Rund einen Monat ist es her, dass sich in der Innsbrucker Drogenszene mehrere Todesfälle ereignet haben. Eine erst 13-jährige Schülerin wurde in einer Wohnung im Stadtteil Wilten tot aufgefunden. Erst wenige Tage zuvor, war in derselben Wohnung ein etwa 18-jähriger Mann ums Leben gekommen. Auch ihre 16-jährige Freundin starb im gleichen Zeitraum in einer Wohnung im Nordtiroler Unterland.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1295109_image" /></div> <BR /><BR />In allen drei Fällen gehen Ermittler davon aus, dass Drogen eine Rolle gespielt haben könnten. Ein endgültiges Ergebnis der toxikologischen Untersuchungen steht jedoch noch aus.<BR /><BR />Immer mehr Details deuten unterdessen auf ein perfides Drogenmilieu hin, in dem Abhängigkeit gezielt als Mittel der Ausbeutung eingesetzt werde. Der Verdacht wiegt schwer: Ältere Männer würden traumatisierte Jugendliche abhängig machen, um sie in weiterer Folge sexuell zu missbrauchen.<h3> „Der Großteil dieser Mädchen ist schwer traumatisiert“</h3><b>Gerhard Jäger</b>, Leiter der Drogenberatungsstelle Z6 in Innsbruck, hat im Interview mit uns darüber gesprochen. <BR /><BR /><b>Was ist aktuell über das Drogenmilieu in Innsbruck und die Hintergründe der drei Todesfälle bekannt?</b><BR />Gerhard Jäger: Bei den drei Todesfällen handelt sich um zwei Mädchen und einen jungen Mann. Bei den Mädchen wissen wir, dass sie Teil einer größeren, untereinander gut vernetzten Gruppe im Alter von 12 bis 17 Jahren waren. Viele dieser Mädchen werden gezielt unter Drogen gesetzt, oft sogar erst abhängig gemacht, um sie dann von wesentlich älteren Männern zu missbrauchen. Dieses Problem ist uns schon länger bekannt; wir standen dazu bereits vor den Todesfällen mit der Polizei in Kontakt. Die Schwierigkeit ist, dass die Mädchen uns oder den Betreuerinnen zwar davon erzählen, aber oft keine Anzeige erstatten oder diese aus Angst wieder zurückziehen.<BR /><BR /><b>Aus Angst vor den Tätern?</b><BR /> Jäger: Genau. Sie werden bedroht. Zudem befürchten sie, dass ihnen der Zugang zu Substanzen abgeschnitten wird, wenn sie gegen das Milieu aussagen. Wir gehen davon aus, dass es sich hierbei um einen organisierten Missbrauchsring handelt.<BR /><BR /><b>Man hört auch, dass vorab Fotos verschickt wurden – leicht bekleidet oder nackt –, um sich so den Zugang zu Drogen zu „erkaufen“. Stimmt das</b>?<BR />Jäger: Ja, das ist leider oft der Anfang dieser Spirale.<BR /><BR /><b>Sie sprachen von einer Gruppe. Weiß man, wie groß diese ist?</b><BR />Jäger: Die Mädchen nennen kaum Namen, weshalb wir die genaue Zahl nicht kennen. Wir sind uns aber sicher, dass es kein Einzeltäter ist, sondern mehrere Beteiligte sind. <BR /><BR /><b>Eines der verstorbenen Mädchen war bei Ihnen in Behandlung?</b><BR />Jäger: Richtig. Ein Mädchen war bei uns in Beratung. Bei dem zweiten Mädchen haben wir lange versucht, sie zu erreichen, was uns leider nicht gelungen ist.<BR /><BR /><b>Wie schätzen Sie die Lage ein – besteht die Gefahr weiterer Todesfälle?</b><BR /> Jäger: Das ist unsere größte Sorge. Wir hatten befürchtet, dass es unmittelbar nach den Beerdigungen zu Nachfolge-Taten oder weiteren Zusammenbrüchen kommt, da die Jugendlichen eng befreundet waren. Das ist zum Glück bisher nicht passiert. Dennoch ist die Gefahr nicht gebannt, da ständig neue junge Mädchen in diese Szene nachrücken.<BR /><BR /><b>Für Außenstehende ist es schwer greifbar, wie 12-Jährige in so ein Milieu rutschen. Kommen diese Mädchen primär aus schwierigen Verhältnissen?</b><BR />Jäger: Der Großteil dieser Mädchen ist schwer traumatisiert, oft durch Gewalt- oder Missbrauchserfahrungen in der Kindheit oder psychische Erkrankungen. Diese Vulnerabilität machen sich andere zunutze. Oft werden sie zuerst von Mädchen angesprochen, die bereits in der Szene sind, und geraten so an die älteren Männer, die ihnen Drogen geben und sie sexuell gewalttätig ausbeuten.<BR /><BR /><b>Was können Sie in so einem Fall tun? Ihre Arbeit ist ja keine Strafverfolgung.</b><BR />Jäger: Wir sind Teil eines Netzwerks. Wir arbeiten eng mit dem Gewaltschutzzentrum der Klinik Innsbruck, Notschlafstellen wie dem Chill Out oder KIZ und verschiedenen Wohngruppen zusammen. Wir bieten Beratung an und versuchen, die Mädchen so zu stabilisieren, dass sie Hilfe annehmen können – auch in Kooperation mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie.<BR /><BR /><b>Ihr Fokus liegt also rein auf dem Opferschutz?</b><BR /> Jäger: Primär ja, aber wir versuchen auch, die Betroffenen oder deren Eltern zu ermutigen, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Wir bieten explizit Elternberatung an, da einige dieser Mädchen aus eigentlich funktionierenden Familien kommen und nicht nur aus sozialen Einrichtungen.<BR /><BR /><b>Kommt es häufig vor, dass Kinder mit 12 Jahren schon so tief im Drogensumpf stecken?</b><BR />Jäger: Es sind zum Glück Einzelfälle, aber die Entwicklung ist besorgniserregend schnell. Vor zwei Jahren waren wir schockiert über 14-Jährige, die intravenös konsumieren – heute sind wir bei 12-Jährigen.<BR /><BR /><b>Warum greifen Kinder zu so harten Mitteln?</b><BR />Jäger: Bei schweren Traumatisierungen ist der Schmerz oft permanent präsent. Bestimmte Substanzen bieten eine scheinbar „schnelle Hilfe“, um das Trauma kurzzeitig zu betäuben. Diese Jugendlichen konsumieren nicht aus Spaß oder für eine Party, sondern zur Selbstmedikation. Das Tragische ist, dass sie durch das Milieu erneut traumatisiert werden.<BR /><BR /><b>Also eine Abwärtsspirale. Wenn die Wirkung nachlässt, wird das Loch noch tiefer?</b><BR /> Jäger: Genau. Wenn man zum ersten Mal im Leben durch eine Substanz das Gefühl von Geborgenheit oder Schmerzfreiheit erfährt, ist das Risiko einer extrem schnellen Abhängigkeit enorm hoch.<BR /><BR /><b>Viele assoziieren Drogen mit Party und Spaß, aber hier geht es um Sedierung, richtig?</b><BR />Jäger: Richtig. Benzodiazepine nehmen die Angst, und Opioide vermitteln ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit, das diese Kinder oft gar nicht kennen. Im Allgemeinen ist die Jugend heute zwar „braver“ und konsumiert weniger Alkohol als früher, aber die kleine Gruppe derer, die konsumieren, tut dies wesentlich extremer und in viel jüngerem Alter. Früher hatte eine Beraterin vielleicht einen Fall von intravenösem Konsum bei Minderjährigen – heute sind es bis zu acht Fälle pro Beraterin.<BR /><BR /><b>Wie sieht Ihre konkrete Hilfe in diesen Fällen aus?</b><BR />Jäger: Wir leisten Aufklärung zu „Safer Use“ und bieten seit einem Jahr Spritzentausch an, um Infektionen wie Hepatitis C durch „Needle Sharing“ zu verhindern. Das Wichtigste ist jedoch, einen „Safe Space“ zu schaffen, in Beziehung zu treten und gemeinsam mit den Jugendlichen neue Strategien zur Problemlösung zu erarbeiten, um sie langfristig aus der Szene zu lösen.<BR /><BR />Auch in Südtirol, wird die Drogenszene immer jünger und die Wege zu Drogen immer einfacher, wie Patrizia Federer, Leiterin der Anlaufstelle Bahngleis 7, <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/alter-sinkt-konsum-steigt-suedtiroler-drogenszene-wird-immer-juenger" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">im Interview erklärt. </a>