Samstag, 17. November 2018

Tumoren im Mund: Südtiroler Rekord bereitet Sorgen

Südtirol ist italienweit trauriger Rekordhalter bei Tumoren im Mund- und Rachenraum. Hierzulande erkranken 30,8 Männer pro 100.000 Einwohner an einem solchen Tumor, bei den Frauen sind es fast 9 je 100.000 pro Jahr. Italienweit liegt die Inzidenz bei den Männern bei 24,8 je 100.000 Einwohner und bei den Frauen bei 5,8. Der Negativrekord war Anlass für einen Kongress.

Rauchen kann in Kombination mit exzessivem Alkoholkonsum Tumoren im Mund auslösen.
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Rauchen kann in Kombination mit exzessivem Alkoholkonsum Tumoren im Mund auslösen. - Foto: © shutterstock

Organisiert wurde der Kongress von Zahnärztekammer-Präsident Dr. Christian Greco. Dr. Luca Calabrese. Primar der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung in Bozen, führte wissenschaftlich Regie. „2 bekannte Risiko-Faktoren sind  exzessiver  Alkoholkonsum in Verbindung mit Rauchen“, sagt er.

Entzündete Schleimhäute als Einfallstor für Keime

„Es sind nicht die ein, 2 Gläser Wein am Tag, sondern wir reden hier von Alkoholmissbrauch, vom Konsum von Superalkoholika. Leider ist auch unter den jungen Leuten eine deutliche Zunahme des Alkoholkonsums zu verzeichnen“, schickt der HNO-Primar vor aus. Äußerst gefährlich werde es für all jene, die trinken und rauchen. „Bei dieser Kombination summiert sich das Risiko nicht nur, es multipliziert sich“, weiß der Experte, der von März 2017 bis Dezember des Vorjahres 180 derartige Tumoren operiert hat.

Und warum ist die Kombination Trinken-Rauchen so riskant? „Weil der Alkohol für eine Entzündung der Schleimhäute sorgt und damit Eintritt und Aufnahme der schädlichen Tabaksubstanzen erleichtert“, erklärt Primar Calabrese. Warum ist Südtirol hier Spitzenreiter? Rauchen die Südtiroler mehr? Trinken sie mehr? „Zum Tabakkonsum habe ich keine gesicherten Daten. Aber was den Alkoholkonsum betrifft, so decken sich die Tumordaten mit den Alkoholkonsumdaten. Hier liegt Südtirol ganz vorne, gefolgt von Nordostitalien“, erklärt Dr. Calabrese.

Leider ist Südtirol nicht nur Spitzenreiter bei den Erkrankungen, sondern auch bei der Sterblichkeitsrate. „Südtiroler, die an diesen Tumoren erkranken, sterben häufiger daran als im restlichen Staatsgebiet. Die Mortalitätsrate liegt bei 16,8 Männern auf 100.000 Einwohner, bei den Frauen sind es 4,1 je 100.000. Italienweit liegt die Mortalitätsrate bei Männern bei 11,1 je 100.000 Einwohner, bei den Frauen 2,4“, sagt Dr. Calabrese.

Hohe Sterblichkeit durch späte Diagnose

Der Grund dafür sei in der verspäteten Diagnose des Tumors zu suchen. „Erstens, weil Betroffene offensichtlich eine hohe Schmerztoleranz haben, und zweitens weil die Haus- und Zahnärzte für Verletzungen im Mundbereich zusätzlich sensibilisiert werden müssen“, meint Dr. Calabrese.

Genau auf diese Früherkennung sei der Kongress ausgelegt gewesen, betont Dr. Christian Greco, Zahnärztekammerpräsident und Direktor des zahnärztlichen Dienstes am Meraner Spital. „Diese Läsionen im Mund müssen früher erkannt werden.

Denn nur mit einer Frühdiagnose kann die Lebenserwartung der Patienten verbessert werden. Ist diese Läsion klein, kann sie auch vom niedergelassenen Zahnarzt behandelt werden. Ist sie komplexer, kann der Patient in den nächsten Sprengel oder Krankenhaus geschickt werden. In Zukunft soll es hier mehr zahnärztliche Ambulanzen in den Krankenhäusern geben“, sagt Dr. Greco.

Dass dieses Thema von Interesse ist, zeigte der Umstand, dass rund 180 Personen – Zahn-, Haus- und Kinderärzte sowie Zahnhygieniker – den Kongress besuchten, so Organisator Dr. Greco.

Den Zahnärzten kommt wesentliche Rolle zu

Laut internationaler Literatur wiesen mindestens 0,3 Prozent der Bevölkerung Leukoplakien (weiße, nicht abwischbare Flecken an der Mundschleimhaut, Anm. d. Red.) auf. „Auf Südtirol umgelegt wären dies 2000 Menschen, aber wir kriegen nur 200 zu Gesicht. Aus derartigen Schleimhautveränderungen können sich Tumoren entwickeln, müssen aber nicht. Umso sicherer ist es, wenn diese Leukoplakien angeschaut und notfalls chirurgisch entfernt werden“, sagt Dr. Calabrese.

„Uns Zahnärzten kommt hier eine wesentliche Rolle zu. Biopsien können in allen zahnärztlichen Ambulanzen durchgeführt werden“, unterstreicht Dr.Greco. In Zukunft sollen Leitlinien und ein Behandlungsparcours entwickelt werden. „Eine Art Wegweiser, damit wir alle im Netzwerk zum Wohle der Patienten arbeiten “, so Dr. Greco.

Von wegen Risikofaktor: „Wir mussten feststellen, dass derartige Tumoren auch bei jungen Menschen unter 30 zugenommen haben. Auf Alkohol und Tabak ist dies nicht zurückzuführen, denn dazu braucht es einen Konsum über mindestens 10 bis 15 Jahre. Im Verdacht haben wir hier das Papillomavirus, das wir bei 50 Prozent der jungen Patienten nachgewiesen haben“, so Dr. Calabrese.

D/lu

stol