<b>Kann der Kältetod schnell eintreten?</b><BR />Dr. Hermann Brugger: Das hängt von mehreren Faktoren ab, darunter die Außentemperatur – vor allem wenn es windig ist, steigt die Abkühlungsgeschwindigkeit. Die Abkühlung hängt aber auch davon ab, wie warm man angezogen ist, ob man ein normales Gewicht hat oder vielleicht untergewichtig ist und ob man sich bewegt. In Bewegung kann man potenziell tagelang der Kälte trotzen. Wenn jemand hingegen immobilisiert oder bewusstlos ist, kann es innerhalb weniger Stunden zu einer starken Unterkühlung kommen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="983650_image" /></div> <BR /><b><BR /> Unterkühlung und Erfrierung – ist das nicht dasselbe? </b><BR />Dr. Brugger: Wenn wir von Unterkühlung reden, meinen wir das Absinken der Temperatur im Körperinneren, die bei schwerer Unterkühlung auf weit unter 28 Grad Celsius sinken kann. Dann kann es zu Herzrhythmusstörungen und zum Kreislaufstillstand kommen. Mit Erfrierung ist hingegen die örtliche Erfrierung eines Körperteils, meistens sind es Gliedmaßen – Finger, Zehen, aber auch Ohren und Nase können betroffen sein. Dabei verengen sich die Blutgefäße, es entstehen Blutgerinnsel und das betroffene Gewebe stirbt ab. Solche Verletzungen sieht man in erster Linie bei Extrembergsteigern. In Südtirol kommt es nur sehr selten zu Erfrierungen. <BR /><BR /><b>Können eine Unterkühlung und eine Erfrierung zugleich auftreten? </b><BR />Dr. Brugger: Das kann sein und dadurch gestaltet sich die Behandlung ungemein schwerer. <BR /><BR /><b>Also werden Unterkühlung und Erfrierung nicht auf dieselbe Art behandelt? </b><BR />Dr. Brugger: Nein, eine Unterkühlung betrifft den ganzen Körper und man kann den abgekühlten Körper von außen aufwärmen oder im Fall eines Kreislaufstillstandes mit einer Herz-Lungen-Maschine behandeln – dabei wird über Katheter Blut dem Körper entnommen, mit Sauerstoff angereichert, erwärmt und wieder zurück in den Körper gepumpt. Bei der örtlichen Erfrierung von Gliedmaßen sollte man hingegen als Erstmaßnahme den betroffenen Körperteil in einem Warmwasserbad „auftauen“. Im Krankenhaus wird die Erfrierung dann mit gefäßerweiternden und gerinnungshemmenden Medikamenten behandelt. Gelingt eine frühzeitige Therapie und die betroffene Stelle muss nicht amputiert werden, bleiben nach der Behandlung keine sichtbaren Narben der Erfrierung. Allerdings leiden einige Betroffene dann unter einer stärkeren Kälteempfindlichkeit der betroffenen Stelle sowie unter neuropathischen Schmerzen – das sind extrem unangenehme Nervenschmerzen, die man nicht mit einfachen Schmerzmitteln behandeln kann. <BR /><BR /><b> Stellt Kälte für bestimmte Menschen eine größere Gefahr dar als für andere?</b><BR />Dr. Brugger: Besonders gefährdet sind kleine Kinder, wenn sie der Kälte bewegungslos ausgesetzt sind, etwa wenn sie in Tragegurten oder einem Rucksack stundenlang getragen werden. Das ist besonders riskant, weil bei kleinen Kindern meistens nicht nur einzelne Zehen oder Finger, sondern oft die ganze Hand oder der ganze Fuß betroffen sind und im Extremfall amputiert werden müssen. <BR /><BR /><b>Kann eine Erfrierung auch unbemerkt bleiben? </b><BR />Dr. Brugger: Das kann passieren, denn zu Beginn der Erfrierung reagieren die Schmerzrezeptoren an der betroffenen Körperstelle nicht mehr – man hat ein Taubheitsgefühl. Je nach Kälte- und Windexposition kann der Körperteil dann in sehr kurzer Zeit einen Erfrierungsgrad erreichen, der so tief in die Haut geht, dass eine Amputation nicht mehr abzuwenden ist.