<h3> von Hans Rieder</h3>Es fällt auf, dass sich das Kirchen- und Bauernjahr im Brauchtum, im Gebet und in der Arbeit gegenseitig ergänzen. Dabei greifen die religiösen und weltlichen Gepflogenheiten ineinander, sie bezeugen insgesamt, dass all diese Bräuche einstmals aus dem starken Seelenglauben gewachsen sind. Daher rührt auch das Fest Allerseelen, das am 2. November begangen wird. Auch in der Seelenwoche nach Allerheiligen, wo kleine Geschenke an arme Leute verteilt wurden, kam deren Dank den armen Seelen zugute. <h3>Von der heißen und der kalten Pein</h3>Weit verbreitet ist immer noch das Armenseelenläuten zu Mittag des Allerheiligentages. Damit verbunden ist der Glaube, dass die armen Seelen dadurch für eine Stunde aus den Qualen des Fegefeuers befreit werden. Dabei unterschied der Volksglaube laut Volkskundler Paul Tschurtschenthaler zwischen den Seelen, die die „heiße Pein“ erleiden mussten, und den Seelen, die „der kalten Pein“ ausgesetzt waren. Diese Pein traf für Geizhälse zu. In der Stunde zwischen 12 und 13 Uhr beteten die Dorfbewohner in der Kirche das Ablassgebet. Immer wenn ein Ablass fertig war, verließen die Gläubigen kurz das Gotteshaus, um dann wiederum zum nächsten Ablassgebet in die Kirche zu gehen.<BR /><BR />Allen bekannt sind die kirchlichen Feiern zu Allerheiligen, wo in besonderer Weise der Verstorbenen gedacht wird. Das Gräberschmücken, das Kerzenlicht bei anbrechender Dunkelheit, die festliche Stille in den Friedhöfen verleihen der Allerheiligenzeit eine besondere Stimmung zwischen Trauer, Erinnerungen und der Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den Verstorbenen.<BR /><BR />Zum weltlichen Brauchtum gehören Patengeschenke, auf die sich die Kinder heute noch freuen. Früher waren es noch ganz bescheidene Gaben, wie ein Apfel, Nüsse und Krapfen, die die Patenkinder van Tëitn (dem Paten) und va do Töütn (der Patin) bekommen haben. Heute gehören die Gebildbrote, das Ross für die Buben und die Henne für die Mädchen, zum Allerheiligenzeug. Dazu gibt es meistens noch Süßigkeiten und etwas Geld. <h3>Pitschilesingen, der singende Bettelgang </h3>Immer schon gab und gibt es heute noch im Ahrntal in der Woche zu Allerheiligen den Brauch des Pitschilesingens. Mehrere Leute tun sich zu Kleingruppen zusammen und ziehen von Hof zu Hof. Wie der Name Pitschilesing schon besagt, wird zuerst gesungen, dafür werden dann die Singgruppen mit einer Gabe, den „Pitschilan“, belohnt. Pitschilan sind kleine Brotlaibe, die eigens zu diesem Anlass gebacken und den Herumziehenden als Dank für ihre musikalischen Darbietungen geschenkt werden. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1232703_image" /></div> <BR /><BR />Die Tradition des Pitschilesingens hat sich im Ahrntal bis heute gehalten. Dieser Brauch bleibt immer auf neun Tage begrenzt: Er beginnt am 1. November und dauert bis zum 9. desselben Monats. Die Pitschilesinga ziehen bei anbrechender Dunkelheit von Haus zu Haus, tragen dort zunächst ein typisches Ahrntaler Pitschilelied vor und schließen die Darbietung mit einem weltlichen Gesang ab. Wenn ursprünglich die Lieder einstimmig und manchmal wohl etwas bescheiden vorgetragen wurden, entwickelte sich der Gesang immer weiter. Mehrstimmig und mit schönem Klang werden die Lieder heute gesungen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1232706_image" /></div> <BR /><BR />Einer der Pitschilesinger trägt immer einen Korb bei sich, in dem die Brote fürs Singen gesammelt werden. Zu diesem singenden Bettelgang um Brot brachen früher nur arme Leute auf. Sie waren in kleinen Gruppen unterwegs, trugen häufig einen Mantel und verdeckten ihren Kopf und das Gesicht, denn sie schämten sich für ihre Armut und wollten nicht erkannt werden. Beim Danken verstellten sie die Stimme, wenn ihnen das Brot vom Söller, dem Balkon, in den Korb geworfen wurde. Da kam es schon auch vor, dass die Pitschilesinger durch das Tor in die Laabe, den Hausgang, gezerrt wurden, um zu schauen, wer die Leute waren. <BR /><BR />Das Pitschilesing begann beim Anbruch der Dunkelheit und dauerte oftmals bis spät in die Nacht hinein. Wie sehr dieser Brauch einstmals verbreitet war, erzählte die Obermairbäuerin aus St. Jakob, die in einer Nacht neunmal aufgestanden sei, um den Sängern das Brot zu geben. Wenn die Pitschilesinga in der Nacht zu spät noch unterwegs waren und die Leute in ihrem Schlaf störten, kam das nicht gut an. So rügte der Pfarrer Engel aus St. Jakob eine Gruppe, die allzu spät unterwegs war, tags darauf in der Kirche und nannte sie „Armeseelenbettler“. <BR /><BR />Lange Zeit war das Pitischilesingen für Ärmere und Nichtbauern eine Notwendigkeit, um zumindest für einige Zeit etwas Brot anzusammeln. Wenn sich die Gruppen besonderes bemühten und schön sangen, honorierten dies die Hofleute, indem sie mehr Brote verteilten. Das Brot wurde abschließend unter allen Sängern aufgeteilt. <BR /><BR />Heute noch wird dieser Brauch im Ahrntal gepflegt. Allerdings beruht er nicht mehr auf der Notwendigkeit, etwas Brot zu bekommen, sondern er ist zu einem gesellschaftlichen Ereignis geworden. Meistens tun sich dazu gute Sänger zusammen und bereiten sich sorgfältig vor, um die Lieder mehrstimmig und teilweise sogar kunstvoll vorzutragen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1232709_image" /></div> <BR /><BR />Damit wird einerseits altes Liedgut erhalten und überliefert, andererseits wird ein alter Brauch am Leben erhalten und weitergeführt. Schließlich will man das Pitschilesing „jo net oukemm“, also ja nicht in Vergessenheit geraten lassen. <h3>Das Allerseelenbrot für die Armen des Dorfes</h3>Zum Gedenken an die armen Seelen und diesen „zu Hilf und Trost“, wurden zu Allerheiligen im Pustertal immer schon Almosen an die Bedürftigen des Dorfes verteilt. Paul Tschurtschenthaler schreibt im Buch „Bauernleben im Pustertal“, dass einstmals im Pustertal in der Woche vor Allerheiligen auf den Höfen Brot gebacken wurde, das dann in der Seelenwoche an die Dorfarmen verteilt wurde. Man nannte dieses Brot das Allerseelenbrot.<BR /><BR />Bald zogen nicht mehr nur die Dorfarmen umher, um Brot zu betteln. Mit der Zeit kamen auch die Buchensteiner in Bettelgruppen ins Pustertal und in die Nebentäler. Sie füllten das Brot in große Säcke und trugen ihre Gaben nach Hause. Bis herauf in die 1930er-Jahre zogen auch die sogenannten Podlaweibilan, die in den Dörfern hinter dem Kreuzberg wohnten, durch die Dörfer und bettelten um Brot. Kein Wunder, dass sich die Bauern auch damit behalfen, dass sie zu diesem Anlass kleinere Brote, die Pitschilan backten. <BR /><BR />Die Bedeutung des Wortes Pitschile erklärt Msgr. J. Baur folgendermaßen: Dieses Wort ist offenbar romanischen Ursprungs und geht auf jene Leute zurück, die jeden Herbst zahlreich aus Podl, Plodn und Gamelgen ins Pustertal kamen und dort um ein „piccio pang“ (kleines Brot) bettelten.<BR /><BR />Mit der Zeit wurde aus diesem Brauch aber ein Missbrauch, denn die steigende Anzahl der Bettlergruppen und mancherorts die Zudringlichkeiten wurden den Leuten zu viel. So wird erzählt, dass dabei auch Unfug getrieben wurde und es zu frechen Forderungen der Bettler kam. Kein Wunder, dass der Brauch und damit die Bettelgänge abgeschafft wurden. <h3> Buchtipp</h3>Von Menschen, Heimat und ländlichen Gegenden schreibt Hans Rieder in seinem neuen Buch „Wo die Zeit Geschichten schreibt“; Athesia-Verlag, 272 Seiten, 25 Euro. <a href="https://www.athesiabuch.it/item/75829239" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Hier können Sie das Buch bestellen.</a>