Nach einem langen Gespräch mit dem „Toulabauern“ auf seinem Hof wird verständlich, warum er trotz allem und mehrmals vom Glück in seinem Leben spricht. <b>von Waltraud Brugger</b><BR /><BR />Lebensfreude. Ja, Stabinger ist voller Lebensfreude. Er sitzt beim Gespräch im Rollstuhl am Küchentisch. Die Küche, das Haus, der Hof sind sauber und gepflegt. Diese Arbeiten verrichte er seit einiger Zeit selbst – und das auch gerne, sagt er. Und er erzählt auch aus seinem Leben und von seiner Arbeit am Hof im Rollstuhl, von seinem folgenschweren Unfall – und von seinem Glück.<BR /><BR /><b>Herr Stabinger, trotz Ihrer Einschränkung scheinen Sie ein Bauer aus Leidenschaft zu sein. Stimmt das?</b><BR />Reinhard Stabinger: Das stimmt zu 100 Prozent! Ein Leben ohne die Landwirtschaft kann ich mir nicht vorstellen. Alle Arbeiten, die ich im Rollstuhl verrichten kann, mache ich gerne. Dreimal täglich bin ich im Stall. Ich tränke die Kälber, füttere das Vieh, putze den Melkstand, und den Kühen pflege ich jetzt sogar die Klauen. Im Winter bin ich viel im Wald, um mit dem Bagger Holz zu spalten. Ja, man kann also schon sagen: Ich bin gerne Bauer, obwohl es für mich nicht immer leicht ist.<BR /><BR /><b>Und wer hilft Ihnen im Haus, am Feld und im Stall? Von Ihrer Frau leben Sie schon seit mehr als 10 Jahren getrennt …</b><BR />Stabinger: Ich habe das große Glück, dass mein Sohn Alexander bei mir wohnt. Er ist erst 19 Jahre alt und hat dieselbe oder vielleicht noch die größere Freude an der Landwirtschaft als ich. Schwerere Arbeiten muss ich ihm überlassen. Seit 2 Jahren machen wir alles alleine – mein Bub und ich. Wir fahren zusammen einkaufen, wir arbeiten im Haus und im Stall gemeinsam. Ich glaube, es ist besser, ohne Haushaltshilfe zu sein, denn sonst verrostet man doch nur. Mittlerweile kann ich auch kochen, natürlich mithilfe von Kochbüchern. Aber es geht. Natürlich bin ich langsam, weil ich eingeschränkt bin. Meine beiden Töchter erledigen auch einige Arbeiten im Haus, wenn sie zu Besuch da sind. Auch meine Schwestern helfen mit, etwa wenn wieder einmal gründlich geputzt werden muss.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1011585_image" /></div> <BR /><b>Seit wann und vor allem warum sind Sie im Rollstuhl? Können Sie davon erzählen?</b><BR />Stabinger: Es war 2016 an einem Dienstag. Ich hatte vormittags einen Termin beim Zahnarzt und wollte vorher noch die Stallarbeit beenden und im Stadel zusammenräumen. Auch einen Maisballen habe ich weggezogen. Hätte ich ihn doch nur dort liegen lassen, wo er war! So wie jeden Tag habe ich mit einem großen Rechen noch Heu hergezogen, um es beim Futterloch hinunterzuwerfen. Plötzlich hat sich das Eisen aus dem Stil des Rechens gelöst. Dadurch habe ich automatisch einen Schritt nach hinten gemacht und bin durch das Futterloch gestürzt.<BR /><BR /><b>Wie ging es dann weiter?</b><BR />Stabinger: Ich lag neben den Kühen und war bei Bewusstsein. Aber ich merkte sofort, dass es ein Sturz mit schlimmen Folgen war. Ich konnte mich nicht bewegen – und es gelang mir auch nicht, mein Handy aus der Tasche zu ziehen, um Hilfe zu holen. Ich wusste: Meine Hilferufe würde niemand hören. Die Kinder waren zu dieser Zeit in der Schule. Als nach einiger Zeit mein Handy läutete, gelang es mir irgendwie, abzunehmen und um Hilfe zu bitten. Danach ging alles ganz schnell. Feuerwehrmänner, Leute vom Dorf und schnell auch der Hubschrauber waren da. Dann habe ich das Bewusstsein verloren. Erst im Krankenhaus Bozen bin ich wieder aufgewacht. Ich wusste nicht, wie schlimm meine Verletzungen waren. Ich konnte zwar meine Zehen spüren, nicht aber die Beine. Es folgten mehrere Eingriffe, darunter eine 12-stündige Operation. Nach einigen Wochen musste ich nochmals 5 Stunden lang operiert werden. 4 Monate lag ich im Krankenhaus Bozen. Meine Gedanken drehten sich dauernd im Kreis: Würde ich jemals wieder gehen können? Wie sollte es zu Hause weitergehen? Ich konnte damals ja noch nicht einmal selbstständig essen!<BR /><BR /><b>Wer hat in dieser Zeit die Arbeit auf dem Bauernhof erledigt? Ihr Sohn war damals ja erst 11 Jahre alt.</b><BR />Stabinger: In diesen Monaten im Krankenhaus und auch danach, als ich im Therapiezentrum Bad Häring bei Kufstein war, hat das halbe Dorf von Niederdorf geholfen. Der Beistand war überwältigend! Freunde, Verwandte und Leute vom Dorf haben sämtliche Arbeiten verrichtet. Oft waren 20 Leute da, die geholfen haben. Ihnen allen bin ich zu großem Dank verpflichtet!<BR /><BR /><b>Wie erging es Ihnen nach dem Aufenthalt im Spital? Wie lange waren Sie in Bad Häring?</b><BR />Stabinger: Dort war ich 4 Monate. Ich bekam gute Therapien und musste viele Bewegungsabläufe üben, wie z. B. ins Bett hinein- und herauszusteigen, und ich lernte, mit Krücken zu gehen. Der Aufenthalt in Bad Häring hat mir nicht nur therapeutisch geholfen, er war auch eine gute Schule in menschlicher und psychologischer Hinsicht. Ich bekam viele wertvolle Tipps für mein tägliches Leben zu Hause, die mir wirklich sehr geholfen haben und immer noch helfen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1011588_image" /></div> <BR /><b>Wie ging es nach 8 Monaten Krankenhaus- und Reha-Aufenthalt zu Hause weiter?</b><BR />Stabinger: Es war ein Glück, dass ich zu Hause fast nichts umbauen musste. Alle Wohnräume und auch der Stall sind ebenerdig. So konnte ich mit dem Rollstuhl gleich alle Räume erreichen. Ich hatte eine Haushaltshilfe – und alle haben zusammengeholfen. Nach einem Jahr habe ich einen umgebauten Mähtrac gekauft, mit dem ich fast alle Felder mähen und das Gras wenden kann. Anfangs war das schwer, und ich wusste nicht, wie ich alles schaffen sollte. Aber zum Glück hat es mir an gutem Willen und Ehrgeiz nie gefehlt, und so bin ich mit der Zeit geschickter geworden. Einfach war es nicht. Das ist es bis heute nicht, aber ich muss es so annehmen, wie es ist. Ich kann ja noch von Glück reden, dass ich so davongekommen bin.<BR /><BR /><b>Sie haben trotz Ihrer Einschränkung eine sehr positive Lebenseinstellung. Hadern Sie dennoch mit Ihrem Schicksal?</b><BR />Stabinger: Manchmal schon. Es ist nicht alle Tage gleich. So wie früher ist es natürlich nicht mehr. Aber nun ist es eben so. Ich versuche, das Beste daraus zu machen. Die Arbeit lenkt mich ab.<BR /><BR /><b>Was von Ihrem früheren Leben vermissen Sie am meisten?</b><BR />Stabinger: Das Skifahren. Und die Arbeit mit der Motorsäge oder auch, auf einen Berg steigen zu können. Ich vermisse auch, dass ich nicht mehr auf die Alm zu meinem Vieh gehen kann.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1011591_image" /></div> <BR /><b>Sie wohnen etwas abseits von Niederdorf auf dem Berg. Wer fährt Sie ins Dorf für Einkäufe oder andere Erledigungen?</b><BR />Stabinger: Ich fahre selbst! 2018 habe ich den Führerschein gemacht und ein Auto gekauft. Im Auto ist ein kleiner Kran, der den Rollstuhl herein- und heraushebt. Nun gelingt es mir sogar, den Rollstuhl alleine auf- und abzuladen – ohne Kran. Ich fahre überall hin, ins Dorf, nach Lienz zu Viehversteigerungen oder nach Bozen, wenn ich etwas zu erledigen habe. Mit dem Auto bin ich doch etwas unabhängiger. Zudem habe ich seit einiger Zeit einen Allrad-Rollstuhl, mit dem ich im Freien fast überall hinkomme, sogar auf einen kleineren Berg. Auch durch 20 Zentimeter Schnee kann ich fahren!<BR /><BR /><b>Es ist schon erstaunlich, wie gut Sie den Alltag auf dem Hof meistern.</b><BR />Stabinger: Es ist jeden Tag eine große Herausforderung. Ich habe aber kein Selbstmitleid. Zum Glück habe ich meinen Sohn und meine Töchter, meine Geschwister und gute Freunde, die mir helfen. Ich glaube, dass ich mir auch eine gewisse Portion Humor erhalten habe oder, besser gesagt, wieder erlangen konnte. Das ist sehr wichtig.<BR /><BR />Ja, Humor ist hilfreich. Genauso wichtig ist Stabingers positive Einstellung zum Leben, sein Interesse an vielem und dass er es geschafft hat, sein Schicksal annehmen zu können.<BR /><BR />Was für ein Glück, dass Reinhard Stabinger trotz allem das Glas halbvoll sieht! Der „Toulabauer“ vom Niederdorfer Eggerberg ist trotz allem ein humorvoller Mensch geblieben, der immer einen Witz auf Lager hat. Bewundernswert!