro?

Tiefenthaler: Das kann man noch nicht sagen, die Schätzungen beginnen jetzt. Und wir kennen auch die Auszahlungspreise noch nicht. Erst dann können wir eine endgültige Schadensschätzung vornehmen.

STOL: Das Tagblatt „Dolomiten“ schreibt heute, dass der Apfelpreis aufgrund der geringeren Erntemenge anziehen wird.

Tiefenthaler: Das stimmt. Der Frost im April und Mai bewirkte auch in Polen, Tschechien und anderen östlichen Ländern massive Ausfälle. Momentan läuft die Prognosfruit (das europäische Ernteschätzkolloquium Anm. d. R.). In den nächsten Tagen werden wir also wissen, wie die Ernte in Europa ausfällt. Es wird aber sicher eine Minimalernte werden.

STOL: Werden Landwirte, die von den Schäden verschont blieben, von den Ernteausfällen profitieren?

Tiefenthaler: Zum Teil. Aber ganz ehrlich, das Außen-Image leidet durch die Ausfälle und das betrifft alle. Denn wenn ein Einkäufer nach Südtirol kommt und weiß, die Hälfte der Ernte ist verhagelt, dann versucht er vielleicht, den Preis zu drücken. Ich glaube, dass auch jene Bauern, die über eine gute Qualität verfügen, mehr Schaden als Nutzen haben werden.

STOL: Sind die Schäden für Apfel und Wein gleich schlimm?

Tiefenthaler: Die Situation unterscheidet sich etwas, im Apfelanbau gibt es Schäden zwischen schätzungsweise 20 Prozent und 100 Prozent. In manchen Zonen muss man von einem Totalausfall ausgehen, etwa zwischen Neumarkt und Laag oder bei Kurtinig. Auch im Eisacktal. Beim Wein sind die direkten Schäden zunächst etwas geringer, allerdings können später Sekundärschäden auftreten.

STOL: Sekundärschäden?

Tiefenthaler: Die Trauben sind aufgeschlagen und beinhalten aufgrund der fortgeschrittenen Reife schon sehr viel Zucker, für die Kirschessigfliege oder die Essigfliege ist das ein gefundenes Fressen. Aber auch der Botrytis-Pilz, der bei geschädigten Beeren auftreten kann, stellt eine Gefahr für die Ernte dar.

Auch beim Wein befürchten wir Ernteausfälle zwischen 20 Prozent und 60 Prozent. Vor allem die Gegend um Montan ist ziemlich betroffen. Wir hoffen auf trockenes Wetter, damit die Wunden eintrocknen.

STOL: Wie sieht es mit dem Hagelschutz aus, greift mittlerweile jeder Landwirt auf die Netze zurück?

Tiefenthaler: Nein. Südtirolweit sind knapp über 30 Prozent der Flächen mit Hagelnetzen abgedeckt.

STOL: Und warum will der Rest nicht?

Tiefenthaler: Weil es etwa im Vinschgau oder Eisacktal eher wenig hagelt. Wo es mehr hagelt, wie im Unterland oder bei Meran, befinden sich bereits 50 Prozent der Flächen unter Hagelnetzen. Nach den Erfahrungen dieses Sommers werden noch mehr Landwirte darauf zurückgreifen.

STOL: Haben die Netze in den vergangenen Tagen überhaupt noch genutzt?

Tiefenthaler: Und ob! Das Hagelnetz ist die einzige Methode zum aktiven Hagelschutz.

STOL: Wie geht es nun bei den betroffenen Landwirten weiter?

Tiefenthaler: Die melden innerhalb von drei Tagen ihre Schäden der Versicherung. Die Versicherer schicken dann ihre Schadenschätzer zu den Bauern. Das geht relativ zügig.

STOL: Was wird aus den Äpfeln mit Macken: Saft und Strudel?

Tiefenthaler: Strudel keiner, da dürfen die Äpfel keine Macken haben. Die reifen Gala werden zu Industrieobst, zu Saft oder Konzentrat verarbeitet. Bei den anderen Sorten müssen wir abwarten, wie sich das Wetter entwickelt. Bleibt es regnerisch bei warmen Temperaturen, dann könnten die Äpfel auf den Bäumen zu faulen beginnen. Diese Äpfel kann man dann für gar nichts mehr verwenden.

Interview: Andrej Werth

stol