<h3> Adipositas bei Kindern in Südtirol</h3>Laut der Studie OKkio alla SALUTE 2023 ist Südtirol nach wie vor die Provinz mit der niedrigsten Übergewichts- und Adipositasrate in Italien – sie ist etwa halb so hoch wie der nationale Durchschnitt – und einem sehr geringen Anteil an stark adipösen Kindern. <BR /><BR />Konkret wogen zum Zeitpunkt der Testung 12 Prozent der Südtiroler Kinder (im Alter von 8 Jahren) mehr als das empfohlene Richtgewicht, 2,7 Prozent waren fettleibig und 0,5 Prozent stark adipös. Zum Vergleich: Italienweit waren im Jahr 2023 19 Prozent der Kinder übergewichtig und 9,8 Prozent adipös, davon 2,6 Prozent stark adipös. Trotz alledem stellt Übergewicht bei Kindern jeden Alters ein erhebliches Problem dar, das weiter wächst. <BR /><BR /><b>Dr. Michael Zöbl</b>, Geschäftsführender Primar der Pädiatrie Brixen, gibt im Interview mit s+ Einblicke in soziokulturelle Risikofaktoren, potenzielle Folgeerkrankungen und erklärt, warum Essen nicht als Trostmittel eingesetzt werden sollte. <BR /><BR /><b>Herr Dr. Zöbl, welche gesundheitlichen Folgen hat starkes Übergewicht bei Kindern?</b><BR />Dr. Michael Zöbl: Wenn Kinder stark übergewichtig oder sogar fettleibig sind, erhöht sich das Risiko für eine Vielzahl gesundheitlicher Probleme. Dazu zählen erhöhte Blutfettwerte, ein gesteigertes Risiko für Typ-2-Diabetes und langfristig auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diese entwickeln sich nicht innerhalb weniger Jahre, sondern über Jahrzehnte hinweg. Aber schon in jungen Jahren wird der Grundstein für das sogenannte metabolische Syndrom gelegt, das später schwerwiegende Konsequenzen haben kann. Je länger das Übergewicht besteht, desto schwieriger wird es für die Betroffenen, ihre Gewohnheiten zu ändern und abzunehmen.<BR /><BR /><b>Sind die gesundheitlichen Folgen bereits unumkehrbar, wenn ein Kind stark übergewichtig war, später aber wieder Normalgewicht erreicht?</b><BR />Dr. Zöbl: Nein, nicht zwingend. Wenn das Übergewicht konsequent bekämpft wird und das Kind zu einem gesunden Lebensstil findet, dann kann das Risiko für Folgeerkrankungen gesenkt werden. Allerdings ist der Umgang mit Adipositas eine Gratwanderung: Programme zur Prävention von Übergewicht können unter Umständen ins Gegenteil umschlagen und Essstörungen begünstigen. Eine extrem kalorienreduzierte Diät ist für Kinder keine Lösung, da sie für ihr Wachstum Energie benötigen. Stattdessen sollte man auf eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung achten.<BR /><BR /><b>Würden Sie Adipositas bei Kindern bereits als „Essstörung“ definieren?</b><BR />Dr. Zöbl: Nicht unbedingt. Adipositas ist in den meisten Fällen nicht primär eine Essstörung, sondern oft eine Kombination aus falscher Ernährung und Bewegungsmangel. Viele Kinder konsumieren hochkalorische, aber nährstoffarme Lebensmittel wie zuckerhaltige Getränke oder Snacks. Gleichzeitig hat sich das Freizeitverhalten geändert: Früher waren Kinder mehr draußen, heute verbringen sie viel Zeit vor Bildschirmen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-69147160_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Gibt es (auch) einen Zusammenhang zwischen dem sozialen Umfeld und Fettleibigkeit bei Kindern?</b><BR />Dr. Zöbl: Ja, das zeigt sich auch in meiner täglichen Arbeit. Das Ernährungsbewusstsein ist oft bei höherem Bildungsniveau ausgeprägter. Zudem spielt die finanzielle Situation eine Rolle, da gesunde Lebensmittel oft teurer sind.<BR /><b><BR />Oft sieht man, dass Kleinkindern sofort etwas zu essen gegeben wird, wenn sie quengeln. Ist das problematisch?</b><BR />Dr. Zöbl: Absolut. Essen sollte nicht als Trostmittel eingesetzt werden. Wenn Kinder lernen, dass sie bei jeder Unruhe etwas zu essen bekommen, kann das langfristig zu einem gestörten Essverhalten führen. Auch die ständige Ablenkung durch Tablets oder Handys beim Essen ist problematisch. Eltern sollten ihren Kindern gesunde Ernährungsgewohnheiten vorleben, anstatt auf schnelle Lösungen wie Zucker oder digitale Ablenkung zurückzugreifen.<BR /><BR /><BR /><b>Aktuelle Studien zeigen allerdings, dass es in Südtirol weniger fettleibige Kinder gibt als in übrigen Teilen Italiens. Was könnte der Grund dafür sein?</b><BR />Dr. Zöbl: Das lässt sich nicht wissenschaftlich belegen, aber ich vermute, dass die ländliche Prägung Südtirols eine Rolle spielt. Die Kinder haben hier mehr Möglichkeiten, sich in der Natur zu bewegen. Außerdem gibt es in Südtirol weniger Fast-Food-Ketten als beispielsweise im (ebenfalls ländlichen) Nordtirol oder größeren Städten, was sich auf das Ernährungsverhalten auswirken könnte.<BR /><b><BR />Welche Tipps geben Sie Eltern, deren Kinder übergewichtig sind?</b><BR />Dr. Zöbl: Das Wichtigste ist, als Eltern eine Vorbildfunktion einzunehmen. Kinder orientieren sich am Verhalten ihrer Eltern. Besonders schädlich sind zuckerhaltige Getränke und unkontrolliertes Essen, zum Beispiel vor dem Fernseher oder beim Computerspielen. Eltern sollten versuchen, gesündere Alternativen anzubieten und die Bewegung zu fördern. Es ist nicht einfach, Kinder für gesunde Ernährung und Sport zu begeistern, aber je früher man damit beginnt, desto größer sind die Erfolgschancen.