<b>Herr Fiung, warum fordert der Schulbeginn auch die Eltern als Paar?</b><BR />Toni Fiung: Mit der Schule kehrt ein dichterer Rhythmus im Familienalltag zurück. Termine müssen abgestimmt, Kinder begleitet und berufliche Verpflichtungen bewältigt werden. Unter diesem Druck zeigt sich, wie ein Paar mit Belastungen umgeht: Tragen beide den Alltag gemeinsam? Können sie sagen, wenn ihnen etwas zu viel wird? Oder fühlt sich eine oder einer allein verantwortlich? Auch die Unterstützung durch Großeltern oder anderen Personen kann sehr wichtig und hilfreich sein.<BR /><BR /><b>Woran entzünden sich Konflikte besonders oft?</b><BR />Fiung: Meist an Kleinigkeiten: Das Pausenbrot fehlt, ein Formular wurde nicht unterschrieben oder die Turnsachen liegen zu Hause. Vordergründig wird über das Vergessene gestritten. Dahinter steht oft eine grundsätzlichere Frage: „Warum muss ich immer an alles denken?“ Viele Konflikte entstehen, weil sich eine oder einer mit dem ständigen Mitdenken allein fühlt. Wer sich nicht gesehen fühlt, kämpft irgendwann um Anerkennung. Dann geht es kaum noch um das Schulheft. Es geht um das Gefühl, mit der Verantwortung allein zu sein.<BR /><BR /><b>Dabei spielt der sogenannte Mental Load eine Rolle?</b><BR />Fiung: Ja. Damit ist die unsichtbare Denkarbeit gemeint: Termine im Kopf behalten, Materialien besorgen, Betreuung organisieren und voraussehen, was als Nächstes gebraucht wird. Wenn ein Elternteil all dies im Blick behalten muss, während der andere auf Bitten und Anweisungen wartet, entsteht Überforderung. Auch das Erinnern, Delegieren und Kontrollieren kostet Kraft. Partnerschaftlich wird der Alltag erst, wenn beide Verantwortung übernehmen und nicht nur einzelne Aufträge erledigen.<BR /><BR /><b>Wie kann eine faire Aufteilung gelingen?</b><BR />Fiung: Paare sollten ganze Verantwortungsbereiche vereinbaren. Wer beispielsweise die Musikschule übernimmt, kümmert sich auch um Termine, Fahrten und das notwendige Material. So bleibt die Verantwortung nicht heimlich bei einem Elternteil. Hilfreich ist ein kurzer Wochenüberblick: Was steht an? Wer übernimmt was? Wo wird es eng? Fair bedeutet dabei nicht, dass beide immer exakt gleich viel leisten. Lebenssituationen und Belastbarkeit sind verschieden. Entscheidend ist, dass die Aufteilung gemeinsam und fair vereinbart wird und niemand dauerhaft über seine Grenzen gehen muss.<BR /><BR /><b>Was geschieht, wenn Eltern unterschiedliche Vorstellungen von Schule und Erziehung haben?</b><BR />Fiung: Der eine möchte das Kind stärker kontrollieren, die andere ihm mehr Selbstständigkeit zutrauen. Eine reagiert auf eine schlechte Note gelassen, während der andere sofort zusätzliche Übungen verlangt. Hinter beiden Haltungen kann eine Sorge um das Kind stehen. Schwierig wird es, wenn daraus Urteile oder Kritik werden: „Du bist zu streng“ oder „Bei dir darf das Kind alles.“ Solche Sätze greifen den Menschen an. Hilfreicher ist die Frage: „Was ist dir dabei besonders wichtig?“ Dann zeigt sich vielleicht, dass der eine das Kind schützen und der andere seine Eigenständigkeit fördern möchte. Eltern müssen nicht in jeder Frage dieselbe Meinung haben. Doch sie brauchen eine gemeinsame Haltung, die beide vertreten können.<BR /><BR /><b>Dürfen Kinder solche Meinungsverschiedenheiten miterleben?</b><BR />Fiung: Kinder erleben, dass ihre Eltern verschieden sind. Dabei lernen sie, dass man unterschiedlicher Meinung sein und dennoch verbunden bleiben kann. Belastend wird es, wenn ein Elternteil den anderen vor dem Kind abwertet oder das Kind zum Verbündeten macht: „Dein Vater versteht das nicht“ oder „Bei deiner Mutter darfst du ohnehin alles.“ Das bringt Kinder in einen Loyalitätskonflikt. Sie möchten beiden Eltern verbunden sein und sollten sich nicht für eine Seite entscheiden müssen.<BR /><BR /><b>Wie lässt sich Überforderung ansprechen, ohne einen neuen Streit auszulösen?</b><BR />Fiung: Möglichst bevor sich zu viel Frust angesammelt hat. Statt „Alles bleibt an mir hängen“ könnte jemand sagen: „Ich merke, dass mir die Organisation der Nachmittage zu viel wird. Ich brauche deine verlässliche Unterstützung.“ Auch Anerkennung verändert viel. Der Satz „Ich sehe, was du im Moment alles trägst“ löst noch kein praktisches Problem. Aber er berührt ein grundlegendes Bedürfnis: mit dem eigenen Einsatz wahrgenommen zu werden. Wer sich gesehen fühlt, muss weniger heftig darum kämpfen.<BR /><BR /><b>Werden Eltern im Schulalltag zu sehr zum Organisationsteam?</b><BR />Fiung: Diese Gefahr besteht. Wenn sich alle Gespräche nur noch um Termine, Hausaufgaben und Einkäufe drehen, begegnen sich zwei Menschen fast ausschließlich in ihren Funktionen. Sie bewältigen gemeinsam den Alltag, verlieren sich dabei aber als Paar aus den Augen. Deshalb braucht die Beziehung kleine Freiräume. Manchmal genügen zehn Minuten, in denen es nicht um die Kinder geht. Dann lautet die Frage nicht: „Wer fährt morgen?“, sondern: „Wie geht es dir eigentlich?“ Eine Berührung, ein freundlicher Blick oder ein ehrliches Dankeschön können daran erinnern: Du bist für mich mehr als der Mensch, mit dem ich unsere Familie organisiere.<BR /><BR /><b>Was raten Sie Eltern für die ersten Schulwochen?</b><BR />Fiung: Dass es ihnen gelingt, ihre Ansprüche etwas herunterschrauben und einander und ihren Kindern zu vertrauen. Nicht jeder Morgen wird ruhig verlaufen, nicht jede Aufgabe gerecht verteilt sein, und manches wird anders kommen als erwartet. Wichtiger als ein perfekt organisierter Alltag ist, miteinander im Gespräch zu bleiben: Wo verstehen wir uns? Was können wir verändern? Und wann finden wir einen Augenblick nur für uns? Kinder wünschen sich Eltern, die für sie da sind. Eltern wiederum brauchen eine Beziehung, in der auch sie sich als Paar gesehen, verstanden und getragen fühlen.