Freitag, 11. November 2016

Tote Säuglinge in Wallenfels: Mord oder Totschlag?

Vor einem Jahr waren die Leichen von acht Babys gefunden worden, im Haus der Mutter und des Vaters im oberfränkischen Wallenfels in Deutschland. Die heute 46-Jährige hat zugedrückt, wenn ihre Neugeborenen schrien. Vier dieser Kinder hätten, sagen die Rechtsmediziner, leben können.

In diesem Haus fanden die Kinder des Mannes aus erster Ehe acht tote Säuglinge.
In diesem Haus fanden die Kinder des Mannes aus erster Ehe acht tote Säuglinge. - Foto: © APA/AFP

Deshalb hat das Landgericht Coburg die Mutter wegen Totschlags zu 14 Jahren Haft verurteilt. Den Vater (56) sprachen die Richter frei. Die Staatsanwaltschaft hatte gefordert, dass die Frau wegen Mordes eine lebenslange Gefängnisstrafe bekommt und der Mann wegen Beihilfe zum Mord verurteilt wird. Die Behörde legte deshalb Revision ein. Der Fall geht jetzt an den Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe.

Erste Schwangerschaft erst bei Geburt bemerkt

Die Mutter hat insgesamt 13 Kinder bekommen. Zum Schluss tötet sie ihre Neugeborenen, wenn diese schrien. Die Frau hat nicht verhütet, nicht abgetrieben, die Säuglinge nicht in eine Babyklappe gelegt. Ihre erste Schwangerschaft, da war sie 18, bemerkte die Frau erst an dem Tag, an dem sie das Kind zur Welt brachte.

Der Babyleichenfund im Elternhaus war eine große Story für die Medien. „Horror-Mutter“, stand da zum Beispiel. Doch die Frau konnte auch bei ihrer Familie nicht auf Milde hoffen. Ihre eigene Mutter nannte sie vor Gericht eine „eiskalte Mörderin“ – und hatte Jahre zuvor entschieden, dass ihre Tochter sich sterilisieren lassen müsse. Mit deren Mann und Bruder beschloss sie das, über den Kopf der Frau hinweg. „Das“, sagte der Richter in seiner Urteilsbegründung, „kann eine Frau schon als Angriff auf ihre Integrität empfinden – und innerlich rebellieren.“

Kinder des Mannes aus erster Ehe fanden die 8 toten Säuglinge

Die beiden Töchter aus ihrer ersten Beziehung lebten nicht mehr bei der Frau in dem Familienhaus in Wallenfels. Mit dem Paar wohnten dort aber die drei kleineren gemeinsamen Kinder. Und die zwei erwachsenen Kinder des Mannes aus erster Ehe – die dort, in Kisten gepackt und Handtücher gewickelt, die acht toten Säuglinge fanden.

Der Vater dieser Babys will – wie seine zwei erwachsenen Kinder und die Schwiegermutter – nicht bemerkt haben, dass seine Frau achtmal schwanger gewesen ist, achtmal entbunden hat. Er sagte vor Gericht, er habe mehrmals pro Woche Sex gehabt mit seiner Frau. Die aber, und das sah am Ende auch das Gericht so, habe ihre Schwangerschaften verborgen, unter weiter Kleidung, im Dunkeln, beim Sex unter der Bettdecke.

Es kommt vor, dass Frauen nicht bewusst wird, dass sie schwanger sind. So sei es bei ihrem ersten Kind gewesen, ließ die Mutter ihren Anwalt zum Auftakt des Prozesses erklären. Gleich nach dem ersten Sex war sie schwanger, sagte sie dem Gutachter. Die nächsten Schwangerschaften verdrängte sie nicht. „Sie war erfahren“, sagte der Richter deshalb. „Sie wusste, wie es läuft.“

5 Kinder, 8 tote Säuglinge - und der Kinderwunsch

Dann kam das Jahr 2003. Da hatte sie schon fünf Kinder, drei mit ihrem zweiten Mann, und war der Sterilisation ausgewichen. Als sie wieder schwanger wurde, habe sie sich gefreut. Ihr Mann sei allerdings „ausgesprochen wütend“ geworden, habe eine Abtreibung verlangt, sagte sie über ihren Anwalt. Sie sei entsetzt gewesen, habe jeden Gedanken an die Schwangerschaft abgeblockt. Dieses und weitere sieben Male.
Als die Leichen auftauchen, ist die damals 45-Jährige nicht da. Sie ist mit ihrem neuen Freund in einer Pension. Der, sagte sie dem Gutachter, sei einfühlsam gewesen. Mit ihm habe sie sich noch ein Kind gewünscht.

apa/dpa

stol