<b>Von Miriam Roschatt</b><BR /><BR />Das neue Kinderzimmer von Paolo war bereits fertig eingerichtet. „Wir freuten uns so sehr auf das Leben in Lana“, erzählt die gelernte Bankkauffrau Claudine Kern, die sich vor drei Jahren nichts Schöneres vorstellen konnte, als mit ihren beiden Kindern Sofia (18) und Paolo (14) von München nach Südtirol zu ziehen. 2023 sollte es endlich so weit sein. Die Wohnung im Burggrafenamt war bezugsfertig, die Vorfreude riesig. <BR /><BR />Doch dann starb Paolo. Kurz vor dem Umzug. Ein aufgeweckter 14-jähriger Junge, der es nicht mehr erwarten konnte, in seine „Herzensheimat“ zu ziehen. „Mein Sohn war ein großer Südtirol-Fan. Am meisten freute er sich aufs Wandern und auf die leckeren Spinatknödel mit zerlassener brauner Butter, Parmesankäse und Krautsalat“, erinnert sich seine Mutter. Heute lebt sie mit einem Schicksal, das kein Elternteil je erleben möchte: dem Verlust des eigenen Kindes.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1331889_image" /></div> „Kurz vor seinem Tod sagte er noch, wir sollten den Umzug durchziehen – auch ohne ihn“, berichtet Claudine heute. Ein letzter Wunsch von Paolo, der tief wirkte. Weil er von einem Menschen kam, der wusste, dass seine Zeit begrenzt war – und der sich dennoch nichts sehnlicher wünschte als Glück und Freude für seine Liebsten. <h3> Zeit wird kostbar</h3>2016 erkrankte der damals Siebenjährige zum ersten Mal an einem aggressiven Gehirntumor. Für Paolo und seine Familie begann ein Kampf. Nach eineinhalb Jahren intensiver Chemotherapie geschah das Wunder. Paolo wurde gesund. Die Zeit, die dann begann, hätte nicht schöner sein können. Claudine lernte ihren jetzigen Mann Roland kennen, und die vier gingen zusammen auf Abenteuerreise. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1331847_image" /></div> <BR />Sie nutzten die Zeit bewusst, ohne zu wissen, dass Paolo jemals wieder erkranken würde, sammelten Erinnerungen statt Dinge, schenkten einander Zeit statt Aufschub. Paolo und Sofia sollten die Welt sehen und möglichst viele unbeschwerte Momente erleben. Immer wieder führte sie ihr Weg auch nach Südtirol, wo sie Kraft und Energie schöpfen konnten. In dieser Zeit reifte auch der Gedanke, auszuwandern. Paolo liebte alles an Südtirol. <BR /><BR />Am allerliebsten aber beobachtete er die Handwerker, die in den heimischen Gasthäusern ihr Mittagessen genossen, erinnert sich seine Mutter. „Ich möchte auch einmal ein Südtiroler Handwerker werden“, wünschte er sich. Doch dazu sollte es nicht kommen. Im November 2022 erhielt er nämlich die niederschmetternde Diagnose: erneuter Gehirntumor. Diesmal war keine Therapie mehr möglich. Paolo würden nur noch drei, höchstens vier Monate auf dieser Welt bleiben. Zu diesem Zeitpunkt war die Wohnung, die sich die Familie in Südtirol ausgesucht hatte, bereits fertig eingerichtet. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1331841_image" /></div> <BR />Am 16. März 2023 verlor der lebensfrohe Junge schließlich den Kampf gegen den Tumor. Er wurde nur 14 Jahre alt. Mama Claudine und Stiefpapa Roland hielten seine Hände, seiner Schwester Sofia gehörte sein letzter Atemzug. „Kein Mensch, der das nicht selbst erlebt, kann nachempfinden, wie sich dieser Verlust anfühlt“, spricht der unsagbare Schmerz aus der Seele von Claudine. Es folgten zwei Jahre Psychotherapie: „Jede Träne, die man nicht weint, stellt sich hinten an“, weiß sie heute. Für die 53-Jährige ist dieser Satz zu einem Leitspruch in der Trauerarbeit geworden. „Er bedeutet, dass Weinen nicht nur erlaubt, sondern notwendig ist – denn jede unterdrückte Träne kommt früher oder später zurück. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht dort, wo man sie erwartet, aber sie findet ihren Weg.“<BR /><BR />Deshalb sei es wichtig, dem Schmerz seinen Raum zu geben, statt ihn zu unterdrücken, möchte die gebürtige Bayerin ihre Gedanken mit allen teilen, die auch gerade einen lieben Menschen verloren haben.<h3> Kein Zurück mehr</h3>Einige Monate nach dem Tod ihres Sohnes zog Claudine 2023 mit Tochter Sofia nach Lana. Besonders hier, in Südtirol, fühlen sie sich Paolo ganz nah. Die Erinnerungen an ihn begegnen der Mutter im Alltag auf Schritt und Tritt. Etwa dann, wenn sie über den Bauernmarkt in Lana schlendert und den Geruch des frischen Gemüses einatmet, das Paolo so gerne mochte. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1331838_image" /></div> <BR />Da es der größte Wunsch ihres Sohnes war, dass sie das Leben in Südtirol – trotz Schicksalsschlag – genießt, gibt sie sich jeden Tag aufs Neue einen Ruck und versucht, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Südtirol hilft ihr dabei, auch wenn es nicht immer einfach ist. „Seit dem Tod meines Sohnes brauche ich viel Zeit für mich allein“, sagt sie. „Es fällt mir schwer, unter Menschen zu gehen. Die Südtiroler sind so herzenslieb, aber momentan kann ich ihnen diese Liebe noch nicht zurückgeben.“<h3> Kochen – Claudines Passion</h3>Was ihr im Alltag Halt und Kraft gibt, ist das Kochen. In ihrer Küche findet Claudine Ruhe – vor allem im Kopf. Gekocht wird saisonal, bodenständig und nach ayurvedischen Prinzipien. Durch die bewusste Auswahl von Lebensmitteln unterstützt sie das, was Körper und Geist mit 50 plus benötigen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1331835_image" /></div> <BR />Ihre Leidenschaft fürs Kochen zeigt die smarte Hobbyköchin seit Kurzem auch auf Instagram – mit Erfolg. Ihrem Profil „claudine_best.ager.spirit“ folgen mittlerweile über 12.500 Menschen, vorwiegend Frauen über 50. Diese Zielgruppe liegt ihr besonders am Herzen: „Ich wünsche mir, dass wir Frauen gerade in diesem Alter mehr Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit bekommen und uns mit unserem Körper, der Ernährung und unserem seelischen Wohlbefinden auseinandersetzen.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1331844_image" /></div> <BR />Claudine begeistert ihre Follower täglich mit einer Vielzahl an „Ü50-Routine-Tipps“, Motivationstipps sowie leckeren und gesunden Rezepten – von Matcha-Bananenkuchen über selbst gemachte Kräuterbutter bis hin zu nährender Knochenbrühe und klassischem Bircher Müsli. Auch Basics wie Bärlauchsalz, Hagebuttenpulver und Mandelmus gehören zu ihrem Repertoire. <BR /><BR />„Instagram ist für mich auch eine Art soziale Aktivität“, fügt sie hinzu. „Da ich seit dem Tod meines Sohnes zurückgezogen lebe, bedeutet es mir viel, dass mich online so viele Menschen begleiten und ich dort auf diese Weise mit ihnen in Austausch treten kann.“ <h3> „Sei dankbar“</h3>Es ist das Einfache, das Claudine Kern heute glücklich macht. In der Küche einen Tee aufgießen, frische Kartoffeln schälen, Videos aufnehmen oder über den Lananer Bauernmarkt schlendern. „Ich bin zufrieden mit meinem Leben“, sagt sie. Trotz allem. „Sei dankbar. Viele Menschen würden alles für deine schlechten Tage geben“ – das habe Paolo einmal zu ihr gesagt, so die Wahlsüdtirolerin. Ein Satz, der schwer wiegt. Aber einer, der sie immer wieder daran erinnert, wie wertvoll das Leben doch ist.