Donnerstag, 18. Mai 2017

"Turn-Unterricht an Volksschulen muss besser werden"

Turnen ist eines der Lieblingsfächer für den Großteil der Schüler. Endlich einmal nicht still sitzen, endlich hüpfen, laufen und Fangen spielen. Doch der Sportunterricht an Südtirols Grundschulen soll qualitativ besser werden, die Turnlehrer fundiert ausgebildete Profis sein. Warum das wichtig ist, erklärt Sportwissenschaftler Kurt Jakomet im STOL-Interview.

Turnen an der Grundschule ist Thema.
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Turnen an der Grundschule ist Thema. - Foto: © shutterstock

Das Thema Sportunterricht in den Volksschulen war zentrales Thema der Jahresversammlung der Vereinigung Südtiroler Sportwissenschaftler und diplomierten Sportpädagogen. Dazu wurde eine eigene Resolution verabschiedet (siehe unten). Die Forderungen sind klar. STOL hat nachgefragt, wo es hakt und was verbessert werden soll.  

Südtirol Online: Allem voran - warum ist der Sport-Unterricht in der Grundschule so wichtig?
Sportwissenschaftler Kurt Jakomet: Gerade diese Altersspanne – von Kindergarten- aber auch Volksschulalter – wird als sensible Phase bezeichnet. Das bedeutet, dass der Lernfaktor von Fähigkeiten in der Bewegung ziemlich hoch ist. Was die Kinder dort lernen, lernen sie später nicht mehr in dem Ausmaß. Sie sollen es richtig und viele Möglichkeiten lernen.
Die Grundschule ist jene Gelegenheit, in der alle Kinder da sind und alle die annähernd gleichen Ausgangsmöglichkeiten haben. Wir wissen alle, dass die klassische Familie heute mit teils zwei arbeitenden Eltern nicht mehr die Zeit oder auch Möglichkeit hat, etwas mit den Kindern zu unternehmen oder sie in den Sportverein einzuschreiben. 

STOL: Sie fordern, dass mindestens drei Sportstunden pro Woche in allen Klassen der Grundschule eingeführt wird: Wie ist die Situation derzeit?
Jakomet: Aktuell haben wir nicht die 3 Stunden Sportunterricht, wie auch von der Weltgesundheitsorganisation gefordert. Und falls etwas gestrichen wird, weil neues dazukommt, dann ist es derzeit der Sportunterricht. Wenn man sagt: Gesundheit ist das höchste Gut, dann muss man schon etwas mehr investieren.
Zudem haben die Kinder in der Zeit einen riesen Bewegungsdrang. Da können Bewegungspausen und –stunden sehr hilfreich sein. Es ist bewiesen, dass viel Bewegung die Konzentrationsfähigkeit stärkt.

STOL: Zu den Lehrpersonen im Sportunterricht – auch dort soll es Verbesserungen geben – warum?
Jakomet: Die zentrale Forderung ist, dass wird auch im Sportunterricht Profis haben. Die Musikstunde macht der ausgebildete Musiklehrer, Religion macht der Religionslehrer, Sport macht ein Volksschullehrer einfach mit – ohne fundierte Ausbildung. Die Volksschulen stellen derzeit keine Absolventen von Sportwissenschaften und Sportpädagogen an. Da liegt der Hund begraben.

STOL: Was können Sportwissenschaftler und -pädagogen, was andere Lehrer nicht können?
Jakomet: Ich glaube nicht, dass wenn ich nebenher etwas tue, jene Qualität liefern kann, wie jene, die eine fundierte Ausbildung gemacht haben. Es geht um die richtige Handhabung, den methodischen Aufbau von Sportarten, es geht darum ein Risiko zu erkennen, wenn ich etwas mache. Es geht um die richtige Sicherung, damit es zu keinen Verletzungen kommt.
Die Problematik, die sich an den Volksschulen stellt, ist, dass ein Pädagoge sich dies oft nicht zutraut und der Turnunterricht aus Fangenspielen und Standardsachen besteht. Alles andere, um das Gleichgewicht, die Koordination und dergleichen zu schulen, bleiben aus – aus Angst oder Unwissenheit.
Wir reden hier von der Weichenstellung für die Zukunft, das Erlernen von Grundsätzen, um später etwas damit anzufangen und um die Motivation, damit weiterzumachen.

STOL: Ein Aspekt ist auch die räumliche und materielle Ausstattung der Schulen - wie ist es darum bestellt?
Jakomet: Nach internationalem Standard ist es um Südtirol gut bestellt. Wo es besser werden kann, ist im Bereich der Wartung und Ajournierung. Die Sportlehrer müssen up to date sein, Trendsportarten in den Unterricht miteinbringen.
Es ist sehr wichtig, Qualität in den Sportunterricht der Volksschulen zu bringen, um langfristig andere Weichen zu stellen. 

Interview: Petra Kerschbaumer

stol