„Einer richtete die Pistole auf mich – wie im Film – den Lauf direkt an meiner Stirn“, erzählt F.S. aus Terlan gegenüber s+. Und das war erst der Anfang.<BR /><BR /><BR /><b>Herr S., Erinnern Sie sich bitte zurück an jenen Abend. Schildern Sie uns, was passiert war.</b><BR />Es war Ladenschluss, ein Samstag im Februar so gegen 00.30 Uhr. Meine Kollegin und ich waren gerade dabei die Tankstelle über den Hinterausgang zu verlassen. Ich wollte noch auf einen Maturaball in Terlan. Doch dazu sollte es nicht kommen. Ich sperrte die Tür auf und schaltete die Lichter aus. Meine Kollegin ging voraus. Noch bevor sie nach draußen gehen konnte, gab ihr jemand einen heftigen Schubs, sodass sie rückwärts zu Boden stürzte. Auch ich stolperte und fiel rücklings hin. Im ersten Moment dachte ich noch an einen Scherz von Kollegen, doch als jemand das Licht anmachte, erkannte ich sofort, dass es leider kein Spaß war. 2 mit Sturmhauben maskierte und mit Pistolen bewaffnete Männer waren in die Tankstelle eingedrungen. <BR /><BR /><b>Und wie ging es dann weiter?</b><BR />Die Männer traten äußerst aggressiv und brutal auf. Einer richtete die Pistole auf mich – wie im Film – den Lauf direkt an meiner Stirn, der andere riss in blinder Zerstörungswut den Heizkörper aus der Wand. Auch ein Regal, das mit Ölflaschen und anderem Autozubehör gefüllt war, warf er um. Dann fragten die Maskierten in gebrochenem Italienisch, wo das Geld sei. Wir antworteten wahrheitsgemäß, dass sich dieses im Büro befand. Genau an dem Tag – ein Samstag - war es mehr als gewöhnlich. Dann fesselten sie uns mit Klebeband und Kabeln des Faxgerätes an Händen und Füßen und klebten mir den Mund zu. Meiner Kollegin drohten sie andauernd mit Vergewaltigung. Untereinander sprachen sie eine uns unbekannte Sprache. Auf allen Vieren kriechend scheuchten sie uns dann ins danebenliegende Büro, die Pistole blieb die ganze Zeit auf mich gerichtet. Im Büro angekommen warfen sie einen Schreibtisch um, der meine Kollegin traf und verletzte. Das Geld hatten sie gleich gefunden und an sich genommen. Einer der beiden begab sich dann in den Verkaufsraum, um weitere Wertsachen zu suchen, der andere malträtierte uns weiter. Mir stieß er mit seinen Schuhen ins Gesicht, trat mir mehrmals gegen den Kopf. Meiner Kollegin drohte er immer wieder mit Vergewaltigung, von Schlägen blieb sie glücklicherweise weitgehend verschont.<BR /><BR /><b>Was ging Ihnen in diesen Momenten durch den Kopf?</b><BR />Ich dachte von Anfang an, dass ich mich nicht wehren sollte. Durch ihr aggressives Auftreten hätte ich den 2 Tätern alles zugetraut. Deshalb kooperierte ich und wehrte mich nicht. Die Schläge und Tritte habe ich über mich ergehen lassen, den Schmerz spürt ich in dem Moment nicht einmal richtig, ich war wie gelähmt und hab einfach nur gehofft, dass sie uns in Ruhe lassen, wenn sie das Geld haben. Kurzfristig hatte ich die Befürchtung, dass sie uns entführen könnten. Aber wirklich denken tut man in so eine Situation nicht, es läuft alles ab wie in einem Film. Es kommt einem irgendwie nicht real vor, man hofft einfach, dass man heil rauskommt aus der Sache, meine Sorgen galten eher der Kollegin als mir selbst. Mir kam es vor wie eine Ewigkeit. Im Endeffekt waren wir eine halbe Stunde in der Gewalt der Räuber. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="684611_image" /></div> <BR /><BR /><b>Und dann verschwanden die Täter endlich?</b><BR />Ja, wir hörten im Bereich des Hintereingangs ein Auto starten – es war der Peugeot 106 der Kollegin, der sie zuvor den Autoschlüssel abgenommen hatten und losfahren. Doch nur wenige Sekunden später hielt das Auto wieder – direkt vor der Eingangstür. Ich war geschockt, weil die Hoffnung auf „Erlösung“ wieder schwand. Und tatsächlich: Einer der Täter kam zurück ins Gebäude – allerdings nur um sich einen Feuerlöscher zu schnappen, mit dem er die Frontscheibe und Seitenscheiben des gestohlenen Autos zertrümmerte. Die Scheiben des Fahrzeugs waren nämlich vereist, und die Täter hatten wohl wenig Lust und Zeit, das Eis abzukratzen. Dann fuhren sie endgültig davon – in Richtung Etschdamm. Wie die Ermittlungen später ergaben, kamen die Täter ursprünglich mit ihrem eigenen Auto über einen Güterweg bis in die Nähe der Tankstelle. Nach dem Überfall ließen sie den gestohlenen Peugeot dort zurück – wo er dann später an der MeBo-Brücke bei Vilpian von den Ermittlern gefunden wurde – und machten sich mit ihrem eigenen Auto aus dem Staub.<BR /><BR /><b>Und dann?</b><BR />Als ich sicher war, dass sie wirklich weg waren, versuchte ich mich meiner Fesseln zu entledigen, was mir schließlich mithilfe meines Feuerzeugs, das ich in der Hosentasche hatte, gelang. Dann befreite ich meine Kollegin und rief sofort die Polizei. Ich war ziemlich unter Schock, meine Kollegin ebenfalls. Der Krankenwagen brachte uns beide ins Bozner Krankenhaus, wo sie bei mir eine Heilungsdauer von 2 Wochen, bei meiner Kollegin 10 Tage diagnostizierten. Was ich mich genau erinnere: Im Krankenhaus erst fiel die ganze Anspannung von mir ab, ich war unglaublich erleichtert, dass wir alles halbwegs gut überstanden haben. <BR /><b><BR />Wurden die Täter je gefasst?</b><BR />Nein. So viel ich weiß leider bis heute nicht. Die Fahndung von Polizei und Carabinieri lief damals zwar auf Hochtouren, doch weil die Gesichter der Täter verdeckt waren, konnten wir keine Hinweise auf das Aussehen der Männer geben und keine Phantombilder erstellt werden. Ich weiß noch, dass man einige Männer eine Zeit lang beobachtete, doch alles ohne Erfolg. Später kam es auch noch zu einer Gegenüberstellung in der Quästur, wo wir anhand der Stimme die Täter zwischen mehreren Männern identifizieren hätten sollen. Doch es gab keinen Treffer. <BR /><BR /><b>Was würden Sie den Tätern sagen, wenn Sie sie heute treffen würden?</b><BR />Das weiß ich ehrlich gesagt nicht, aber es ist bitter und alles andere als beruhigend, zu wissen, dass sie wahrscheinlich nie gefasst wurden und womöglich noch weitere Überfälle getätigt haben, bei denen Menschen zu Schaden gekommen sind. Ich hätte ihnen ihre gerechte Strafe gegönnt. <BR /><BR /><b>Hat sie das Erlebte verändert? Wenn ja, wie?</b><BR />Glücklicherweise konnte ich das Erlebte gut verarbeiten, ich habe auch keine psychologische Hilfe in Anspruch genommen und noch weiter an der Tankstelle gearbeitet. Der Überfall hat mein Leben nicht nachhaltig beeinflusst, allerdings bin ich schon wachsamer seitdem.<BR /><BR /><BR /><BR />