Donnerstag, 25. Januar 2018

Tod aus der Luft: Seilbahnunglück in Cavalese vor 20 Jahren

Die Gipfel der Dolomiten glitzern in der Sonne. Auf dem Friedhof des Trentiner Wintersport-Ortes Cavalese sind die Gedenksteine für die Opfer des Seilbahnunglücks vom 3. Februar 1998 klar erkennbar. Dort, wo die Gondel aufschlug, erinnert eine Gedenktafel an die Toten. Cavalese hat die große Katastrophe, eines der größten Seilbahnunglücke in der Geschichte, vor 20 Jahren nicht vergessen.

Das tragische Seilbahnunglück in Cavalese jährt sich zum 20. Mal.
Das tragische Seilbahnunglück in Cavalese jährt sich zum 20. Mal.

Ein US-Militärjet kappte im Tiefflug das Kabel einer Seilbahn, die Cavalese mit dem höher gelegenen Skiort Cermis verband. Mit dem Seitenleitwerk des Flugzeugs wurde das Tragseil der talwärts fahrenden Kabine durchtrennt. Diese stürzte ab und bohrte sich nur unweit der Talstation in hart gefrorenen Wiesenboden.

20 Tote

20 Gondel-Insassen wurden in den Tod gerissen. Unter den Opfern waren auch ein 37-jähriger Wiener und eine gebürtige Innsbruckerin, die in Brixen lebte. Ein weiteres Todesopfer stammte aus München, lebte aber zuletzt in Wien. Die anderen Opfer kamen aus Deutschland, Belgien, Polen, Italien und den Niederlanden.

Durch die Wucht des Aufpralls zerschellte die Gondel völlig. Nur mit Schweißgeräten gelang es den Hilfstrupps, die Opfer nach stundenlanger Arbeit aus den Trümmern herauszuholen. US-Präsident Bill Clinton sprach von einer „entsetzlichen menschlichen Tragödie“. Das US-Aufklärungsflugzeug vom Typ EA-6B „Prowler“ – es wurde im Rahmen der SFOR-Friedenstruppe in Bosnien eingesetzt – hatte sich auf einer Übungstour befunden. Die Maschine, von der Teile am Katastrophenort sichergestellt wurden, war mit beschädigtem Heck zum Stützpunkt in Aviano in Friaul zurückgekehrt.

Die ganze Wahrheit ist bis heute nicht bekannt

Der Pilot der Todesmaschine, Richard Ashby, soll zwar Fehler bei dem Übungsflug eingeräumt haben. Dass er eine Mutprobe veranstaltet, aus Spaß und Übermut gehandelt habe, wie vermutet wurde, wies er jedoch stets energisch zurück. Ein Militärgericht in den USA sprach den Piloten vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei, was heftigen Protest in Italien auslöste. Die „New York Times“ enthüllte, die im italienischen Aviano stationierten US-Flieger würden weiterhin mit Karten arbeiten, in denen die Seilbahn nicht eingezeichnet sei. Das Fehlen der Seilbahn auf den Karten war ein entscheidender Aspekt beim Freispruch des Unglückspiloten.

Gefängnisstrafen

Wegen Justizbehinderung wurde Ashby 1999 zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Er und der Navigator Joseph Schweitzer wurden unehrenhaft aus der Marine entlassen, weil sie ein Videoband von dem Unglücksflug zerstört hatten. Die Hinterbliebenen der Opfer erhielten Schadenersatz in Höhe von jeweils knapp zwei Millionen Dollar. Die Seilbahn, deren Trasse waagrecht das Tal querte, wurde durch eine moderne Kabinenumlaufbahn ersetzt. Kritik kam auf, weil die Tourismuswirtschaft auf den sofortigen Bau einer neuen Aufstiegsanlage gedrängt hatte.

Das Seilbahnunglück von Cavalese vor 20 Jahren öffnete eine weitere Wunde für die Bevölkerung der 4.000 Seelen-Gemeinde. Ein Unfall hatte sich in dem Skigebiet an derselben Seilbahn 1976 ereignet. Damals war ein Tragseil gerissen. Bei dem bis dahin schwersten Seilbahnunglück in Europa mussten 42 Menschen ihr Leben lassen. Nur eine damals 14-jährige Mailänderin überlebte das Unglück. Für die Tragödie wurde der Maschinist der Seilbahn verantwortlich gemacht und verurteilt.

apa/stol

stol