Mittwoch, 27. Dezember 2017

Todesfalle Wohnungsbrand: Wie kann ich (mein) Leben retten?

Zwei Wohnungsbrände, zwei Tote: Im Dezember hatte es diese Schreckensmeldung in sich. Beide Male brach das Feuer in der Wohnung der Opfer aus, beide starben am Rauch. Grund genug, um bei der Berufsfeuerwehr nachzufragen, wie solche Unglück an besten verhindert und im Notfall Leben gerettet werden können.

Was tun bei einem Wohnungsbrand?
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Was tun bei einem Wohnungsbrand? - Foto: © shutterstock

Es war in der Nacht auf 9. Dezember, als der Brand in ihrer Wohnung in Leifers der 77-jährigen Hedwig Gamper zum Verhängnis wurde (STOL hat berichtet). Dann in der Nacht auf den heutigen 27. Dezember die nächste Schreckensmeldung. Der 71-jährige, bettlägrige Vittorio Abericci starb beim Brand in seiner Wohnung in Bozen (STOL hart berichtet).

Südtirol Online: Zwei Todesfälle bei Wohnungsbränden binnen kürzester Zeit erschüttern Südtirol. Stellt sich die Frage: Wie oft kommt es zu Brandfällen mit solch tragischem Ausgang?

Christian Auer, Hauptbrandinspektor bei der Berufsfeuerwehr Bozen: Es passiert relativ selten und es kann kein Anstieg verzeichnet werden. Ich bin seit Ewigkeiten bei der Feuerwehr und hatte Gott sei Dank nur wenige Fälle.

STOL: Und doch gab es gleich zwei Tote allein im Dezember - woran sterben die Opfer?

Auer: Grundsätzlich ist nicht das Feuer das Problem. Das Problem ist der Rauch. Er bildet sich schnell und die Letalität durch den Rauch ist hoch. Man stirbt also eher am Rauch, als durch das Feuer. Das heißt, man kann sich keine 5 Minuten dort bewegen, wenn der Raum einmal voll Rauch ist. Man hat nicht mehr den nötigen Sauerstoff, um zu atmen. Es ist wie in Abnoe im Wasser. Ich weiß ja nicht, wie lange Sie die Luft anhalten können. Und wenn ich aufgeregt bin, brauche ich umso mehr Sauerstoff.

STOL: Zuletzt sind zwei Senioren zu Tode gekommen - wer ist denn von der Letalität (=Sterblichkeit, Tödlichkeit) am schnellsten betroffen?

Auer: Die Letalität und die Toleranz dem Rauchgas gegenüber ist bei Senioren und Kindern geringer als bei durchschnittlichen Erwachsenen. Zudem ist ein Kind viel schneller betroffen als ein Erwachsener.
In Sachen Beweglichkeit lässt sich ein Nachteil nicht generell auf das Alter herunterbrechen. Ich kenne Leute, die mit 70 Jahren rumspringen als wären sie 20 und umgekehrt. Wer allerdings bettlägrig ist, ist gefangen.

STOL: Bettlägrigkeit ist ein Grund – warum kommen die Leute nicht aus dem brennenden Haus?

Auer: Es gibt viele Gründe, warum ich nicht rauskomme. Einmal ist da die Sicht. Sie ist entscheidend dafür, wie ich mich fortbewegen kann. Wenn es in einem Raum zudem stockfinster ist - und ich mich möglicherweise nicht gut auskenne, wie in einem Hotelzimmer, wird es schon kritisch.

Daher ein Rat: Wenn man irgendwo in Urlaub fährt, sollte am sich zu Beginn auch nur einmal kurz den Fluchtweg anschauen. Denn es ist so: Generell geht man da raus, wo man reingeht. Das tun viele. Doch im Falle eines Brandes bekommt man dann ein Problem. Denn die Kapazität der flüchtenden Menschen ist auf alle Fluchtwege aufgeteilt und nicht auf einen einzigen. Auch in Diskotheken ist das fatal, wenn alle auf denselben Ausgang zusteuern.
Zudem sollte man immer auch nach Löschgeräten Ausschau halten. Feuerlöscher genügen für die Erstphase. Löschdecken kosten nicht viel und sind etwas Gescheides. 

STOL: Wie reagiere ich richtig, wenn ich im Inneren des Hauses einen Brand bemerke?

Auer: Also wir starten mit der Annahme, dass wir wissen, wo ein Fluchtweg ist. Erstens probieren wir also, ob wir flüchten können. Wenn das geht, können wir – nur in der Entstehungsphase eines Brandes – versuchen mit Löschmitteln zu löschen. Wenn es in einem Raum brennt – und wir die Türe dahin öffnen, dann heißt es in Deckung hinter der Tür gehen, denn die Flammen könnten ausbrechen.  Zudem befinden sie sich eher in Deckennähe. Daher sollte man geduckt agieren.

Dann kommen wir zur Kompartimentierung - sprich jedes Zimmer ist eine Art Abschnitt. Es gilt, den Brand einzusperren. Nicht damit er ausgeht, sondern damit sich Rauch und Flammen nicht ausbreiten und wir eine Chance haben rauszukommen.

Der Zeitpunkt der Alarmierung hängt von der jeweiligen Situation ab. Es gilt aber: Zuerst wird das Leben gerettet, erst dann alles andere.

STOL: Was tue ich, wenn ich im Flammenmeer gefangen bin, mein Fluchtweg versperrt ist?

Auer: Wenn ich die Möglichkeit habe und einen Raum mit Fenster, soll ich mich dort bemerkbar machen. Grundsätzlich ist es im Raum so, dass der obere Deckenteil stärker von Rauch betroffen. Daher sollte man sich in Bodennähe halten, wo mehr Luft ist. Um sich fortzubewegen sollte man über den Boden robben, wie es auch die Feuerwehr bei derlei Einsätzen tut. Sich ein Tuch über den Mund zu halten bringt nicht die Welt, das ist mehr psychologisch.

STOL: Was tue ich, wenn ich draußen bin und einen Brand bemerke?

Auer: Wenn ich sehe, dass Rauch aufgeht, soll ich alarmieren. Da mache ich nix falsch. Dann kann ich sehen, ob ich den Zugang oder die Zufahrt frei bekomme für den Einsatz der Rettungskräfte.
Es ist besser, Informationen zu geben und die Feuerwehr arbeiten zu lassen, als selbst zu versuchen einzuschreiten. Denn oft haben wir Schwierigkeiten einen Einsatz ordentlich aufzubauen. Dabei wüssten Anrainer den kürzesten Weg und den besten Zugang.

STOL: Eine genaue Anleitung der Rettungskräfte ist also wichtiger und auch lebensrettend?

Auer: Ja. Was für uns wichtig ist, ist dass wir genau eingewiesen werden. Oft suchen wir wie Wahnsinnige. Derjenige, der anruft, soll genaue Daten geben und sich dann auch auf Straße stellen und uns einweisen. Woher sollen wir wissen, wo die Nicolussistraße 7 Hinterhauszugang A ist?
Eine Hausnummer ist 10 mal 10 Zentimeter groß. Da lässt sich als Ortsangabe die „Bar Peter“ leichter finden, als eine Hausnummer.

STOL: Und die alles entscheidende Frage ist - was kann ich tun, dass es gar nicht zu einem Brand kommt?

Auer: Mein Appell: Vermeiden wir Mehrfachsteckdosen. Schon vom Anschauen her ist es da kritisch. Auch Halogenlampen können etwas anzünden, genauso offene Flammen wie Kerzen an Adventskränzen, natürlich Zigaretten und Aschenbecher. Meist kommt es aus Unachtsamkeit zu Bränden. Jeder meint, es passiert dem anderen und nicht sich selbst. 

Interview: Petra Kerschbaumer

stol